Nicht nur zu Halloween ist Augenmaß gefragt
Erklären statt verbieten

Ich gebe es gerne zu: Über die Corona-Situation immer wieder zu sprechen oder zu schreiben – ich kann mir Schöneres vorstellen. Aber das Thema bestimmt nun mal das Tagesgeschehen und wird uns auch wohl nicht so schnell loslassen.

Freitag, 30.10.2020, 18:26 Uhr aktualisiert: 01.11.2020, 18:02 Uhr
Nicht nur zu Halloween ist Augenmaß gefragt: Erklären statt verbieten
Foto: Heinrich Schwarze-Blanke

 

Egal, ob jetzt die Rede von einem Teil-Shutdown oder von einem Slow-Down ist. Das Ziel ist klar: Die Kurve der Neuinfektionen muss verflacht werden, damit das Gesundheitssystem nicht an seine Leistungsgrenzen gerät. Ich denke, bis auf wenige Corona-Leugner kann jeder dieser Aussage zustimmen.

Wo sich die Geister allerdings zu scheiden beginnen, das ist bei der Frage nach den geeigneten Maßnahmen. Ein Beispiel betrifft den heutigen Abend. Für manche Protestanten ist der 31. Oktober ein wichtiger Feiertag – der Reformationstag . Viele Kinder, Familien und Erwachsene fiebern allerdings etwas ganz anderem entgegen: Halloween. Der eigentlich aus Irland stammende Brauch, am Abend vor Allerheiligen aktiv zu werden, wurde auf amerikanische Einwanderer übertragen und schwappt schon seit Jahren zurück nach Europa und damit auch Deutschland. Kostümierte Kinder ziehen durch die Straßen, klingen an den Haustüren und bitten um Süßes, wobei sie alternativ Saures androhen. Ich kann damit nichts anfangen, setze eher auf die Tradition der Martinsumzüge und dem Rundgang mit der selbst gebastelten Laterne. Aber das tut hier nichts zur Sache. Schließlich regiert derzeit Corona – und das Gebot der Stunde heißt „Abstand halten“.

Bedeutet dies, dass heute Abend der Gang von Haus zu Haus unterbleiben muss? Nein, einen gesetzlichen Zwang gibt es nicht. Aber eindringliche Appelle – angefangen von der Familienministerin bis hin zu Ärztevertretern.

Wenn man Kindern etwas verbieten will, dann sollte man es aber auch richtig begründen können. Wo konkret gibt es ein Risiko, wenn mit Abstand, Maske und in Kleinstgruppen – im Idealfall im Familienverbund – der Rundgang mit Kostüm und Taschenlampe durch die Nachbarschaft startet und das Süße in die vor der Haustür abgestellten Tasche der Kinder gepackt wird.

Es wurde in diesem Zusammenhang schon der Vorschlag gemacht, dass Haushalte, die sich über Kinderbesuch freuen, eine Kerze als Hinweis ins Fenster stellen sollen. Keine schlechte Idee. Denn was mir fehlt, das ist der konkrete Hinweis auf eine nachweisbare Infektionsgefahr, die von einer solchen Aktion ausgeht. Nicht nur ein Verbot, auch ein Appell braucht eine plausible Begründung. Und ich kann sie nicht liefern, weil auch Fachleute in dieser Frage im Allgemeinen bleiben und keine konkreten Belege liefern. Mit AHA-Regel müsste das machbar sein. Ob es nötig ist, das sollte jeder mit sich selbst (und seinen Kindern) ausmachen.

Die nur kleine Diskussion über den Halloween-Abend liefert aber einen Hinweis auf ein viel größeres Problem: Wurden bei der ersten Corona-Welle im Frühjahr die meisten Einschränkungen von vielen Menschen noch einigermaßen widerstandslos hingenommen, so sieht das heute anders aus: Einige Regelungen wie Übernachtungsverbote oder auch Sperrstunden wurden von den Gerichten bereits wieder einkassiert. Und bei den neuen Lockdown-Regelungen gibt es besonders aus dem Bereich der Hotels und Gaststätten auch schon Ankündigungen, die Rechtmäßigkeit der Beschlüsse höchstrichterlich überprüfen zu lassen.

Ein Akzeptanzproblem, das sich in den vergangenen Wochen immer mehr herauskristallisiert, ist der schwindende Glaube, dass die in der Politik gefassten Beschlüsse auf Erkenntnissen fußen und nicht auf bloßen Vermutungen. Auch ein gutes Dreivierteljahr nach dem Ausbruch der Pandemie in Deutschland gibt es mehr Fragen als Antworten. Viele Infektionsketten lassen sich nicht herleiten und eine Sanktionierung von Fehlverhalten setzt erst langsam ein.

Trotz des Versuches, bundeseinheitliche Regelungen zu schaffen, unterscheiden sich schon die Verordnungen zwischen den Münsterlandkreisen. Das sorgt nicht nur für Unsicherheit, es lässt auch den Verdacht auf Willkür wachsen.

Wenn Politik die Menschen durch die ganz bestimmt nicht einfache Zeit mitnehmen will, dann muss sie damit anfangen, transparenter zu arbeiten und deutlicher zu kommunizieren, warum eine Einschränkung nicht nur sinnvoll sein könnte, sondern erforderlich ist. Klarheit und Einfachheit bilden die Basis für Akzeptanz und Vertrauen – und kein möglicherweise politisch motivierter Überbietungs- oder Unterlassungswettkampf.

Wenn dann noch von den Menschen Augenmaß dazukommt, was beinhaltet, dass nicht alles, was gemacht werden darf, auch getan werden sollte – dann befinden wir uns auf einem guten Weg, um vielleicht Weihnachten etwas unbeschwerter feiern zu können.

 

Guido Kratzke

 

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