Interview mit Bürgermeister Rainer Doetkotte über eine Stadt im Krisenmodus
Kurzer Draht zu Bürgern ist wichtig

Gronau -

„Mein ganzes Leben dreht sich im Moment nur um diese Krise“, sagt Rainer Doetkotte. Das treffe auf ihn als Bürgermeister genauso zu wie auf den Privatmann. Im Interview mit den WN gewährt er aber auch Einblicke ins Rathaus, in dem zurzeit vieles anders ist, als noch vor zwei Wochen. Dabei findet Doetkotte auch positive Aspekte.

Donnerstag, 26.03.2020, 08:00 Uhr
Bürgermeister Rainer Doetkotte im Interview mit den WN – das per Telefon geführt wurde.
Bürgermeister Rainer Doetkotte im Interview mit den WN – das per Telefon geführt wurde. Foto: Stadt Gronau

Das Leben einer Stadt ist geprägt vom Miteinander ihrer Bürger – im öffentlichen Leben auf den Straßen und Plätzen, in der Begegnung im politischen und kulturellen Raum. Dieses Leben steht im Augenblick nahezu still. Auch in Gronau. WN-Redakteur Klaus Wiedau sprach mit Bürgermeister Rainer Doetkotte über die besonderen Herausforderungen dieser Zeit, über kommunales Krisenmanagement und persönliche Belastungen während der Corona-Krise.

 

Das ganze Land im Corona-Modus. Öffentliches Leben findet so gut wie nicht mehr statt, das Leben der Menschen muss aber weitergehen. Wie erleben Sie die derzeitige Situation – als Bürgermeister, aber auch als Privatmann Rainer Doetkotte?

 

Doetkotte: Das kann man fast gar nicht trennen. Denn das ganze Leben dreht sich – auch für mich persönlich – im Moment nur um diese Krise, während alle Dinge des normalen Alltags fast ganz in den Hintergrund getreten sind.

Viele Bürger wenden sich in diesen Tagen mit ihren Fragen und Anliegen direkt an Sie, via Telefon, Mail oder über soziale Netzwerke. Welche Sorgen und Nöte treiben die Menschen dabei vor allem um?

 

Doetkotte: Sorgen und Nöte sind die richtigen Begriffe. Und die sind sehr vielschichtig – sie reichen vom Thema Hamsterkäufe bis zu Fragen wie: Wen darf ich in der Familie noch besuchen? Darf ich meinen Kindern beim Umzug helfen? Wie komme ich zum Arzt? Oder: Wann kommen die Gelder von der Stadt? Da sind oft auch grundsätzliche Fragestellungen von Bedeutung.

Die Stadtverwaltung im Krisenmodus – eine neue Erfahrung für Sie und die Mitarbeiter: Welche Maßnahmen hat die Stadt bisher ergriffen/umgesetzt oder noch geplant, um die Arbeit der Verwaltung für den Bürger auch in Zeiten der Corona-Pandemie sicherzustellen?

Rathaus geschlossen – Verwaltung erreichbar

 

Doetkotte: Erst mal gilt an dieser Stelle mein Dank den Mitarbeitern der Stadtverwaltung, aber auch besonders denen in vielen anderen Berufen – im medizinischen Bereich oder in der Lebensmittelbranche – für ihren Einsatz. Wir haben hier im Rathaus – wie anderswo auch – die sozialen Kontakte einschränken müssen. So haben wir das Rathaus für den Publikumsverkehr geschlossen. Richtig war dabei unsere Entscheidung, frühzeitig darüber zu informieren, wo und wie die Bürger uns erreichen können. Das schafft die Möglichkeit, den Menschen bei ihren Fragen per Telefon oder per E-Mail zu helfen. Und wir setzen auf Teambildung. So haben wir etwa Strukturen in verschiedenen Schichtmodellen geschaffen, damit wir uns als Mitarbeiter aus dem Weg gehen. Das schafft die Sicherheit, dass wir arbeitsfähig bleiben, auch wenn einzelne Mitarbeiter eines Bereichs betroffen sein sollten.

Wer entscheidet über einzelne Schritte? Gibt es so etwas wie einen kommunalen Krisenstab?

Erste Beigeordnete hat den Hut auf

 

Doetkotte: Wir haben schon sehr frühzeitig einen Krisenstab eingerichtet, den hat es übrigens bereits aus Anlass anderer Ereignisse gegeben. Ich bin in diesem Zusammenhang sehr dankbar, dass die Erste Beigeordnete und der Fachdienst Sicherheit und Ordnung hier sozusagen den Hut aufhaben. Dort werden offene Fragen und organisatorische Themen geklärt, über die ich dann entscheiden muss.

Die politische Handlungsfähigkeit ist nach der Gemeindeordnung auch ohne Ratsbeschlüsse dadurch sichergestellt, dass der Bürgermeister mit einem Ratsmitglied Entscheidungen im Wege der Dringlichkeit herbeiführen kann. Für welche konkreten Fälle greift eine solche Regelung?

 

Doetkotte: Ich bin froh, dass wir mit den politischen Kräften dieser Stadt noch die letzte Sitzung des Haupt- und Finanzausschusses Mitte März durchführen konnten, um genau dies – nämlich die neue Struktur im Miteinander – abstimmen zu können. Grundsätzlich kann der Bürgermeister Dringlichkeitsentscheidungen mit einem Ratsmitglied treffen. Mir ist aber wichtig, Transparenz zu solchen Entscheidungen herbeizuführen. Deshalb werden wir einen Modus finden, um eine größere Anzahl an Fraktionen an den Entscheidungen zu beteiligen. Tatsächlich haben wir bereits im Baubereich drei dringliche Entscheidungen getroffen. Die sind mit der Politik vorbesprochen worden und werden in den nächsten Tagen auch öffentlich gemacht.

Wie lässt sich vor dem Hintergrund einer möglichen Ansteckungsgefahr die Arbeit in den Großraumbüros des Rathauses organisieren?

Dezentralisierung und Homeoffice

 

Doetkotte: Das Rathaus hat in dieser Beziehung schon immer zu großen Problemen geführt. Aber: Jetzt wird aus einem kritischen ein eher positiver Aspekt: Wir sind im Moment eher dezentral aufgestellt und dabei, diese Situation weiter auszubauen, damit die Großraumflächen mit wenig Mitarbeitern belegt sind. Wir haben beispielsweise das Baudezernat und den Stadtbaurat in der ehemaligen Pestalozzischule untergebracht, die Erste Beigeordnete arbeitet derzeit im Homeoffice und ich im Rathaus – notwendige Abstimmungen laufen dabei über Telefonkonferenzen.

Seit Montag gilt das von Bund und Land ausgesprochene Kontaktverbot. Gibt es darauf Reaktionen von den Bürgern?

 

Verstöße gegen Kontaktverbot werden sanktioniert

Doetkotte: Was wir in Reaktionen spüren, ist die Sorge der Menschen, die in vielen Fragen zum Ausdruck kommt. Wir konnten aber bisher – so meine Wahrnehmung – hier durch unsere Antworten Ängste beseitigen.

Die Einhaltung des Verbotes soll durch die Ordnungsämter bzw. die Polizei überwacht und Verstöße sanktioniert werden. Wie geht die Stadtverwaltung konkret mit dieser Aufgabe um?

 

Doetkotte: Die Regelungen stellen klar, wer wo und wann noch unterwegs sein darf. Ordnungsamt und Polizei kontrollieren diese Vorgaben – und ich bin dem Land NRW dankbar, das ganz konkret einen Bußgeldkatalog dafür erstellt hat, den wir auch nutzen werden, wenn es Verstöße geben sollte. Wir kontrollieren derzeit in vielen Bereichen des täglichen Lebens die Einhaltung dieser Regeln. Leider stellen wir in den letzten Tagen fest, dass das Kontaktverbot nicht überall eingehalten wird. Ich bitte eindringlich, die Maßnahmen zum Schutz der Ausbreitung von Corona zu befolgen. Ziel ist es nicht, Bußgelder zu verhängen, sondern die Menschen auf die Gefahren hinzuweisen und an deren Rücksichtnahme zu appellieren. Mein Dank gilt in diesem Zusammenhang den Bürgern und Geschäftsleuten, die sich trotz aller Widrigkeiten an das Kontaktverbot halten.

Die aktuelle Krise stellt die Stadt, aber auch Sie als Mensch vor große Herausforderungen. Wie sieht es mit Ihrer persönlichen Belastung aus?

 

Doetkotte: Sicher ist, dass durch die Krise auch die Schrauben der Belastung noch einmal angedreht worden sind. Ein Beispiel: Die Bürgermeistersprechstunde habe ich Sonntag nach der Ansprache der Bundeskanzlerin in die Abendstunden verlegt, weil direkt danach viele Fragen der Bürger im Raum standen, die mich über die sozialen Medien auch zu Hause erreichen. Aber: Bisher konnte ich das alles gut händeln und bin froh, einen kurzen Draht zu den Menschen in der Stadt zu haben und behalten zu können.

Wagen Sie eine Prognose, wie lange uns der Coronavirus und die aktuellen Einschränkungen beschäftigen werden?

 

Krise wird noch länger anhalten

Doetkotte: Die Antwort darauf ist schwierig – und ich vermag sie nicht zu geben. Ich gehe aber von einem längeren Zeitraum aus. Aber wenn ich mir die Frage stelle, wie es am Ende des Tages weitergeht, dann sind meine Gedanken sofort bei all den Menschen, die in dieser Zeit mit persönlichen Sorgen leben müssen, aber auch bei den Unternehmen, die mit wirtschaftlicher Unsicherheit zu kämpfen haben.

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