Kinderärztin spricht über Lockdown-Folgen
„Die Kinder und Jugendlichen leiden“

Gronau -

„Ich wünsche mir wirklich, dass die Kitas und die Grundschulen wieder öffnen“, sagt Ulrike Metzler, Kinderärztin in Gronau. Die Lage spitze sich zu. Einzelne ihrer Patienten hätten – innerhalb eines Jahres, von einer Vorsorgeuntersuchung zur anderen – 35 Prozent ihres Körpergewichtes zugenommen. Traurigkeit bei Kindern nehme ebenfalls zu.

Dienstag, 16.02.2021, 18:28 Uhr aktualisiert: 17.02.2021, 18:40 Uhr
Kein Sport mehr, keine Treffen mit Freunden: Übergewicht wird bei Kindern immer mehr zum Problem, sagt die Kinderärztin Ulrike Metzler (kl. Bild).
Kein Sport mehr, keine Treffen mit Freunden: Übergewicht wird bei Kindern immer mehr zum Problem, sagt die Kinderärztin Ulrike Metzler (kl. Bild). Foto: colourbox

„Die Lage spitzt sich zu“, sagt Ulrike Metzler , Kinder- und Jugendärztin in Gronau. Seit zwei bis drei Wochen würden Kinder auch verbal äußern, dass sie traurig seien und ihnen ihre Freunde fehlten. „Mütter erzählen mir, dass ihre Kinder weinend gesagt haben, dass sie wieder zur Kita möchten.“ Manche hätten Schlaf- und Essstörungen. „Wenn der Lockdown nicht endet, muss aus medizinischen Gründen in Einzelfällen ein Kindergartenbesuch veranlasst werden, um weitere seelische Schäden zu vermeiden“, sagte Metzler am Freitag deutlich. Ältere Kinder im Schulalter könnten über Zoom, Videokonferenzen und Handys Kontakt zu ihren Freunden, die sie vermissen, halten; diese Möglichkeit beziehungsweise Fähigkeit hätten Kinder unter sechs Jahren noch nicht.

Traurige Kinder

Traurigkeit und depressive Verstimmungen sind das eine. Das zweite große Problem, dem Kinderärzte jetzt in der Coronazeit verschärft gegenüberstehen: „20 Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen drei und 16 Jahren, die in die Praxis zu den Vorsorgeuntersuchungen kommen, haben innerhalb eines Jahres die Schwelle vom Normal- zum Übergewicht überschritten“, berichtet Metzler. Einzelne hätten – innerhalb eines Jahres, von einer Vorsorgeuntersuchung zur anderen – 35 Prozent ihres Körpergewichts zugenommen.

Gewichtszunahme um 35 Prozent

Vor diesem Hintergrund sagt die Medizinerin klar: „Ich wünsche mir wirklich, dass die Kitas und die Grundschulen wieder öffnen.“ Seit kurz vor Weihnachten sind sie jetzt geschlossen.

In allen Altersstufen – außer bei den Säuglingen – sei Gewicht zurzeit ein weitaus größeres Thema als vor dem Lockdown. Die Bewegung fehle den Kindern und Jugendlichen: der Sport in der Schule und in den Vereinen. Gerade Jugendliche brauchten den auch als emotionalen Ausgleich, sie hätten vor Corona zwei- oder sogar dreimal Sport pro Woche gemacht.

Vier Stunden online

So sehr Zoom und Co. auch einerseits helfen, der Medienkonsum habe drastisch zugenommen, sagt Ulrike Metzler. Selbst bei Kita-Kindern betrage er zum Teil vier Stunden pro Tag oder mehr. 30 Minuten würden empfohlen. „Ich sage, dass auch eine Stunde okay ist.“ Die Ärztin weiß, wie groß die Herausforderungen sind, vor denen Eltern seit Monaten mit Homeoffice und -schooling, teils beengten Wohnverhältnissen, Kurzarbeit und auch Geldsorgen stehen.

Aus dem Blick verloren hat sie zudem nicht die Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund: „Die Sprachentwicklung vor der Einschulung ist ein großes Problem“, sagt Metzler. Warum? Mütter und Väter sprächen zu Hause die Muttersprache, was auch gut sei. Doch wenn die Außenkontakte fehlten, fehle auch das Erlernen der deutschen Sprache. „Durch die Vorsorgeuntersuchungen sehe ich, dass Kinder mit vier Jahren besser gesprochen haben als jetzt mit fünf Jahren.“ Die Chancen-Ungleichheit verstärke sich unter Corona-Lebensbedingungen.

Sprachfähigkeit nimmt ab

Es gebe auf der anderen Seite aber durchaus Kinder, denen die Ruhe gut täte, die nicht traurig seien – stark hänge das vom familiären Umfeld ab. Und dabei geht es keineswegs nur darum, ob eine Familie einen Migrationshintergrund hat oder nicht, wird im Gespräch mit der Ärztin deutlich. Eltern, die in systemrelevanten Berufen – im Lebensmittelbereich oder Krankenhaus zum Beispiel – arbeiten, haben wahrscheinlich weniger Zeit, sich um ihre Kinder zu kümmern als andere. Halbtagsstelle oder Vollzeit? Auch das spielt eine Rolle. Die Ausstattung mit Endgeräten ist entscheidend. Metzler: „Wenn es für drei Kinder nur einen Laptop gibt, haben es diese Kinder viel schwerer zu lernen als Kinder, die über ein eigenes Zimmer und auch einen eigenen Laptop verfügen.“

Mail an die Schulen

Nach den Planungen der NRW-Landesregierung – veröffentlicht nach der Sitzung der Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidenten am vergangenen Mittwoch – sollen am 22. Februar zunächst nur die Grundschulen, Abschlussklassen und Förderschulen in den Teil-Präsenzunterricht zurückkehren. „Alle Schülerinnen und Schüler erhalten möglichst im selben Umfang Präsenz- und Distanzunterricht. Zeitintervalle, bei denen Schülerinnen und Schüler länger als eine Woche lang keinen Präsenzunterricht erhalten, sind unzulässig“, heißt es in der Mail vom 12. Februar an die Schulen von Ministerin Yvonne Gebauer. An den Grundschulen solle in der Präsenzzeit vorrangig Deutsch, Mathe und Sachkunde unterrichtet werden. Künftig sind zudem zwei Corona-Tests für Lehrer pro Woche vorgesehen plus zwei FFP2-Masken täglich für Lehrkräfte und Mitarbeiter der Offenen Ganztagsschule. Die Kitas, so der NRW-Familienminister am Dienstag, sollen auch am 22. Februar wieder für alle Kinder öffnen – allerdings mit reduzierter Wochenzahl für jedes Kind.

Masken für Erzieherinnen

Ulrike Metzler findet es richtig, dass auch Erzieherinnen in Kitas Masken tragen – „wenn sie Angst vor einer Infektion haben und das wollen“. Den Kindern schade das nicht, wenn es für diejenigen unter zwei Jahren dann auch schwieriger sei, Mimik zu deuten.

Stichwort Babys: Die, sagt die Kinderärztin, seien im ersten Lebensjahr auf die Mutter und den Vater fokussiert, die sie ohne Masken sähen. Dennoch: Krabbelgruppen fehlten. „Kinder lernen von Kindern“. Mehr Sorgen macht der Ärztin jedoch der etablierte Handyumgang – „das hat jetzt mit Corona nichts zu tun“ – von Eltern. „Das Baby oder Kleinkind konkurriert inzwischen mit dem Handy um die ungeteilte Aufmerksamkeit des Elternteils“, erläutert Metzler und schildert eine „typische Alltagssituation“, wie sie sagt: „Vater oder Mutter spielen mit dem Baby, gemeinsames Lachen, Blicke werden getauscht, das Kind genießt die volle Aufmerksamkeit – dann klingelt das Handy.“ Auf die Frage „Was machen Sie dann?“ antworteten die Eltern meistens: „Ich gehe ans Handy.“ Metzler: „Diese abrupte Unterbrechung der Zuwendung irritiert die Kinder. Oft wird auch mit dem Handy via Lautsprecher gleichzeitig telefoniert und das Kind versorgt – ungestörte Aufmerksamkeit gibt es dann überhaupt nicht mehr.“ Erste Studien zeigten, dass dieses Verhalten bei Kindern zu emotionalen Störungen führe. „Vielleicht“, sagt die Ärztin, „ist das ja auch ein weiterer Grund, warum Kita-Kinder so sehr wieder in den Kindergarten wollen.“ Dort hätten sie die handy- und laptopfreie Aufmerksamkeit der anderen Kinder und der Erzieher.

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