Tag der Patientensicherheit
„Seien Sie kritisch, fragen Sie nach“

Gronau -

Vor einem Jahr ist die AG Risikomanagement im Lukas-Krankenhaus gestartet. Im Rahmen einer Vortragsveranstaltung zum „Tages der Patientensicherheit“ wurde jetzt klar: Es gibt dabei noch Potenzial.

Freitag, 08.11.2019, 08:30 Uhr
Zahlreiche Gäste verfolgten die Vorträge von Dr. Christian Thomeczek (Mitte) und Dr. Sebastian Baum (r.). Links Stefan Rittmeyer, Chefarzt der Geriatrie des Lukas-Krankenhauses
Zahlreiche Gäste verfolgten die Vorträge von Dr. Christian Thomeczek (Mitte) und Dr. Sebastian Baum (r.). Links Stefan Rittmeyer, Chefarzt der Geriatrie des Lukas-Krankenhauses Foto: Christiane Nitsche

„Dass wir so am Anfang stehen, hätte ich nicht gedacht.“ Chefarzt Stefan Rittmeyer zeigte sich nachdenklich am Ende des „Tages der Patientensicherheit“ am Lukas-Krankenhaus. Man wolle sich selbst auch ein wenig feiern, hatte der Leiter der Geriatrie bei der Begrüßung gemeint. Vor einem Jahr sei die AG Risikomanagement ins Leben gestartet, die Sicherheit der Patienten im Haus in den Fokus zu nehmen, erklärte Rittmeyer stolz. Nach den Vorträgen von Dr. Sebastian Baum und Dr. Christian Thomeczek zeigte sich: Es gibt dabei noch Potenzial.

Der promovierte Apotheker Baum und der Leiter des Ärztlichen Zentrums für Qualität in der Medizin ( ÄZQ ), Thomeczek, machten aus ihrer jeweiligen Warte deutlich, was alles schief gehen kann im Krankenhausbetrieb – und warum. Dabei führte Thomeczek auch seine Erfahrungen aus seiner zweiten Qualifikation als Verkehrs- und Rettungsflieger ins Feld. „Ich musste mir Gedanken über Patientensicherheit machen, als es das Thema noch gar nicht gab.“

Keine Selbstverständlichkeit

Tatsächlich ist es keine Selbstverständlichkeit, dass es das ÄZQ als gemeinsame Einrichtung von Bundesärztekammer und Kassenärztlicher Bundesvereinigung überhaupt gibt. Noch vor 30 Jahren waren Fehler in der Patientenversorgung ein Tabu – da waren sich alle im Saal einig. Wie sensibel das Thema immer noch ist, davon zeugt die hohe Resonanz aus Ärzteschaft und Pflege bei beiden Vorträgen.

Das macht 19 000 Tote – soviel Menschen sterben jedes Jahr durch vermeidbare Zwischenfälle im Krankenhaus.

Chefarzt Stefan Rittmeyer

Eine der Maßnahmen, die das Lukas-Krankenhaus bereits ergriffen hat, ist die Zusammenarbeit mit Dr. Baum. Er komme alle 14 Tage mit auf Visite und überprüfe die Medikamente. „Das ist kein Pillepalle“, erklärte Rittmeyer. „Stellen Sie sich vor, jede Woche würde in Deutschland ein Airbus A 330 abstürzen“, sagte er. „Das macht 19 000 Tote – soviel Menschen sterben jedes Jahr durch vermeidbare Zwischenfälle im Krankenhaus.“ Dazu gehörten eben auch Fehler im Zusammenhang mit der Medikamentierung. „Nur circa 25 Prozent der Krankenhäuser beschäftigen einen Apotheker“, rechnete Baum vor. „Und das meist nur stundenweise.“ Dabei reicht die Kette an Fehlerquellen vom Arzt über den Apotheker bis zum Patienten selbst, wie er anschaulich an zahlreichen Beispielen zeigte. Besonders in der Geriatrie, wo Menschen mit mehreren Leiden und eingeschränkten körperlichen Funktionen behandelt werden, sei die Abstimmung mit Hausarzt und Apotheker wichtig. „Das sind Patienten, die müssen 15 bis 30 verschiedene Medikamente nehmen, und das drei Mal täglich.“ Das berge nicht nur das Risiko für Fehler, sondern auch das von unerwünschten Neben- und/oder Wechselwirkungen. Außerdem sei mitunter fraglich, ob das alles wirklich nötig sei. „Fragen Sie sich: Was ist Ihr Therapieziel?“ Wenn es primär um die Bekämpfung von Schmerzen geht, statt um eine Lebensverlängerung um jeden Preis, sei mitunter „weniger mehr“. Bei mehr als 2000 zugelassenen Wirkstoffen in Deutschland könne außerdem kein Arzt alle auswendig kennen. Hier gilt: Fragen Sie Ihren Apotheker. „Diejenigen, die eine pharmazeutische Visite erhalten, haben ein 30 Prozent geringeres Risiko für Nebenwirkungen.“ Baums Appell an die Ärzteschaft: „Sie brauchen Interdisziplinarität, also Teamwork, und dazu gehört auch die Pflege und der Patient.“ Den Patienten empfahl er: „Seien Sie kritisch, fragen Sie nach.“

Dr. Christian Thomeczek: „Müssen akzeptieren, dass wir Fehler machen“

Teamwork, Transparenz und Kommunikation sind auch für Dr. Thomeczek die Säulen, auf denen Patientensicherheit ruht. Er sei überzeugt, „dass das Thema gar nicht so komplex ist, sondern dass es auf ganz praktische Dinge ankommt, die eigentlich jeder kann“.Klare Absprachen, interprofessionelle Checklisten und nicht zuletzt das Meldesystem CIRS (Critical Incident Reporting System), über das Kliniken Fehler anonymisiert melden können, seien die Instrumente dazu. Aus einmal gemachten Fehlern zu lernen und das adäquat zu kommunizieren – für ihn „das schärfste Instrument für Risikomanagement“.Tomeczek machte an positiven wie negativen Beispielen aus der Luftfahrt deutlich, wie mittels Training, Checklisten und eingeübten Kommunikationsabläufen Katastrophen vermieden werden können und wie ihr Fehlen eine solche geradezu heraufbeschwört. Es gelte, einen Standard zu entwickeln statt darauf zu setzen, dass im entscheidenden Moment die Leute mit der richtigen Expertise da sind. In der Medizin sei das leider oft noch so. Anhand von Studien zeigte Tomeczek, „dass Ärzte eher zu Selbstüberschätzung neigen als Piloten“.Dabei sei Risikomanagement im Grunde nicht schwer: „Konzentrieren Sie sich auf das, was häufig ist und gefährlich sein kann.“ Dazu gehöre bei der OP-Besprechung etwa, auch darüber zu reden, was schief gehen kann und für diesen Fall Szenarien zu entwickeln. So wie der legendäre Captain „Sully“ Sullenberger, der 2009 nach einem Ausfall beider Triebwerke seine Passagiermaschine im Hudson River sicher landen konnte. „Kein Pilot trainiert diese Situation“, erklärte Tomeczek. Aber weil Sullenberger über die Jahre auf langweiligen Langstreckenflügen solche „Was wäre, wenn“-Situationen im Kopf durchgespielt hatte, war er vorbereitet. Dies in Verbindung mit Führungsstärke rettete seinerzeit 155 Menschen das Leben.„Risikomanagement ist wirklich eine Kultur- und eine Bewusstseinsveränderung“, so Tomeczeks Fazit. „Wir als Mediziner müssen akzeptieren, dass wir Fehler machen.“

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