Svenja Fuchs hat mit Rollstuhl den Führerschein bestanden – Matthias Menke machte es möglich
Freie Fahrt trotz Handicap

Gronau/Epe -

„Selber fahren ist halt irgendwann an der Zeit.“ Svenja Fuchs ist es gewohnt, die Dinge pragmatisch anzugehen. Vermutlich hat es mit ihrer Körperbehinderung zu tun, dass die 25-Jährige gern danach handelt, was möglich ist – oder eben nicht: Svenja Fuchs leidet seit der Geburt an einer Rückenmarksfehlbildung und sitzt im Rollstuhl.

Montag, 19.10.2020, 18:00 Uhr aktualisiert: 25.10.2020, 17:01 Uhr
Endlich den „Lappen“ in der Hand: Svenja Fuchs freut sich über ihre neue Mobilität. Fahrlehrer Matthias Menke (kl. Foto li.) will besonders Menschen mit Handicap ans Steuer bringen.
Endlich den „Lappen“ in der Hand: Svenja Fuchs freut sich über ihre neue Mobilität. Fahrlehrer Matthias Menke (kl. Foto li.) will besonders Menschen mit Handicap ans Steuer bringen. Foto: Christiane Nitsche-Costa

Matthias „Mattes“ Menke kann sich besser als viele andere vorstellen, was es für einen behinderten Menschen bedeutet, nicht von anderen abhängig sein zu müssen, um von A nach B zu kommen. Der 51-Jährige war als Fachkraft für Menschen mit Behinderung bei den Wittekindshofer Werkstätten tätig, bevor er vor zwei Jahren „Mattes‘ Fahrschule“ in Epe und Heek eröffnete. „Mit oder ohne Handicap“, sagt er: „Man kann sich mit Führerschein einfach besser bewegen.“

Mit oder ohne Handicap: Man kann sich mit Führerschein einfach besser bewegen.

Fahrlehrer Matthias Menke

Von Anfang an habe er daher sein Unternehmen als „Fahrschule für Menschen mit und ohne Handicap“ verstanden.

Dabei ist der Führerschein für Menschen ohne Behinderung mitunter schon eine Herausforderung. Aber während die meisten ihrer Altersgenossen längst „den Lappen“ in der Tasche hatten, war das für Svenja Fuchs lange kein Thema. Bis zu ihrem Abitur 2015 war sie als Internatsschülerin in Köln. „Da brauchte ich keinen Führerschein.“ Jetzt aber, langfristig wieder im heimischen Gronau gelandet, mitten in der Ausbildung und mit einem Freundeskreis, der weit verstreut im Land zuhause ist, sieht die Welt schon anders aus – zumal vom Rollstuhl aus.

Unpünktliche Züge, Aufzüge, die nicht fahren – und wenn sie es tun, aufs Ekligste verschmutzt sind: Svenja Fuchs könnte viel erzählen über ihre Erfahrungen mit der barrierefreien Mobilität. „Ich kann ja schon bei uns in der Straße nicht in den Bus einsteigen, weil der Bordstein nicht hoch genug ist.“

Ich kann ja schon bei uns in der Straße nicht in den Bus einsteigen, weil der Bordstein nicht hoch genug ist.

Svenja Fuchs

Doch damit ist Schluss: Nach nur 26 Übungsfahrten hat Svenja Fuchs am 26. August die praktische Fahrprüfung bestanden. „Das ist wenig“, betont Menke. Er freut sich nicht nur über den Erfolg seiner Schülerin – er hat ihre Fähigkeiten von Beginn an gut eingeschätzt. „Ich krieg sie schnell durch“, habe er gesagt.

Diese Einschätzung ist nicht unwichtig, denn Fahrschüler mit Behinderung müssen entweder ein auf ihre Behinderung angepasstes Fahrzeug leihen – oder die Fahrschule von vornherein mit dem eigenen Wagen absolvieren. Wobei natürlich auch dieser entsprechend umgebaut werden muss. Da gilt es einzuschätzen, was günstiger wird. Die Kosten werden zwar von der Agentur für Arbeit oder vom Amt für Integration gefördert. Aber in jedem Fall ist zunächst Vorkasse angesagt.

Den Kangoo, den Svenja Fuchs nun ihr Eigen nennt, hat sie von ihrer Mutter übernommen. Er passte in Sachen Laufleistung und Lebensalter noch in die Förderrichtlinien. Dennoch waren die 21 000 Euro für den Umbau, den eine Spezialfirma in Münster ausführte, kein Pappenstiel – vom bürokratischen Aufwand mit Gutachten und Förderantrag ganz zu schweigen.

Umrüstung

Dass das im Vergleich mit anderen Fahrzeugen aber doch vergleichsweise wenig ist, macht Matthias Menke klar: „Das Teuerste, was ich bis jetzt gesehen habe, war ein Toyota für eine Frau ohne Arme, der komplett mit dem Kopf gesteuert werden sollte“, erzählt er. Kostenpunkt: 180 000 Euro – für die Umrüstung.

Svenja Fuchs hatte ganz andere Sorgen, als der Wagen in Münster beim Umbau war. „Wir haben ihn in der Woche nach Karneval hingebracht, Ostern hätte ich ihn abholen können“, erklärt sie. „Aber dann kam Corona.“

Der Pandemie zum Trotz hat sie es geschafft, und auch schon erste Fahrpraxis gesammelt – „ein bisschen shoppen und einmal nach Essen und zurück.“ Ihre Mutter mache sich zwar noch hin und wieder Sorgen, bekennt sie lachend. Aber: „Ich bin heil angekommen und auch wieder zurück.“

Bis der Führerschein allerdings da war, hat es noch einmal gedauert. Er kam vor etwa zehn Tagen – der vorläufige, wohlgemerkt. Denn das Gutachten des Fahrprüfers, der dann auch die Umbauten begutachtet, muss ebenfalls erst durch die Mühlen der Bürokratie. Alles Formsache, aber eben zeitaufwendig. Svenja Fuchs sieht‘s pragmatisch: „Hauptsache, ich kann fahren.“

Matthias Menke hat unterdessen schon den nächsten Schützling am Steuer: ein junges Mädchen mit Beinprothese. Er ist förmlich beseelt von der Idee, behinderten Menschen dieses Stück Freiheit zu verschaffen. Voriges Jahr habe eine junge geistig behinderte Frau die Prüfung geschafft. In der Theorie mit nur drei Fehlern, in der Praxis ebenfalls anstandslos. Als die Eltern feststellten, dass die Tränen im Gesicht ihrer Tochter Freudentränen waren, sei das ein unfassbarer Moment gewesen. „Das ist vielleicht das Einzige, was diese Leute in ihrem Leben an Prüfung schaffen können“, überlegt er. Die Dankbarkeit, die er erfahre, bedeute ihm viel.

Verkehrsübungsplatz

Aktuell macht sich Menke stark für einen Verkehrsübungsplatz in Gronau. Mit der Stadt ist er dabei bereits in vielversprechendem Kontakt. Und: „Ich möchte Leute einstellen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance haben.“

Svenja Fuchs hat auch lange nach einem Ausbildungsplatz gesucht. Im Antonius-Stift wird sie nun zur Bürokauffrau ausgebildet. In der Freizeit fährt sie mit ihrem Kangoo zu Freunden oder auf Mittelaltermärkte. Die Pedale und Spiegel für den Fahrlehrer sollen demnächst wieder abgebaut werden. Den Fahrschulaufkleber am Heck würde sie gerne behalten. Svenja Fuchs lacht: „Die Leute hinter mir fahren noch sehr vorsichtig.“

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