Vorwurf: Menschenraub und Vergewaltigung
Selbstjustiz nach „Entehrung“

Gronau/Münster -

Mit einem Fall von mutmaßlicher Selbstjustiz und dem Rechtsverständnis einer Parallelgesellschaft ist jetzt das Landgericht Münster befasst. Angeklagt sind eine afghanische Mutter (51), ihre Zwillingstöchter (24) und der Sohn (18) wegen erpresserischen Menschenraubes und Vergewaltigung. Zu viert sollen sie laut Anklage in Gronau eine ebenfalls aus Afghanistan stammende Frau sexuell erniedrigt, Missbrauchshandlungen an ihr vorgenommen und sie und ihren Sohn mit dem Tod bedroht haben.

Montag, 03.05.2021, 18:06 Uhr aktualisiert: 04.05.2021, 17:28 Uhr
Im Gerichtssaal verdeckten die Angeklagten ihre Gesichter mit Mappen vor den Kameras.
Im Gerichtssaal verdeckten die Angeklagten ihre Gesichter mit Mappen vor den Kameras. Foto: klm

 

Dabei hat sich das mutmaßliche Opfer nach gängigen Wertvorstellungen hierzulande erst einmal nichts „zu Schulden“ kommen lassen. Eine der Zwillingstöchter pflegte offenbar ein sexuelles Verhältnis zu dem Ehemann des späteren Opfers. Dieser Umstand wurde von den Angeklagten, die ohne den verstorbenen Vater als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen waren, als Entehrung angesehen, wie aus der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft hervorgeht. Opfer der illegalen Selbstjustiz wurde dann nicht der mögliche Fremdgänger und dies auch nicht aus dessen eigener Familie heraus, sondern seine Ehefrau. Aus der Familie der „Geliebten“ heraus.

Die angeklagte Mutter und ihre Töchter stammen aus Kabul, der Sohn ist im Iran geboren, erklärten die Angeklagten beim Prozessauftakt am Montag. Laut Mutter gehört die Familie „einer tadschikischen Minderheit“ in Afghanistan an.

Übergriff wurde fotografiert und gefilmt

Am 1. Dezember 2018 sollen sie das Opfer und dessen zwölfjährigen Sohn als Besuch in ihrer Wohnung in Gronau empfangen haben. Dort wollten sie die Frau „aufgrund eines sexuellen Verhältnisses“ einer der Töchter „zu dem Ehemann demütigen und erniedrigen“. So verlas es der Staatsanwalt aus der Anklageschrift

So sei die Frau mit Klebeband auf dem Rücken und mit einer Wäscheleine an den Füßen gefesselt worden. Dem zwölfjährigen Sohn habe man ein Küchenmesser an den Hals gehalten und gedroht, ihn „zu töten“, so der Staatsanwalt, falls die Mutter „sich wehrt oder schreit“. Dann habe man ihr Oberteil und BH zerschnitten, einen Becher Urin über den Kopf gegossen und die Hose heruntergezogen. Es sei zum Missbrauch gekommen, den die Staatsanwaltschaft als Vergewaltigung wertet.

Der Übergriff wurde laut Anklage von den Töchtern fotografiert und gefilmt, den Zwölfjährigen sperrte man für die Zeit in einem anderen Raum ein. Schließlich sei der Frau von einer der Töchter eine Softairpistole an den Kopf gehalten worden. Anklage: „Sie drohte, die Zeugin zu töten, sollte sie zur Polizei gehen.“

Bei Gericht wollen die Beschuldigten vorläufig keine Angaben machen. Die Strafkammer hatte in Vorbereitung des Verfahrens die Jugendgerichtshilfe beauftragt, sich ein Bild von dem Reifezustand des Sohnes zu machen. Zur Tatzeit war er erst 16 Jahre alt. Er lehnte die Zusammenarbeit ab.

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