Blickpunkt der Woche: Impfangst
Pro und Contra gut abwägen

Es ist gut, dass wir vor Gefahren gewarnt werden. Doch manchmal werden Gefahren auch übertrieben dargestellt. Und wenn’s ganz schlecht läuft, werden wir vor Gefahren gewarnt, die gar keine sind. Dann hilft es nur, sich gut zu informieren, um eine fundierte Entscheidung treffen zu können. Das gilt auch bei der Frage: Corona-Impfung – ja oder nein?

Freitag, 19.02.2021, 19:38 Uhr aktualisiert: 19.02.2021, 19:59 Uhr
Manche Dinge sehen gefährlich aus, sind aber ganz harmlos – bei anderen ist es umgekehrt.
Manche Dinge sehen gefährlich aus, sind aber ganz harmlos – bei anderen ist es umgekehrt. Foto: Heinrich Schwarze-Blanke

Kennen Sie die Nina-App? Über die werden Unwetterwarnungen des Wetterdienstes verbreitet, und sie schlägt bei sonstigen Kalamitäten Alarm. Ich habe sie auf meinem Smartphone installiert. Jedes Mal, wenn es etwas Neues gibt, löst sie ein Sirenensignal aus. Auch meine Wetter-App informiert mich über meteorologische Besonderheiten und Ausnahmesituationen.

Vergangene Woche warnte die App vor Schnee und drohendem Glatteis. Das mit dem Schnee stimmte, von Glatteis wurden wir hier zum Glück größtenteils verschont. Aber wie heißt es so schön: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Besser einmal zu häufig gut aufgepasst, als nach einem Unfall mit Knochenbrüchen im Krankenhaus zu liegen.

Achtung, Dramatisierung

Allerdings wurde ich kürzlich (einige Tage vor dem Wintereinbruch) stutzig: Da ploppte eine Warnung vor „Strengem Frost“ auf. Der Zusatztext prognostizierte minus ein Grad. Extremer Frost? In der vergangenen Woche mit Temperaturen von nachts weit unter minus zehn Grad Celsius wäre diese Beschreibung vielleicht angemessen gewesen. Aber bei minus einem Grad? Da begaben sich die Warner selbst aufs Glatteis, finde ich.

Aber diese Episode passt in die Zeit. Es wird – absichtlich oder nicht – übertrieben, dramatisiert, die Menschen werden vor Gefahren gewarnt, die bei genauem Hinsehen gar keine sind. Dadurch wird Unsicherheit erzeugt, in einer Zeit, in der die Umstände ein enormes Sicherheitsbedürfnis geweckt haben.

Viele Menschen reagieren darauf mit übertriebener Vorsicht. Manche Eltern beispielsweise würden ihre Kinder am liebsten rund um die Uhr bewachen. Ich kann’s nachvollziehen: Kein Vater und keine Mutter wünscht, dass dem Kind etwas passiert. Aber irgendwann muss man als Eltern auch mal loslassen. Wichtig ist, dass das Kind zu dem Zeitpunkt auf die Gefahren und Risiken vorbereitet ist, die im Alltagsdschungel so lauern.

Zu viel Angst lähmt

Bei dieser Einschätzung das richtige Maß zu finden, ist zugegebenermaßen gar nicht so einfach: Zu viel Angst lähmt, zu großes Draufgängertum kann böse Folgen nach sich ziehen. Und was sich bei Gefahren durch Glatteis im Straßenverkehr noch recht realistisch einschätzen (und die Warnung vor strengem Frost bei minus einem Grad als lächerlich empfinden) lässt, wird bei einer Pandemie wie der jetzigen zum Problem. Denn im persönlichen Verhaltensbaukasten fehlen schließlich die einschlägigen Erfahrungen, wie man mit derart aggressiven Viren umgehen soll. Ja: Erkältungen kennt jeder, vielleicht hatte man schon mal eine Grippe. Schon da zeigt sich, dass Viren im allgemeinen unberechenbar sind. Die aktuellen Corona-Mutationen sind ein noch deutlicherer Beleg.

Auf Experten vertrauen

Könnte ich die Gefahren durch das Virus mit meinen eigenen Kenntnissen realistisch einschätzen? Nein, dafür fehlen mir einfach Expertise und Erfahrung. Daher vertraue ich darauf, dass die Ratschläge der Medizin-Experten sinnvoll sind. Dabei achte ich schon darauf, ob etwas plausibel erscheint oder nicht. Im Zweifelsfall informiere ich mich bei seriösen Quellen. Und die raten derzeit zur Impfung.

Die Mutanten kommen: Was bedeutet das für die Impfungen?

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  • Der Fall sorgt für Aufsehen: Über ein Dutzend bereits geimpfte Senioren in einem niedersächsischen Pflegeheim werden positiv auf die britische Virusvariante B.1.1.7 getestet. Haben Mutationen die zugelassenen Corona-Impfstoffe also schon überholt? Experten geben etwas Entwarnung - und machen trotz neuer Virusvarianten Hoffnung.

    Foto: Christian Ohde via www.imago-images.de
  • Schützen die aktuellen Impfstoffe gegen neue Varianten?

    Noch sieht es recht gut aus. Der Fall in Niedersachsen sei „nicht besorgniserregend, sondern zeigt, dass die Impfung funktioniert“, sagt der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Carsten Watzl. In dem Heim habe es zunächst keine schweren Verläufe gegeben. Und das zu verhindern sei die Aufgabe der Impfung. „Die vorhandenen Vakzinen schützen bislang alle vor schwerer Krankheit und Tod“, sagt auch der Gießener Virologe Friedemann Weber. Zwar könne man nun annehmen, dass bei Mutationen der Impfschutz in Bezug auf die Symptomatik etwas sinke und es schwerere Verläufe geben könne. Aber: „Ein Stück weit schützt die Impfung immer.“

    Foto: Sven Hoppe/dpa
  • Wie leicht können Impfstoffe an neue Varianten angepasst werden?

    Noch helfen Impfstoffe also zumindest teilweise gegen aufkommende Varianten. Sollten sie künftig angepasst werden müssen, könnte das insbesondere bei den auf Boten-RNA (mRNA) basierenden Impfstoffen von Biontech, Moderna oder perspektivisch auch Curevac schnell gehen. „Da muss man nur die Buchstabenreihenfolge im genetischen Bauplan ändern“, sagt Watzl. Er schätzt, dass eine Umstellung der Produktion in rund sechs Wochen machbar wäre. Das deckt sich mit Angaben der Hersteller. Etwa doppelt so lange könnte seiner Einschätzung nach der Prozess bei Vektor-Impfstoffen wie etwa dem von Astrazeneca dauern. Nach Einschätzung von Watzl müsste man für den kompletten Prozess bis zur Anwendung grob vier bis sechs Monate veranschlagen. Astrazeneca kündigte jüngst eine neue Impfstoff-Generation für den Herbst an, die besser vor Varianten schützen soll.

    Foto: Alex Rosemberg/dpa
  • Wie oft muss die Impfung in Zukunft aufgefrischt werden?

    Das hängt zum einen davon ab, wie schnell die Wirksamkeit des Impfstoffs nachlässt, wie Weber erklärt. Dazu fehlen noch langfristige Daten. Die andere Unbekannte ist, ob neue Mutationen neue Impfstoffe erfordern. „Coronaviren sind im Vergleich zu anderen Viren behäbiger“, erklärt Weber. Solange sie jedoch in großer Zahl in Umlauf sind, ist auch die Wahrscheinlichkeit von Mutationen höher. Insgesamt könne er sich „durchaus vorstellen, dass man künftig jeden Herbst nachimpfen muss“. Immunologe Watzl schätzt, dass „erst nach mehreren Jahren“ aufgefrischt werden muss. Einig sind sich die Experten jedoch in einem Punkt: Das Thema wird uns die kommenden Jahrzehnte begleiten.

    Foto: Uwe Zucchi/dpa
  • Hilft ein globales Impfprogramm gegen Mutationen?

    Etliche Stimmen kritisieren die globale Impfstoff-Verteilung und mahnen, das könne auch hierzulande zum Problem werden. Das Argument: Wenn sich das Virus in einigen Weltregionen frei entfalten kann, entstehen mehr Mutationen, die irgendwann auch in Deutschland ankommen. „Die Pandemie ist nicht vorbei, wenn Deutschland geimpft ist, sondern wenn die ganze Welt geimpft ist“, sagt Watzl.


    Auch Weber plädiert für ein globales Impfprogramm. Beide machen aber auch klar: Sobald in Deutschland ausreichend geimpft wurde, sei eine Grundimmunität in der Bevölkerung vorhanden, die es neuen Varianten schwerer macht. „Wenn dann eine Mutante durchkommt, sind wir nicht mehr so ungeschützt“, erklärt Watzl. Auch Weber rechnet nicht damit, dass neue Mutationen den Fortschritt in der Pandemiebekämpfung in Deutschland auf null zurücksetzen.

    Foto: Sebastian Gollnow/dpa
  • Wie viele Virusvarianten sind noch denkbar?

    Seit Beginn der Pandemie hat das als behäbig geltende Sars-CoV-2 schon mehrere potenziell ansteckendere und gefährlichere Varianten ausgeprägt - obwohl es noch keine Herdenimmunität gab und der Anpassungsdruck für das Virus relativ gering war. Wird es also mit steigender Immunisierung gefährlicher? „Das ist schwierig vorherzusagen“, sagt Weber. Es könne sein, dass eine nur mittlere oder „halbgare“ Immunität in der Bevölkerung die Entstehung neuer Varianten begünstige. Dann seien viele Viren unterwegs, was Mutationen wahrscheinlicher mache. Und es gebe hier und da einen Anpassungsdruck, auf den das Virus reagiere.

    Foto: Thomas Frey/dpa
  • Wann klappt das hierzulande mit der Herdenimmunität?

    Die wirksamste Waffe auch gegen Mutationen wäre die vielbeschworene Herdenimmunität. Die könnte man vielleicht schon im Herbst erreichen, meint Weber. Bis dahin werde die Impfstoff-Produktion massiv hochgefahren. Sollten dann Varianten wie etwa B.1.1.7. vorherrschen, müssten für eine Herdenimmunität wohl mindestens 80 Prozent der Bevölkerung immun sein. Auch Watzl denkt, dass dem Virus bis zum Herbst eine weitgehend immunisierte Bevölkerung gegenübersteht und die Infektionszahlen gedrückt sind: „Ich bin optimistisch, dass wir das schaffen.“ Bis dahin seien ein weiteres Einhalten der Abstandsregeln und andere Maßnahmen nötig: „Wir werden uns aus dieser aktuellen zweiten Welle nicht rausimpfen können.“

    Foto: Virginia Mayo/AP/dpa

Wie hoch sind die Impfrisiken einzuschätzen? Der Belegschaft der Gronauer Rettungswache ist der Astrazeneca-Stoff verabreicht worden. Viele zeigten danach schmerzhafte Impfreaktionen. Die seien aber ein Zeichen dafür, dass sich ein Schutz ausbildet, so die Experten. Schön und gut, aber der Impfstoff soll doch „nur“ zu 70 Prozent Schutz bieten . Steht das im Verhältnis zu den möglichen Impfreaktionen?

Dieser Wert verwirrt manchen. Er bedeutet nicht, dass 30 Prozent aller Menschen krank werden. Vielmehr gibt er an, dass die Wahrscheinlichkeit, an Covid-19 zu erkranken, bei den Geimpften um 70 Prozent geringer ist als bei den Nicht-Geimpften. Ein Beispiel, das das Robert-Koch-Institut in ähnlicher Form anwendet: Man stelle sich vor, in einer Region mit vielen aktiven Covid-19-Fällen treten 50 Fälle je 1000 Personen auf. Würde in dieser Gegend ein Teil der Bevölkerung mit Astrazeneca geimpft werden, würden nur etwa 15 von 1000 geimpften Personen erkranken – im Gegensatz zu 50 von 1000 Ungeimpften.

Wenn auch der Schutz nicht ganz so hoch wie bei den Stoffen ist, die 90 Prozent oder mehr Impfeffektivität versprechen, ist er schon ganz erheblich. Wenn eine mit einem Covid-19-Impfstoff geimpfte Person mit dem Erreger in Kontakt kommt, wird sie mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht erkranken.

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Wenn man das Impf-Risiko mit den Wirkungen vergleicht, die die Krankheit selbst nach sich zieht, oder auch mit den „Nebenwirkungen“ in Form von Kontaktverboten und Lockdowns – dann weiß ich, was ich machen werde, wenn ich an der Reihe bin . . .

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