Mauerwerk und Brücken-Reste als überraschende Funde
„Das gibt noch Rätsel auf“

Gronau -

Christian Golüke sieht Dinge, über die der Normal-Betrachter achtlos hinwegschaut. Die schwarze Verfärbung des Bodens vor einem Mauerrest etwa. „Das sind vermutlich Spuren vom Abbruch des ersten Gronauer Schlosses“, sagt der Archäologe vom Unternehmen Archäologie am Hellweg eG aus Münster.

Samstag, 25.01.2020, 07:52 Uhr aktualisiert: 25.01.2020, 08:01 Uhr
Die Bergfried-Reste sind inzwischen komplett freigelegt. Am Wochenende besteht die letzte Chance, sie in natura zu sehen. Montag werden sie „eingepackt“.
Die Bergfried-Reste sind inzwischen komplett freigelegt. Am Wochenende besteht die letzte Chance, sie in natura zu sehen. Montag werden sie „eingepackt“. Foto: Klaus Wiedau

Christian Golüke sieht Dinge, über die der Normal-Betrachter achtlos hinwegschaut. Die schwarze Verfärbung des Bodens vor einem Mauerrest etwa. „Das sind vermutlich Spuren vom Abbruch des ersten Gronauer Schlosses“, sagt der Archäologe vom Unternehmen Archäologie am Hellweg eG aus Münster. Gemeinsam mit seinem Team sucht er – wie berichtet – im Auftrag der Archäologie des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe in der Hertie-Baugrube nach Spuren der Vergangenheit. Die sind – auch mehr als 50 Jahre nach der letzten Grabung, trotz Überbauung des Areals und zuletzt aufwendigem Abriss des Hertie-Hauses – dort immer noch zu finden. Und mit ihnen sind noch offene Fragen verbunden.

Die Archäologen leisten auf der Baustelle viel Kleinarbeit, weil mögliche Funde sorgfältig freigelegt werden müssen.

Die Archäologen leisten auf der Baustelle viel Kleinarbeit, weil mögliche Funde sorgfältig freigelegt werden müssen. Foto: Klaus Wiedau

Der Mauerrest beispielsweise, der nur knapp einen Meter neben dem freigelegten Fundament des ehemaligen Bergfrieds im Boden sichtbar wird. Nach alten Unterlagen, die Golüke über die Grabungen des Gronauer Geologen und Heimatforschers Dr. Lennart Schleicher vorliegen, müsste die Mauer rund 2,30 Meter weiter nördlich liegen. „Auf alten Plänen sieht das anders aus“, sagt Golüke. Das überrascht ihn, denn die Dokumentationen von Schleicher sind sonst sehr präzise. „Das gibt noch Rätsel auf“, so Golüke – aber er ist zuversichtlich, dass er sie klären kann.

Die Mauer, von der die Rede ist, ist nach erster Einschätzung keine Hauswand, sondern Teil einer äußeren Befestigungsmauer des ersten Schlossen – also der Gronauer Burganlage, „die wir nicht mehr kennen“, so Golüke. Ein Stück davon ragt auch etwas entfernt noch aus dem Boden.

Dass nicht nur der Zahn der Zeit am Mauerwerk genagt hat, sieht der Besucher nur, weil Golüke es erklärt. „Das da“, sagt er und weist auf Zacken im Boden hin, „sind Spuren eines Baggers, der hier – vermutlich in den 1960er-Jahren – beim Abbruch im Einsatz war“.

Christian Golüke an den Resten, die auf eine Brücke hindeuten.

Christian Golüke an den Resten, die auf eine Brücke hindeuten. Foto: Klaus Wiedau

Nur ein paar Schritte entfernt, haben Golüke und sein Team einen weiteren Fund gemacht: Auf den ersten Blick auch „nur“ ein Mauerrest und direkt angrenzend ein paar Bruchsteine mit zwei schwarze Eichenbalken dazwischen. Golüke ist sich sicher, dass es sich um einen Ausgang aus dem ehemaligen mittelalterlichen Schloss zu einer Brücke über die damalige Gräfte handelt, von Dr. Schleicher als „Zugbrücke“ bezeichnet. Als der erste der beiden Balken jetzt bei den Grabungen auftauchte, dachte Golüke „entweder liegt der zufällig da, oder wir haben Glück gehabt.“ Das letztere scheint der Fall zu sein. Dafür spricht, dass in der Verlängerung einer gedachten Brücke weitere schwarze Balken aus dem Erdreich ragen. Nicht durchgehend, denn immer wieder dazwischen finden sich sogenannte „Störungen“ – neuzeitliche Erdschichten mit modernen Hinterlassenschaften – meist bei Bauarbeiten entstanden. Was es mit der Brücke auf sich hat, wollen der Archäologe und sein Team in kommenden beiden Wochen – der finalen Phase der Arbeit vor Ort – zu ergründen versuchen. Untersuchungen von Erdschichten, Steine und Holz sollen bei der Einordnung helfen.

Der mittelalterliche Bergfried ist derweil inzwischen komplett – also auch außen herum – freigelegt. Diese Arbeit kostet Zeit, denn das Team geht behutsam an Mauerwerk und Fugen heran. Gut sichtbar ist jetzt, dass die Bauherren seinerzeit für das Fundament eine „sehr stabile Erdschicht“ gewählt haben. Dicke Steinbrocken bildeten – vermutlich im Wasser liegend – den Grundstock für das Mauerwerk. Das Gesamtwerk wird Golüke jetzt dokumentieren. Mit einem 3-D-Scanner und rund 1000 Fotos, die später am Rechner jederzeit die millimetergenaue Rekonstruktion ermöglichen. Und danach? Am Montag werden die Reste des Bergfrieds wieder „eingepackt“. In Vlies des Gronauer Unternehmens Altex, dann mit gesiebtem Erdreich bedeckt. Letzte Chance zum Besuch ist daher am Wochenende.

Sorgfältig werden Flächen und Fundstellen für die Dokumentation beschriftet.

Sorgfältig werden Flächen und Fundstellen für die Dokumentation beschriftet. Foto: Klaus Wiedau

Ob erst in 100 Jahren wieder jemand diese Steine freilegt – oder vielleicht schon in wenigen Jahren, um ein Anschauungsobjekt daraus zu machen, weiß Golüke nicht, auch wenn er sich die zweite Variante wünscht. Mit seiner Arbeit legt er die Basis für beides: „Wir schaffen Möglichkeiten“, nennt er das schlicht.

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