Ausgrabungen
Archäologen finden in Hertie-Baugrube Spuren von Gronauern aus der Eisenzeit

Gronau -

Auf den ersten Blick sieht das Ding in der Hand von Archäologe Christian Golüke wie ein flacher schwarzer Stein aus – unspektakulär. Stadtbaurat Ralf Groß-Holtick ist dennoch davon fasziniert: „Das ist hier spannender, als wir uns das vorgestellt haben“, sagt er über die Ausgrabungen in der Hertie-Baugrube, in der nach Resten des ehemaligen Stadtschlosses geforscht wird.

Dienstag, 26.05.2020, 18:14 Uhr aktualisiert: 26.05.2020, 19:32 Uhr
Im ehemaligen Flussbett der Dinkel, tief unter der heutigen Geländeoberfläche, stieß das Archäologenteam von Christian Golüke auf die Tonscherben, die die erste Besiedlung dieser Stelle um fast 1000 Jahre vordatiert.
Im ehemaligen Flussbett der Dinkel, tief unter der heutigen Geländeoberfläche, stieß das Archäologenteam von Christian Golüke auf die Tonscherben, die die erste Besiedlung dieser Stelle um fast 1000 Jahre vordatiert. Foto: Bernd Schäfer

Auf den ersten Blick sieht das Ding in der Hand von Archäologe Christian Golüke wie ein flacher schwarzer Stein aus – unspektakulär. Stadtbaurat Ralf Groß-Holtick ist dennoch davon fasziniert: „Das ist hier spannender, als wir uns das vorgestellt haben“, sagt er über die Ausgrabungen in der Hertie-Baugrube, in der nach Resten des ehemaligen Stadtschlosses geforscht wird.

Das schwarze Ding ist nämlich keineswegs ein simpler Stein, es ist eine Tonscherbe, die sich anhand ihrer Gestaltung datieren lässt. Genau da liegt für den Archäologen und den Stadtbaurat der Kracher: Das Gefäß, zu dem die Scherbe gehörte, muss in der Eisenzeit hergestellt worden sein, im achten bis vierten Jahrhundert vor Christus. „Das ist etwas, was hier keiner erwartet hätte“, staunt Groß-Holtick. Nicht einmal die Archäologen, stimmt Golüke zu.

Das kann man nicht mal eben unterwegs verloren haben – da muss schon jemand hier sesshaft gewesen sein.

Christian Golüke

Die große schwarze Scherbe ist nur ein kleiner Teil eines ganzen Haufens, der auf dem Gelände des ehemaligen Hertie-Kaufhauses gefunden wurde. „Das kann man nicht mal eben unterwegs verloren haben – da muss schon jemand hier sesshaft gewesen sein“, ist Golüke überzeugt, dass schon 1500 Jahre vor der ersten urkundlichen Erwähnung der Siedlung an dieser Stelle dauerhaft Menschen lebten. Und ihr kaputtes Geschirr in der Dinkel entsorgten, die vor gut 2500 Jahren an dieser Stelle parallel zur heutigen Konrad-Adenauer-Straße floss. Erst in späteren Jahrhunderten wurde der Fluss mehrmals umgeleitet, sein einstiges Bett samt den Zeichen menschlicher Besiedlung verschwand mitten unter dem Schlossplatz.

Spuren gleich tütenweise

„Ich dachte: Wow, das kann doch eigentlich nicht sein“, beschreibt Christian Golüke sein Gefühl, als er die ersten Scherben ganz am Rand der Baugrube fand. Schließlich sind nie zuvor derart alte Spuren von Ur-Gronauern gefunden worden. Gleich tütenweise haben der Archäologe und sein Team die Stücke aus der Vergangenheit aufgesammelt und an den Landschaftsverband Westfalen-Lippe geschickt, wo sie gereinigt und genauer analysiert werden. „Für mich ist das ein richtiger Schatz – besser als das, was andere für einen Schatz halten würden", freut sich Golüke über die unerwarteten Tonscherben. Das ist wohl irgendwie auch gut so, denn einen klassischen Schatz aus Gold und Silber werden die Archäologen auf dem Gelände wohl kaum noch finden. Fast genauso überraschend ist der Fund an einer anderen Stelle des Geländes, wo ein Team gerade dabei ist, die Reste einer Brücke ans Tageslicht zu holen. Die führte einst über eine Gräfte zu einem Tor in der Ringmauer des Schlosses. „Bei einer Brücke hofft man natürlich, dass da was runtergefallen ist“, lacht der Archäologe.

Für mich ist das ein richtiger Schatz – besser als das, was andere für einen Schatz halten würden.

Christian Golüke

Und genau das ist hier auch der Fall: Eimerweise Kleinkram hat das Team schon aus dem Boden rund um die Holzpfeiler geholt, über die vor Jahrhunderten Bewohner, Angestellte und Besucher des Schlosses liefen – Lederfetzen, Ton- und Glasscherben, Tierknochen und Stecknadeln. Und Stücke von Schiefertafeln: Auf einigen haben die Forscher bereits Zeichnungen und Buchstaben entdeckt, die nun ebenfalls beim LWL analysiert werden.

Leider ist nur noch eine Seite der Brücke erhalten, die andere wurde beim Bau der Tiefgarage in den 1970er Jahren zerstört. Aber auch so erlauben die unzähligen Funde schon einen guten Einblick in den Alltag des echten Lebens im Mittelalter.

Spannendstes Projekt Westfalens

Selbst heute noch würde sich die ehemalige Gräfte in Nullkommanichts mit Wasser füllen, wenn nicht ständig die Pumpen laufen würden, die den Grundwasserspiegel um rund eineinhalb Meter absenken.

Genau dieses Wasser ist es aber auch, das die Fundstücke über die Jahrhunderte luftdicht abgeschlossen und vor dem Verfall bewahrt hat. Der setzt ein, sobald sie austrocknen. Deshalb werden die durchnässten Holzpfeiler der Brücke etwa mit Plastikfolie umwickelt. Ihr genaues Alter soll demnächst den­drochronologisch, also durch den Abgleich der Jahresringe, ermittelt werden.

Lederreste werden in wassergefüllten Beuteln gelagert – genau wie übrigens die Glasscherben: „Die lösen sich sonst einfach auf, wenn sie trocknen“, weiß Christian Golüke. Und ist sich sicher: Die Grabungen auf dem Gelände, wo erst ein Schloss und dann ein Einkaufszentrum standen, sind das derzeit spannendste Archäologie-Projekt in ganz Westfalen.

Alle Funde und Bodenstrukturen werden mit einem 3D-Scanner dokumentiert. Mit den Daten soll die mittelalterliche Schlossanlage später am Computer rekonstruiert werden.

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