Dr. Claudia Lücking-Michel hielt Vortrag zur Semestereröffnung von FBS und VHS
Der Synodale Weg als Chance

Gronau -

Dass die Kirche, im besonderen die katholische Kirche, in einer tiefen Krise steckt, ist eine Binsenweisheit. Aber wo liegen die Chancen, da herauszukommen? Zu „Überlebensfragen der Kirche“ referierte Dr. Claudia Lücking-Michel am Freitagabend in der Familienbildungsstätte aus Anlass der Semestereröffnung von FBS und VHS.

Montag, 20.01.2020, 09:00 Uhr
Gerd Büscher, Leiter der Familienbildungsstätte, dankte Dr. Claudia Lücking-Michel mit Blumen.
Gerd Büscher, Leiter der Familienbildungsstätte, dankte Dr. Claudia Lücking-Michel mit Blumen. Foto: swb

Gleich zu Beginn nannte die promovierte Theologin das Stichwort: Synodaler Weg. Er setzt derzeit einen Gesprächsprozess in gemeinsamer Verantwortung der Deutschen Bischofskonferenz und des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken (ZDK) in Gang. Im Zentralkomitee ist Lücking-Michel bereits seit 2005 Vizepräsidentin.

Der Synodale Weg beinhaltet mehrere Themen. Lücking-Michel konzentrierte sich in ihrem hauptsächlich von Frauen besuchten Vortrag auf zwei: Frauenfrage und Missbrauch. Nachdem 2010, vom Canisius-Kolleg in Berlin ausgehend, massiv auf vielfachen Missbrauch von Minderjährigen durch Kleriker aufmerksam gemacht worden war, war das Thema endgültig nicht mehr unter den Teppich zu kehren. Eine wissenschaftliche Studie wurde in Auftrag gegeben. Sie sollte klären, wie viele Täter und vor allem Opfer es seit 1946 in den deutschen Bistümern gegeben hat. 1600 Täter werden in der im Herbst 2018 veröffentlichten Studie genannt, Ihnen stehen mehr als 6000 minderjährige Opfer gegenüber. „Noch problematischer als diese hohen Zahlen ist, dass manche Minderjährige erst nach 2010 zu Opfern wurden“, so Lücking-Michel. Das Problem sei systemisch, denn Täter würden nicht vor Gericht gestellt, sondern „in die nächste Gemeinde verschoben“. Gegen die Tendenz des Vergessenwollens und sich lieber der Evangelisierung zu wenden Wollens einiger Kreise sperrt sie sich vehement. „Ohne vorheriges Aufräumen kann es keine nachhaltige Erneuerung geben“, so die Theologin. Da biete sich der Synodale Weg an.

„Gleichberechtigung“, sagt Lücking-Michel, „gibt es noch lange nicht an allen Stellen in der Gesellschaft. In der katholischen Kirche besteht Gleichberechtigung noch nicht einmal auf dem Papier.“ Stattdessen würden „klerikale Männerbünde mit absolutistischem Herrschaftsanspruch“ entscheiden, was Frauen können und dürfen. Untermauert werde das mit „theologischen Scheinargumenten“, wie etwa, Jesus würde das gar nicht erlauben. Es gibt aber Gegenwind. Mittlerweile gehen sogar fromme katholische Frauen auf die Barrikaden, wie „Maria 2.0“ zeigt. Darum gelte es jetzt, Tabus zu brechen und Frauen auszubilden. „Ohne Frauen, die geweiht werden, gibt es keine Gleichberechtigung in der Kirche“, betont Lücking-Michel. Dass Männer ihre Macht nicht freiwillig beschränken ließen, sei deutlich. „Aber ihnen steht das Wasser bis zum Hals. Wichtige Veränderungen erfolgen zumeist erst aus Notsituationen heraus“, sage die Erfahrung.

Jetzt, so Lücking-Michel, müsse im Rahmen des Synodalen Wegs die Chance ergriffen werden, offen und ehrlich zu diskutieren und zu Beschlussvorlagen zu kommen. Weisungen an Bischöfe ließen sich dennoch nicht erteilen, weil sie noch immer zu große Machtbefugnisse haben. Der Synodale Weg ist nämlich nicht kirchenrechtlich definiert. Dennoch sei etwas in Gang gesetzt. Außerdem könne jeder sich auf der Homepage des ZDK oder des Synodalen Wegs äußern, so dass Bischöfe sich zumindest positionieren müssen.

Der Vortrag von Claudia Lücking-Michel war lebhaft und lebendig. Das Thema ist ihr offensichtlich eine Herzensangelegenheit. Kommentare und Fragen aus den Reihen der gut informierten Besucher waren ihr willkommen. Allgemeiner Tenor war: „Wenn jetzt nichts kommt, sich nichts ändert, kehren noch mehr Katholiken der Kirche den Rücken“.

Sie sei auch andere Reaktionen gewöhnt, sagte die Theologin. Ihr werde schon mal vorgeworfen, dass nicht katholisch sei,was sie sage und wolle. In konservativen Kreisen werde außerdem die Befürchtung geäußert, dass es zu einer Kirchenspaltung, einem Schisma kommen könne. Das jedoch wolle der Synodale Weg auf keinen Fall. Am 1. Dezember 2019 wurde er eröffnet und ist auf zwei Jahre angelegt. Was dann sein werde, ist offen. „Er ist aber eine Chance für die Kirche“, betont Lücking-Michel. „Und so viele Chancen gibt es nicht mehr“, zog FBS-Leiter Gerd Büscher ein Resümee der informativen Semestereröffnung.

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