Wanderausstellung im Rahmen der Interkulturellen Wochen
Von wegen „abgestempelt“

Gronau -

Vier Jahre sind keine allzu lange Zeit, will man meinen. Doch seit der Entstehung der Fotos, die aktuell im Rahmen der Interkulturellen Wochen als kleine Wanderausstellung durch die Stadt ziehen, ist viel passiert. „Abgestempelt“– so der Titel der Ausstellung, die am Montagabend im Rahmen der Interkulturellen Wochen im Haus der Begegnung eröffnet wurde.

Mittwoch, 23.09.2020, 07:40 Uhr aktualisiert: 29.09.2020, 13:54 Uhr
Bärbel Manfré vor ihrem Porträt.
Bärbel Manfré vor ihrem Porträt. Foto: Christiane Nitsche-Costa

 

Manch einer der Porträtierten, die die Betrachter mit ihren Vorurteilen konfrontieren, ist inzwischen verstorben. Und einer ist heute Gronaus Bürgermeister: „Ich bin Gronauer, aber nicht kriminell“, steht auf dem Schild zu lesen, das Rainer Doetkotte in die Kamera hält. Dahinter ein Ausrufezeichen. Ob nun Italiener als Pizza-Esser, türkische Frauen als Kopftuchträger, ihre männlichen Pendants als Machos, Arbeitslose oder Tätowierte als dumm, Russen als ewige Wodka-Trinker und Polen als Autodiebe: Dass jedes der hier mit einem lebendigen, womöglich persönlich bekannten, Gesicht widerlegten Klischees hinlänglich bekannt ist, zeigt allein schon, wie sehr Vorurteile in unser aller Denken verankert sind.

Das weiß auch Birgit Hüsing-Hackfort, Initiatorin und Fotografin der Bilderserie. „Manchmal erwische ich mich selber“, bekennt sie. „Da muss man täglich gegen arbeiten.“

Cigdem Dikmen sieht ihr Porträt nach langer Zeit wieder. Die Ausstellung war zwischenzeitlich im Museum der Integration in Köln – und soll auch dorthin zurückkehren. Sie habe sich damals bewusst dafür entschieden, mitzumachen, sagt sie. „Ich fand es interessant.“ Auch begegne ihr das gängige Klischee von der Kopftuch tragenden Türkin immer wieder, das auf sie selbst eben ganz und gar nicht zutreffe. „Man kann von sich aus sprechen“, so die 43-Jährige.

Bärbel Manfré hat seinerzeit stellvertretend für ihren italienischen Ehemann mitgemacht, der kurz vor der Aktion verstarb. Sie habe spontan entschieden: „Natürlich mache ich mit.“ Als sie einander 1969 kennenlernten, habe es schon auch Blicke und Getuschel gegeben. „Die hat einen Ausländer“, habe man festgestellt. Aber die Anfeindungen gegen Ausländer, die heute mitunter zu beobachten sind, habe es damals in dieser Form nicht gegeben. „Es war längst nicht so schlimm wie heute.“

Ahmet Sezer, der Integrationsbeauftragte der Stadt Gronau, stellte denn auch fest: „Das ist eine einfache, aber sehr aussagekräftige Ausstellung – egal, über welche Gruppe man spricht.“

Die Ausstellung ist bis 2. Oktober im Haus der Begegnung zu sehen, anschließend geht sie in die Stadtbücherei (5. bis 16. Oktober) und ins Café Grenzenlos (27. Oktober bis 27. November).

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