Deutsch-niederländischer Umgang mit dem Kriegsende entwickelte sich zu einem Dialog der Verständigung
Versöhnung im Gedenken an die Opfer

Gronau -

Vor 75 Jahren endete im Frühjahr 1945 im deutsch-niederländischen Grenzgebiet der Zweite Weltkrieg. Aus diesem Anlass hatten die Euregio-Volkshochschule und die Heimatvereine Gronau und Epe, das Stadtarchiv, der Förderverein Alte Synagoge Epe und die WN Gronau für den 19. Mai eine Veranstaltung mit Impulsreferaten und Zeitzeugen-Interviews geplant. Die Corona-Krise zwang zum Umdenken: Die Berichte der Zeitzeugen und der Referenten werden die WN im Rahmen einer Serie aus Anlass des Kriegsendes veröffentlichen.

Samstag, 23.05.2020, 12:01 Uhr aktualisiert: 23.05.2020, 12:10 Uhr
Mari Andriessens Skulpturengruppe im Enscheder Volkspark, eingeweiht zur „Dodenherdenking" am 4. Mai 1953.
Mari Andriessens Skulpturengruppe im Enscheder Volkspark, eingeweiht zur „Dodenherdenking" am 4. Mai 1953. Foto: Klaus Wiedau

Der Mai des Jahres 2020 ist in der Grenzregion von mehreren Gedenktagen, in den Niederlanden der 4. und 5. Mai, in Deutschland der 8. Mai, gekennzeichnet. Sie beziehen sich auf das Kriegsende vor 75 Jahren, auf das Ende des nationalsozialistischen Terrors und damit auf die Rückschau auf eine bis heute beispiellosen Epoche der Gewalt und Unterdrückung, die über 40 Millionen Tote, in großen Teilen systematisch ermordete Menschen, im europäischen Raum verzeichnete.

Dies alles ging von deutschem Boden aus, daher galt lange Zeit, dass in erster Linie die Bevölkerungen Europas von der deutschen Gewaltherrschaft befreit wurden, nicht etwa die Deutschen selbst vom Nationalsozialismus, welchen sie in ihrer Gesamtheit zu verantworten hatten. Der festlich begangene niederländische „Bevrijdingsdag“ am 5. Mai, dem tags zuvor die eher stille „Dodenherdenking“ vorausgeht, war in den ersten Jahrzehnten nach 1945 ausschließlich als Feier des Sieges über die Deutschen ausgerichtet, über die Besatzer der Niederlande von 1940 bis 1945.

Ein mörderisches Unrechtsregime keinesfalls nur ertragen.

Als Bundespräsident Richard von Weizsäcker vor jetzt 35 Jahren den 8. Mai zum „Tag der Befreiung für die Deutschen“ umwertete, war dies zunächst eine innerdeutsche, längst überfällige Sicht und Erkenntnis, notwendig geworden durch die jahrzehntelange Verdrängung des Ausmaßes der Verbrechen des NS-Staates. Erst jetzt realisierte man in Deutschland nach und nach, dass die vorausgegangene und zum Teil noch vorhandene Generation ein mörderisches Unrechtsregime keinesfalls nur ertragen, sondern zumindest toleriert, wenn nicht aktiv unterstützt hatte. In diesem Sinne mussten die Deutschen mangels eines eigenen hinreichenden Widerstandes und erst am Ende einer entsetzlichen Blutspur durch ganz Europa von diesem Regime „befreit“ werden.

Wie schwierig diese Erkenntnis selbst 40 Jahre nach dem Kriegsende noch zu vermitteln war, zeigte sich 1985 auch in Gronau. Die damalige Gedenkfeier im Rathaus war durchaus von dem Ansinnen geprägt, die Diktatur und das Unrecht des NS-Staates zu dokumentieren, dazu war eine größere Ausstellung im Rathaus-Foyer eingerichtet worden. Der Versuch, die breite Akzeptanz dieses Systems als Verführung des deutschen Volkes durch Adolf Hitler zu erklären, scheiterte jedoch und endete mit einem Eklat. Als der geladene Gastredner seine jugendliche Begeisterung für den Nationalsozialismus allzu anschaulich als trügerischen Traum von Ruhm und Ehre darstellte, verließen einige Gäste die Veranstaltung. Die Gleichsetzung des russischen Kommunismus mit dem NS-Terror veranlasste Gronauer Mitglieder des deutsch-niederländischen Bündnisses „Nooit meer/Nie wieder“ zu der Erklärung, dass durch den Beitrag die Opfer der Konzentrationslager verhöhnt worden waren.

Persönliches Erleben und Leid als unverheilte Wunde.

Sowohl dieser Protest wie auch die Bereitschaft von Niederländern und Deutschen zur gemeinsamen Geschichtsarbeit in der hiesigen Grenzregion machten deutlich, dass in den achtziger Jahren neue Wege einer grenzüberschreitenden Verständigung auch hinsichtlich der schwierigsten, auf nationaler Ebene immer noch ungelösten Fragen beschritten wurden. Noch 1985 war es im grenzüberschreitenden kommunalen Zusammenschluss der Euregio nicht möglich gewesen, Einigkeit hinsichtlich einer gemeinsamen Gedenkfeier zum 40-jährigen Kriegsende zu erzielen. Man verzichtete mit Hinblick auf noch lebende Opfer, weil man fürchtete, mit einer solchen Veranstaltung deren persönliches Erleben und Leid als unverheilte Wunde erneut aufzureißen.

Erst die Hinwendung zur Geschichte, vor allem zur persönlichen Geschichte der Opfer des Nationalsozialismus ermöglichte es, den Heilungsprozess und Ansätze einer glaubhaften und nachhaltigen Versöhnung auch zwischen Niederländern und Deutschen einzuleiten. Dazu wurden im hiesigen Grenzraum frühzeitig starke Impulse gesetzt. In Enschede diskutierten die Bürger schon kurz nach der Befreiung über die Form und die Aussage eines würdigen Denkmals für die Opfer der deutschen Besetzung. Am 4. Mai 1953 wurde im Volkspark die Figurengruppe des Künstlers Mari Andriessen eingeweiht, bestehend aus sechs Personen- bzw. Opfergruppen. Bemerkenswert für eine Zeit, in der in den Niederlanden zunächst einmal der nationale Widerstand und dessen Helden und weniger die auch dort gnadenlos verfolgten und in den Tod deportierten 100.000 jüdischen Menschen wahrgenommen wurden, war die sechste Figur im Volkspark. Es handelt sich um die Darstellung einer jüdischen Frau, welche, auf dem Arm ihr lebendes Kind, abgewandt von den anderen aus der Gruppe heraustritt. Damit unterschied sich das Gedenken in Enschede in einer sehr sensiblen Weise vom Rest des Landes, indem es sehr früh auf die erst später einsetzende Auseinandersetzung mit der niederländischen Shoah hindeutete.

Man solle vergessen, hieß es damals.

Als 1964 das Buch „Der Untergang der jüdischen Gemeinde Nordhorn“ (Arno Piechorowski) dort erschien, war diese Veröffentlichung hierzulande äußerst umstritten und wurde bekämpft. Man solle vergessen, hieß es damals, und „man“ unternahm einiges, dass die in dem Buch dokumentierte Schuld der Täter zunächst weiter verschwiegen wurde. Ganz anders war die Wahrnehmung auf niederländischer Seite: Der dort sehr prominente Schriftsteller und Literaturprofessor Klaas Heeroma äußerte sich sofort zu dem Erscheinen dieses Buches: „Sechs Millionen ohne Namen kann man ertragen, denn sie bilden nur eine Zahl, ein Stück Statistik. Vierzig Nordhorner Juden, mit Namen (…) und Wohnsitz kann man nicht ertragen, denn sie haben (…) vierzig Gesichter, die einen anschauen. (…) Darum ist es notwendig, dieses Stück Versöhnung durch Namensnennung.“

„Versöhnung durch Namensnennung“

Es sollte noch dauern, bis sich dieser Gedanke als Weg auch zu einer grenzüberschreitenden Verständigung offenbarte. In Gronau erforschte seit den siebziger Jahren Norbert Diekmann die Geschichte und die Verfolgung der jüdischen Familien dieser Stadt. Seine Recherchen und Veröffentlichungen bildeten die Grundlage für eine Reihe von Publikationen, Ausstellungen und Veranstaltungen, welche sich in den achtziger Jahren mit dem Schicksal der hiesigen jüdischen Gemeinden beschäftigten. In Gronau und Epe gedachte man nun der ehemaligen Synagogen, setzte Gedenksteine und Tafeln, welche auf deren ehemaliges Vorhandensein hinwiesen. In Epe entsteht heute eine lebendige, bundesweit beachtete Gedenkstätte. Auch in anderen Städten Gemeinden des Kreises Borken und der Grafschaft Bentheim manifestierte sich ab 1980 das Gedenken an die Verfolgten und die Opfer des NS-Regimes.

Mit dem Blick auf die Opfer „Versöhnung durch Namensnennung“ zu erreichen, erwies sich als Brücke in alle Länder Europas, als der Kölner Künstler Gunter Demnig ab 1996 sein Konzept „Ein Mensch – ein Stein – ein Schicksal“ konsequent als „Stolperstein“-Projekt umsetzte. Auf seinen mittlerweile über 75.000 Steinen in 21 Ländern werden in einer aufgesetzten Messingplatte die Lebensdaten und das Schicksal von Opfern des Nationalsozialismus an ihrem jeweils letzten Wohnort im Boden dokumentiert. In Gronau wurden durch den Künstler bis heute über 50 Stolpersteine verlegt, die jedem Passanten den Namen und das Schicksal der an dieser Stelle aus ihrem Leben gerissenen Person vor Augen führen.

Diese Aktionen, immer auch kleine Gedenkveranstaltungen mit Beteiligung der Bevölkerung, wurden durch Arbeitsgruppen vor Ort sorgfältig vorbereitet. Am 29. April 2009 kam es zu einer grenzüberschreitenden Verlegung in Gronau und den niederländischen Nachbarorten Glanerbrug und Overdinkel, die von gemeinsam begangenen Gedenkfeiern im Euregio-Haus an der Grenze und in der Synagoge in Enschede begleitet wurden. In der 2015 und 2017 folgenden Stolpersteinverlegungen wurde auch mit niederländischen Teilnehmern an Gronauer Widerstandskämpfer erinnert, die während der NS-Zeit im Grenzland politische Aufklärung betrieben und dank ausgezeichneter grenzüberschreitender Beziehungen vielen Verfolgten den Weg in das Nachbarland ermöglichten.

Kleine Brücken standen nach 1945 wieder zur Verfügung.

Frühe Verständigungen, abseits und ungeachtet des auf außenpolitischer Ebene erklärten Opfer-Täter-Verhältnisses, hatte es in Gronau und auch in anderen Orten entlang der deutsch-niederländischen Grenze schon bald nach 1945 gegeben. Die ganz kleinen Beziehungen waren auch in allerschwerster Zeit nie völlig verloren gegangen. Man muss sich vor Augen halten, dass Gronau seit Jahrhunderten niederländisch geprägt war, familiäre Verbindungen kreuz und quer über die Grenze verliefen, die Wurzeln von Wirtschaft und Industrie ganz überwiegend jenseits der Grenze lagen und auch der historisch gesehen in Gronau lange Zeit überwiegende Protestantismus niederländischen Ursprungs war. Diese kleinen Brücken standen nach 1945 auch angesichts ansonsten grundlegend zerrütteter Beziehungen sofort wieder zur Verfügung.

Ein schönes Beispiel dafür waren die Kontakte des Gronauer CVJM mit den niederländischen Partnerverbänden, die sich ab 1948 zu einem regen Jugendaustausch entwickelten. Unter der Leitung des Gronauer Pastors Koch, selbst ein Verfolgter im Nationalsozialismus, verbrachte 1949 eine Gruppe von 48 Jugendlichen ein Wochenende in Enschede. Sie übernachteten dort bei Gastfamilien und erkundeten auch das gesellschaftliche Leben im Nachbarland. Es folgten weitere Fahrten, teils über Enschede hinaus, jedoch an keiner Stelle ließ man die Jugendlichen das schwere Erbe ihrer Väter spüren. Trotzdem wurden die jungen Deutschen vorher ermahnt, sich vorbildlich zu verhalten. „Seid euch bewusst, alle Augen in Holland sind auf euch gerichtet“, hieß es in einer Bekanntmachung des CVJM zur Vorbereitung der Teilnehmer.

Hinreichend diplomatische Aufmerksamkeit zog 1949 eine deutsch-niederländische Kunstausstellung in der Gronauer Oberschule auf sich, die im Rahmen einer hiesigen Grenzlandausstellung von beiden Ländern veranstaltet wurde. An der feierlichen Eröffnung am 29. Oktober 1949 nahmen hochrangige Vertreter beider Staaten teil, aus den Niederlanden waren der Kommissar der Königin, der Vizekonsul und der Bürgermeister Enschedes zugegen. Auch der „Nieuwe Rotterdamse Courant“ berichtete über dieses Ereignis und zitierte, dass die Kunst vielleicht Werte wiederherstellen könne, welche auf politischer Ebene noch zerstört am Boden lagen. Man sprach bereits hier von dem „neuen Deutschland“, dem viele Niederländer positiv gegenübertreten würden.

Seid euch bewusst, alle Augen in Holland sind auf euch gerichtet

CVJM

Die Entwicklung dieses neuen Deutschland wurde jedoch noch über Jahrzehnte von einem verständlichen Misstrauen der Niederländer begleitet, welche für sich stets ein Wächtermandat hinsichtlich der demokratischen Entwicklung des sich noch in der Bewährung befindenden Nachbarlands beanspruchten. Dies bekam 1979 auch Helmut Kohl zu spüren, als er in einer ZDF-Sendung („Bürger fragen – Politiker antworten“) von Niederländern im Publikum wegen des damals so bezeichneten „Radikalenerlasses“ scharf kritisiert wurde. In der niederländischen Presse vermutete man noch über Wochen das Entstehen eines Polizeistaates, die deutschen Kollegen argwöhnten eine grundsätzliche feindselige Einstellung gegenüber den deutschen Nachbarn. Dass dieses Thema die Niederländer tatsächlich tief bewegte, war den Gronauern aber schon 1977 klar, als der Bürgermeister Enschedes sich von seinem Gronauer Amtskollegen schriftlich über die Auswirkungen dieses Erlasses informieren ließ.

Wächtermandat hinsichtlich der demokratischen Entwicklung

Ihre Wachsamkeit gegenüber Deutschland gaben die Niederländer nie völlig auf, die territoriale Vergrößerung und die wirtschaftliche Stärkung des wiedervereinigten deutschen Staates beunruhigte viele Bürger des kleinen Nachbarlandes. Die ausländerfeindlichen Anschläge 1992 in Rostock-Lichtenhagen und 1993 in Solingen veranlasste die Niederländer zu öffentlichen und sehr eindrucksvollen Protesten, immerhin trafen im Bundeskanzleramt über eine Million Postkarten mit der Aufschrift „Ik ben woedend“ (Ich bin wütend) ein.

Ungeachtet dieses latenten Misstrauens vieler Niederländer gewannen die Bemühungen um eine dauerhaft tragende Verständigung und Aussöhnung zunächst entlang der Grenze an Erfolg. Die Teilnahme von Deutschen an den Gedenkfeiern zum 5. Mai setzte sich nach und nach durch. Die Anfänge ab 1995 schildert der Vorsitzende der Stiftung Volksfest Glanerbrug, Henk Hof, der zum 50-jährigen Gedenken erstmals den Gronauer Bürgermeister einlud, als schwierig, angesichts anonymer Widerstände sogar bedrohlich. 20 Jahre später war die Gronauer Bürgermeisterin in Glanerbrug uneingeschränkt willkommen, als sie mit dem Enscheder Dezernenten Patrick Welman am 5. Mai das Befreiungsfeuer entzündete.

Aussöhnung durch Ausarbeitung einer gemeinsamen historischen Wahrheit

Dieser Feier vorausgegangen waren zwei Jahrzehnte fruchtbarer Geschichtsarbeit sowohl in Gronau wie auch in den niederländischen Grenzgemeinden, eine intensive Beschäftigung mit den Einzelschicksalen fast sämtlicher NS-Opfer beiderseits der Grenze und immer wieder gegenseitige Einladungen zu dementsprechenden Erinnerungsveranstaltungen. Die Akteure und Betreiber dieser Verständigung auf Arbeitsebene sind bis heute aktiv, planen kleinere und auch große Projekte (Synagoge Epe) und verlieren dabei nie die andere Seite der Grenze aus dem Auge. Ein wichtiger Faktor dieser Geschichtserforschung sind die noch lebenden Zeitzeugen, aber auch die Arbeit in kommunalen und anderen Archiven, deren Bestände und deren Beiträge für die Grundlage einer belastbaren Aussöhnung durch Ausarbeitung einer gemeinsamen historischen Wahrheit von zunehmender Bedeutung sind.

 

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