Archäologen ergründen Hertie-Baugrube
Suche im Nebel der Vergangenheit

Gronau -

Das graue Wetter liefert am Mittwochmorgen die Schlagzeile für das, was sich derzeit auf dem Hertie-Gelände tut: Suche im Nebel der Geschichte. Denn: Obwohl die Baugrube auf den ersten Blick wie jede andere Brache aussieht, birgt sie Besonderheiten. Wer etwas an der Oberfläche kratzt, für den tut sich der Blick in die Gronauer Vergangenheit auf.

Mittwoch, 20.11.2019, 20:00 Uhr
Spurensuche in der Hertie-Baugrube: Archäologen hoffen, dort Reste der ehemaligen Gronauer Burg oder des Gronauer Schlosses zu finden.
Spurensuche in der Hertie-Baugrube: Archäologen hoffen, dort Reste der ehemaligen Gronauer Burg oder des Gronauer Schlosses zu finden. Foto: Klaus Wiedau

So wie für den Archäologen Christian Golüke von der Archäologie am Hellweg eG und sein Team. Im Auftrag der Stadt und in Abstimmung mit der LWL-Archäologie für Westfalen (Landschaftsverband Westfalen Lippe) suchen die Männer nach Resten der Burg und des Schlosses, die hier einmal standen.

„Die Denkmalpfleger haben für uns als Bauherrn ein Untersuchungsprogramm aufgestellt“, macht Stadtbaurat Ralf Groß-Holtick beim Ortstermin am Dienstag deutlich. Das Ziel – ganz grob formuliert: Die Hertie-Fläche nach Resten und Zeugnissen der Vergangenheit zu untersuchen.

Reste eines Burgfrieds?

Und gleich am ersten Tag stößt Golüke auf einen interessanten Fund: Steine, die nicht wie ein Betonfundament aus den 1970er-Jahren aussehen. Sind das Reste des Burgfrieds, den es am Standort der Gronauer Burg mal gegeben haben soll? Golüke ist – mit Blick darauf, dass die Arbeiten noch ganz am Anfang stehen – mit Einschätzungen vorsichtig. Nur so viel: „Es ist eine sehr massive Fundamentierung“ an der seine Kollegen da im Boden mit kleinen Kellen herumkratzen und sie mit Besen freilegen. An einer Stelle sind die Steine schwarz verkohlt. Da hat es offenbar gebrannt. Aber was und wann, werden weitere Untersuchungen zeigen müssen.

Nur Steinbrocken oder Spuren der Geschichte?

Nur Steinbrocken oder Spuren der Geschichte? Foto: Klaus Wiedau

Aus der Geschichte der Stadt ist bekannt, dass der Edelherr Balduin II. 1365 ein offenbar schon vorher bestehendes Haus – sozusagen die Keimzelle Gronaus – erwarb und zu einer befestigten Anlage (Burg/Wasserfeste) ausbaute. Seit 1490 ist in der Geschichtsschreibung das „Slot tor Gronowe“ bekannt, ein Vorläufer jenes Schlosses, dessen Reste im Oktober 1964 im Zuge mehrerer Sprengungen aus dem Stadtbild verschwanden.

Früher Schlosshof – heute Baugrube

Der Standort war dort, wo heute die Konrad-Adenauer-Straße zwischen Schumacher-Platz und Stadtpark verläuft. Die Hertie-Baugrube befindet sich also da, wo einst der Schlosshof lag.

Aus der Vergangenheit zurück in die Gegenwart: Im „Heute“ wühlt sich auf dem ehemaligen Schlosshof ein Bagger durch den Boden. Er soll helfen, die „Fläche aufzuziehen“, wie Golüke es formuliert. Besonders im Fokus stehen dabei sogenannte Verdachtsflächen, Flächen also, auf denen früher Gräben rund um Wasserfeste und Schloss verliefen oder Bauten standen.

Als wichtig und wertvoll bei dieser Suche erweisen sich nach den Worten von Golüke die Dokumentationen, die der Gronauer Diplom-Geologe Dr. Lennart Schleicher (1921-2015) seinerzeit vor und während der Neugestaltung der Innenstadt in den 1960er- und 1970er-Jahren erstellt hat. „Die sind sehr hilfreich“, so Golüke „Bei all den Flächen, die Dr. Schleicher seinerzeit erfasst hat, schau ich noch genauer hin.“

Dass heute – 50 Jahre, nachdem erstmals an dieser Stelle etwas Neues entstand, die Archäologen noch mal auf die Suche nach Spuren der Vergangenheit gehen, hat durchaus seine Berechtigung, wie Golüke und Groß-Holtick betonen: „Damals gab es noch kein Denkmalschutzgesetz“, sagt der Stadtbaurat. „Und die Vorgaben, die seinerzeit für Untersuchungen gemacht wurden, waren nicht so wie heute.“

Die Sorge, dass ein historischer Fund im Boden alle künftigen Nutzungen der Fläche ausschließen könnte, muss übrigens niemand haben. Sollten Relikte der Vergangenheit auftauchen, werden diese umfassend dokumentiert. Und dabei geht es nicht nur um ein paar Beschreibungen und Fotos: „Da ist heute auch viel Technik im Einsatz“, macht Golüke deutlich. Unter anderem werden von wichtigen Funden im Fall des Falles auch 3-D-Modelle erstellt, die der Nachwelt künftig Aufschluss geben über das, was mal war. „Das ist dann der Ersatz für den Erhalt“, so Groß-Holtick.

Für die Detailarbeit gehen die Archäologen auch auf die Knie.

Für die Detailarbeit gehen die Archäologen auch auf die Knie. Foto: Klaus Wiedau

Mit einem fünfköpfigen Team wird Archäologe Christian Golüke die Untersuchung durchführen. „Wenn’s gut läuft, können die Arbeiten bis zum Jahresende abgeschlossen sein“. Aber da spiele auch das Wetter eine Rolle. Und – sollten die Arbeiten in die Tiefe gehen – wird wohl eine Wasserhaltung erforderlich sein.

Dann werden wir entscheiden, ob und inwieweit wir hier wieder auffüllen.

Stadtrat Ralf Groß-Holtick über die Zeit nach dem „Bauuntersuchungsprogramm“

Nach dem Archäologen kommen im nächsten Schritt die Kampfmittelräumer, um die Fläche tiefergehend zu sondieren. Das ist nötig, um bei späteren Arbeiten – etwa für die Gründung von Gebäuden – vor explosiven Überraschungen sicher zu sein. Danach hat die Stadt das sogenannte Bauuntersuchungsprogramm als Grundlage für eine neue Bebauung abgeschlossen. „Dann werden wir entscheiden, ob und inwieweit wird hier wieder auffüllen“, so Groß-Holtick. Das will allerdings sorgfältig überlegt sein, fügt er hinzu, „weil jede Auffüllung irgendwann auch wieder raus muss aus der Baugrube – und beides ist mit Kosten verbunden“.

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