Wachstum der Stadt erforderte neue Verbindungen
Doppelbogenbrücke ermöglichte Nordumgehung

Gronau -

Gronau war – aufgrund der rasanten Entwicklung der Textilindustrie – um 1890 herum Boomtown. Mit Folgen: Sowohl die überproportionale Zunahme der Stadtbevölkerung als auch das wachsende Verkehrsaufkommen für die Bedürfnisse der Textilindustrie erforderten zwingend eine Verbesserung der Infrastruktur.

Montag, 30.12.2019, 10:48 Uhr aktualisiert: 03.01.2020, 17:08 Uhr
Handkoloriertes Ansichtskartenmotiv der steinernen Doppelbogenbrücke an der Bentheimer Straße. Im Hintergrund zeichnen sich die Gebäude der damals noch jungen Gronauer Textilindustrie (Gerrit van Delden und Westf. Baumwollindustrie) ab. Ansichtskarte um 1905,
Handkoloriertes Ansichtskartenmotiv der steinernen Doppelbogenbrücke an der Bentheimer Straße. Im Hintergrund zeichnen sich die Gebäude der damals noch jungen Gronauer Textilindustrie (Gerrit van Delden und Westf. Baumwollindustrie) ab. Ansichtskarte um 1905, Foto: Eckhard W. Bohn

Begünstigt durch einen steuerlich geförderten Textilboom expandierte wie im gesamten westlichen Münsterland auch die Gronauer Baumwollindustrie um das Jahr 1890 herum. Infolge des textilen Wachstums kam es zu immer neuen Betriebsgründungen und Werkserweiterungen. Einher ging diese positive Entwicklung mit einem stetig zunehmenden Arbeitskräftebedarf, der sich teils aus Zuzug, teils aus niederländischen Pendlern rekrutierte.

Sowohl die überproportionale Zunahme der Stadtbevölkerung als auch das wachsende Verkehrsaufkommen für die Bedürfnisse der Textilindustrie erforderten zwingend eine Verbesserung der städtischen Infrastruktur. Wegen der sehr geringen Straßenbreite bildete die damalige Neustadtstraße im Bereich der Dinkelbrücke ein verkehrliches Nadelöhr. Als mögliche Option für eine schnelle Lösung ohne Eingriffe in die vorhandene innerstädtische Bebauung bot sich deshalb nur der Bau einer Umgehungsstraße an.

Die Umsetzung des notwendigen Verkehrskonzeptes sah schließlich die Verbindung der damaligen Fabrikstraße mit der Gildehauser Straße vor. Diese „Offenlegung der Bentheimer Straße“ begann damals an der ehemaligen Arbeitersiedlung „Arche“ und endete am Lambertihof. Die zu schaffende Verkehrsachse machte allerdings den Bau einer neuen Dinkelüberführung notwendig. Dieser Bereich lag zwar im Amtsbezirk Gronau, gehörte aber zum damaligen Zeitpunkt noch zur Eilermark – und somit zum Kirchspiel Epe.

Blick über die Brücke mit dem gut erkennbaren „Buckel“ in Richtung des alten Evangelischen Krankenhauses. Rechts die damals neu errichtete Gaststätte Reichskrone ( Ewald Pathe ), der späteren „Skala“. Ansichtskarte um 1900.

Blick über die Brücke mit dem gut erkennbaren „Buckel“ in Richtung des alten Evangelischen Krankenhauses. Rechts die damals neu errichtete Gaststätte Reichskrone (Ewald Pathe), der späteren „Skala“. Ansichtskarte um 1900.

Als zeitgemäße und kostengünstige Lösung entschied sich die damalige Amtsverwaltung für eine praktische Doppelbogenbrücke. Bei dem Bauwerk handelt es sich um eine Bogenbrücke als Zweifeld-Konstruktion. Getragen wurden die Bögen von einem Mittelwiderlager, gegründet im Dinkelbett und zwei seitlichen Widerlagern im Uferbereich. Gewählt wurde diese Art von Konstruktion seinerzeit oft, um große Spannweiten zu überbrücken können. Zudem wurde diese Variante dort gewählt, wo der Preis einer Einfeldbrücke ohne Mittelwiderlager z. B. aus Stahl nicht in Relation zum Zweck des Bauwerkes stand. Außerdem erforderte der Durchfluss der Dinkel keinen freien Fließquerschnitt, wie es bei schiffbaren Gewässern der Fall gewesen wäre.

Blick über die Brücke mit dem gut erkennbaren Buckel in Richtung des alten evangelischen Krankenhauses. Rechts die damals neu errichtete Gaststätte Reichskrone (Ewald Pathe), der späteren „Skala“.

Blick über die Brücke mit dem gut erkennbaren Buckel in Richtung des alten evangelischen Krankenhauses. Rechts die damals neu errichtete Gaststätte Reichskrone (Ewald Pathe), der späteren „Skala“. Foto: Sammlung Eckhard W. Bohn

Die Erstellung der Brücke erfolgte im Jahr 1896, der genaue Zeitraum und die bauausführende Firma sind leider nicht bekannt. Sowohl die Widerlager als auch die beiden Bogenbereiche wurden aus Mauerwerk hergestellt. Damit dort die vereinigten Wassermassen von Dinkel und Umflut ungehindert passieren konnten, wurde je Durchlass eine Spannweite von elf Metern als notwendig angesehen. Die obere Fahrbahn wies jedoch nur einen leichten Bogen (Buckel) aus, wie auf dem zweiten Bild im Text gut zu erkennen ist. Auf eine Statue des Heiligen Johannes Nepomuk (Brückenheiliger), wie es in den benachbarten katholischen Gebieten üblich war, wurde damals allerdings verzichtet.

Zum Ende des Zweiten Weltkriegs blieb die Brücke aus unbekannten Gründen von einer geplanten Sprengung durch die Deutsche Wehrmacht verschont. Da sie in den 1950er-Jahren aber nicht mehr den verkehrlichen Ansprüchen genügte, war ihr Abriss unvermeidbar. Dieser fand im April 1958 statt; der Neubau als moderne Spannbetonbrücke mit Mittelstütze erfolgte durch das Gronauer Bauunternehmen Plaßmann von Mai bis August des selben Jahres.

Während der gesamten Bauphase gab es eine Behelfsbrücke für Fußgänger und Radfahrer, um den Arbeitern weiterhin den Zugang zu den Textilfabriken zu ermöglichen. Die Freigabe der neuen Brücke verzögerte sich jedoch noch wegen der anschließenden Straßenbauarbeiten bis zum 6. Dezember 1958. Durch den Abriss der durchaus eleganten Doppelbogenbrücke ist leider ein interessantes bauliches Zeugnis unserer Stadt unwiderruflich verloren gegangen.

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