Prof. Julius H. Schoeps zum Thema Antisemitismus
Aufklärung, Bildung, Prävention

Epe -

Eine Dreiviertelstunde lang hatte Prof. Julius H. Schoeps referiert. Über die Shoah – die systematische Vernichtung der Juden durch die Nazis. Über die Folgen dieses beispiellosen Massenmords für das heutige Europa. Über die Situation der jüdischen Gemeinden und den Einfluss jüdischer Intellektueller auf Gesellschaft und Politik. Eine Analyse mit vielen Facetten. Doch den Zuhörern brannte vor allem eine Frage auf den Nägeln: Was kann man gegen den aktuellen, besorgniserregenden Antisemitismus tun? Schoeps‘ Antwort: „Es hilft nur Aufklärung, Bildung und Prävention.“

Donnerstag, 30.01.2020, 09:30 Uhr
Prof. Dr. Julis H. Schoeps referierte am Dienstagabend in der Ev. Kirche in Epe über die Bedeutung jüdischen Lebens und den Antisemitismus in Europa. Eingeladen hatten der Förderkreis Alte Synagoge Epe und die Euregio-Volkshochschule. Schon am Nachmittag hatte es im Pfarrhof St. Agatha eine lebhafte Diskussion mit dem Historiker über Aktivitäten zur jüdischen Geschichte in der Region gegeben. Am Abend sprach er dem Förderverein ein Lob aus: „Was Sie hier treiben, beeindruckt mich.“
Prof. Dr. Julis H. Schoeps referierte am Dienstagabend in der Ev. Kirche in Epe über die Bedeutung jüdischen Lebens und den Antisemitismus in Europa. Eingeladen hatten der Förderkreis Alte Synagoge Epe und die Euregio-Volkshochschule. Schon am Nachmittag hatte es im Pfarrhof St. Agatha eine lebhafte Diskussion mit dem Historiker über Aktivitäten zur jüdischen Geschichte in der Region gegeben. Am Abend sprach er dem Förderverein ein Lob aus: „Was Sie hier treiben, beeindruckt mich.“ Foto: Martin Borck

Angesichts der Anschläge in jüngster Vergangenheit und den sich in Teilen der Gesellschaft manifestierenden Antisemitismus („diese kollektive Bewusstseinskrankheit“) klang das fast resignativ. Denn auch Schoeps ist klar, dass Hetze und Häme im Internet großen Einfluss haben. „Und“, so ein Besucher der Veranstaltung in der Ev. Kirche Epe , „so lange man dort anonym unterwegs sein kann und nicht für seine Meinung mit Klarnamen einstehen muss“, werde sich daran nicht viel ändern.

Dennoch war der Vortrag des Historikers und Politikwissenschaftlers, des Experten für deutsch-jüdische Beziehungsgeschichte, nicht grundsätzlich pessimistisch. Auch wenn der Titel „Hat Hitler am Ende doch noch gesiegt?“ lautete. Schoeps fasste die aktuelle Situation vor dem historischen Hintergrund zusammen. Zwei Drittel der in Europa lebenden Juden wurden Opfer des Holocaust: 6 Millionen Menschen. „Adolf Hitler war davon überzeugt, dass er durch die Ausrottung der Juden Deutschland Heil bringen würde“, so Schoeps. Dass der Massenmord den Kontinent grundlegend verändert hat, stehe außer Frage.

Es blieben quälende Fragen: Warum gab es keine Solidarisierung mit den Juden? „Das damalige Schweigen schmerzt“. Fast überall in Europa sei das einst blühende jüdische Leben erloschen. Selbst als Überlebende nach 1945 wieder in ihre Heimatorte zurückkehrten, sei es vereinzelt noch zu Pogromen gekommen.

In Deutschland stellten die verbliebenen Juden ein klassisches Beispiel einer verschwindenden Diaspora-Gemeinschaft dar. Die demografische Entwicklung, die Anpassung, zunehmende Säkularisierung und Abwanderung beschleunigten diese Entwicklung.

Anschläge auf Juden und jüdische Einrichtungen in jüngerer Vergangenheit sowie die permanenten Bedrohungen aus dem muslimischen Milieu ließen ihn an der Aussage „Der Islam gehört zu Deutschland“ des damaligen Bundespräsidenten Wulff zweifeln: „Auch im Islam muss sich eine liberale Entwicklung durchsetzen“, sagte Schoeps. Hassprediger sorgten dafür, dass sich junge Leute radikalisieren und Andersgläubige – vor allem Juden – bekämpften.

„Doch allen Gefährdungen zum Trotz existieren jüdische Gemeinden“, konstatierte er. In Deutschland wuchsen sie durch Zuzug aus der ehemaligen Sowjetunion. In jüngerer Vergangenheit erwies sich Berlin für viele junge Israelis als hip. Und immerhin gebe es jüdische Schulen und sogar drei Ausbildungsstätten für Rabbiner in Deutschland. Darüber hinaus schienen etliche Veranstaltungen zu belegen, dass das jüdische Leben in Deutschland ein Revival erlebt. „Das ist aber nur eine Scheinblüte“, dämpfte Schoeps allzu große Hoffnungen. Die meisten dieser Aktivitäten würden von Nicht-Juden organisiert. Eine authentische jüdische Kultur existiere nicht mehr in Europa. „Kaum noch einer spricht Jiddisch, geschweige denn Althebräisch“, bedauerte Schoeps. Aber auch diese Entwicklungen relativierte er: Schließlich sei auch den Mitgliedern christlicher Kirchen der Sinn für Latein und traditionelle Rituale abhandengekommen.

Etwa ein Fünftel der deutschen Bevölkerung sei judenfeindlich eingestellt, so Schoeps. Eine Größenordnung wie in anderen Ländern Europas auch. Der Soziologe Alphons Silbermann habe in den 1990er-Jahren postuliert, dass bei weiteren 30 Prozent ein latenter Antisemitismus vorhanden sei.

Die gegen Juden gerichteten Angriffe (in Deutschland wird die überwiegende Zahl von Rechtsradikalen verübt) verursachen Angst. Immer mehr Juden verlassen Länder wie Frankreich, Belgien und sogar Schweden. „Die Länder sollten sich um den Schutz ihrer Minderheiten kümmern“, so Schoeps.

Denn er sieht durchaus eine wichtige Funktion jüdischen Lebens in Europa. „Das jüdisch-christliche Erbe ist integraler Bestandteil der europäischen Kultur“, so Schoeps. Daher sollten sich Juden auch in öffentliche Debatten und Diskurse einmischen. „Intellektuelle und Politiker jüdischer Herkunft melden sich schon zu Wort.“ Sie fühlten sich – wie der Pole Adam Michnik oder der Deutsch-Franzose Daniel Cohn-Bendit der europäischen Demokratie verpflichtet. Ihr Einfluss sei zwar eher klein, aber erkennbar.

Das jüdisch-christliche Erbe finde seinen Niederschlag im Geistesleben des Kontinents. Darauf sollte Europa auf der Suche nach seiner Identität zurückgreifen. Diese Identität sei nicht allein auf eine wirtschaftliche Basis zu gründen. Wenn diese kulturellen Wurzeln stärker berücksichtigt würde als bisher, „dann hat Europa Zukunft – und dann ist Hitler besiegt“, schloss Schoeps.

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