Weißer Ring
„Zivilcourage heißt Bürgermut“

Gronau -

„Zivilcourage lässt leider immer mehr nach.“ Michael Hesselmann engagiert sich seit 18 Jahren beim Weißen Ring. Er war zu Gast beim Seniorennachmittag der IG-Metall-Gewerkschafter im Dinkelhof und berichtete über die aktuelle Lage und die Möglichkeiten der Organisation.

Mittwoch, 13.11.2019, 06:00 Uhr
Aufmerksam verfolgten die Gewerkschaftler die Ausführungen von Michael Hesselmann vom Weißen Ring.
Aufmerksam verfolgten die Gewerkschaftler die Ausführungen von Michael Hesselmann vom Weißen Ring. Foto: Christiane Nitsche

Die einst von Eduard Zimmermann („Aktenzeichen XY“) und einigen Mitstreitern gegründete Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer weiß um den Wert dessen, was Hesselmann auch „Bürgermut“ nennt: „Hinschauen und Helfen!“, so die Aufforderung an jeden, der Zeuge eines Übergriffs, einer Gewalttat oder eines Betruges wird. Denn: „Weggeschaut ist mitgemacht“.

Michael Hesselmann war auf Einladung der IG Metall zu Gast beim Seniorennachmittag der Gewerkschafter im Dinkelhof. Leider sei es immer noch so, dass nach einem Verbrechen allgemein die Aufmerksamkeit mehr auf die Täter gerichtet sei als auf die Opfer, erklärte Hesselmann. Er nannte das Beispiel Halle, wo am 9. Oktober zwei Menschen von einem Rechtsradikalen erschossen worden waren. „Je länger eine Tat her ist, umso weniger interessiert man sich für die Opfer“, so Hesselmann. „Das kann ich bestätigen“, rief eine Frau aus dem Publikum. „Das ist wirklich so.“

Hesselmann machte deutlich, dass man sich in Sachen Kriminalität im Kreis Borken nicht „auf einer Insel der Glückseligen“ befinde. 2018 habe es nach Angaben der Polizei rund 22 000 Straftaten im Kreis gegeben, davon allein knapp 2000 Körperverletzungen und 578 Gewaltstraftaten. „Das ist nur das Hellfeld“, betonte er. „Das heißt, das sind die, von denen man weiß.“

Gerade im Bereich der häuslichen Gewalt sei die Dunkelziffer bekanntermaßen hoch – mit oftmals katastrophalen Folgen für die Opfer. „Die psychischen Folgen wiegen oft schwerer als der materielle Schaden, selbst bei Einbruch und Diebstahl“, berichtete Hesselmann. „Wir haben Fälle gehabt, wo die Kinder sich geweigert haben, weiter zu Hause zu schlafen. Die Eltern mussten das Haus verkaufen.“

Beim Weißen Ring bekommen Opfer Hilfe in allen Belangen – egal, welchen sozialen Hintergrund sie haben oder welches Alter. Vom persönlichen Gespräch über die Vermittlung von juristischer oder psychologischer Hilfe bis hin zu finanzieller Unterstützung oder der Begleitung bei Amtsgängen, zur Polizei oder ins Gericht. Hesselmann: „Wir verbringen viel Zeit mit den Opfern.“

Doch schon vor oder während einer Tat vermissen die Opfer häufig genug die Aufmerksamkeit, die es bräuchte, um ihnen beizustehen. Und das könne jeden treffen. „Jeder von uns kann Opfer werden – jederzeit.“

Erschreckender Weise sei es aber immer so, „dass die meisten Menschen vorbeigehen und sich keiner drum kümmert“. Dabei müsse man keineswegs ein Held sein, um die nötige Zivilcourage zu zeigen. Auch stehe an oberster Stelle auch immer die eigene Sicherheit. „Versuchen Sie nicht, mit dem Täter zu sprechen, lassen Sie sich nicht provozieren.“ Wichtig sei es vielmehr, gut zu beobachten, einen Notruf abzusetzen und andere anzusprechen, um Hilfe zu erhalten – was im Übrigen auch aus der Sicht eines Opfers die richtige Vorgehensweise sei.

Anhand von anschaulichen Beispielen in kurzen Videos führte Hesselmann den rund 50 Anwesenden vor Augen, wie Zivilcourage sticht. Wer Hilfe brauche – ob als Opfer oder als Zeuge, so die Empfehlung, solle möglichst laut und deutlich jene ansprechen, die infrage kommen: „Sie da, mit der roten Jacke, helfen Sie mir!“

► Zwölf Ehrenamtliche – je sechs Männer und Frauen – arbeiten im Kreis Borken für den Weißen Ring. Die Außenstelle in Gescher ist über ✆  02542 954119 erreichbar. Über ✆  116 006 ist das bundesweite Opfer-Telefon täglich von 7 bis 22 Uhr zu erreichen (kostenfrei). Der Weiße Ring finanziert sich über Spenden, Mitgliedsbeiträge, aus Geldbußen, die vom Richter zweckgebunden verhängt werden können, und durch Nachlässe. Auf eine staatliche Unterstützung wird bewusst verzichtet, um größtmögliche Unabhängigkeit zu wahren.

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