Sommerkrimi, Folge 17
Hatz mit Hindernissen

Es ist der Startschuss für den Lauf durch die Bülten, den Raimund Weißland, der Laufbeauftragte des TV Epe, abgegeben hat. Ein riesiger Pulk von Läufern setzt sich in Bewegung. „Er muss zwischen den Leuten sein“, ruft Blösing Frühling zu. „Hinterher!“ Gemeinsam überqueren sie die Startlinie. „Stopp!“, ruft ihnen Weißland nach und wedelt mit den Armen. „Ihr habt keine Startnummer. Ihr dürft nicht mitlaufen. Ihr bringt ja alles durcheinander.“ Doch die Verfolger hören nicht auf ihn. Sie rennen hinter den Teilnehmern her. Schon nach wenigen Sekunden überholen sie die Nachzügler und arbeiten sich immer weiter vor. Bis Frühling sich lang hinlegt. „Wer hat denn die blöden Autoreifen in den Weg gelegt? Mitten in den Wald! Das ist doch ein Umweltfrevel erster Güte“, schimpft er. – „Manni, die Reifen gehören zum Survivallauf dazu.“ Blösing hilft seinem Kollegen auf und tänzelt anschließend geschickt durch den Reifen-Parcours, wobei er weitere Teilnehmer überholt. Der sportliche Ehrgeiz hat ihn gepackt. Frühling hat Mühe, mit ihm Schritt zu halten. „Wo ist Durst?“, fragt er. „Er muss vor uns sein. Beeil dich!“ Blösing legt einen Gang zu. Und dann sieht er Durst: Der Architekt hat sich im Tarnnetz verheddert, durch das die Teilnehmer robben müssen. „Ha, jetzt krieg ich dich“, freut sich der Kommissar. Doch er hat die Rechnung ohne das blöde Tarnnetz gemacht: Sein rechtes Bein bleibt in einer Masche hängen. „Verflixt“, flucht Blösing, während der versucht, das Bein zu befreien. „Bert-Bodo, ich rette dich!“, kündigt sich Frühling an. „Wie gut dass ich immer mein Schweizer Taschenmesser dabeihabe.“ Er zersäbelt das hindernde Netz. „Danke!“ Blösing nimmt die Verfolgung wieder auf. Doch auch Durst hat sich befreien können. Sein Vorsprung ist wieder gewachsen. Kurz darauf verschwindet er hinter der Kuppe des Todesbergs. Blösing hetzt hinauf. Wieder hat er Durst aus den Augen verloren. Zwischen den Kiefern überholt Blösing weitere Läufer, denen die Zunge schon aus dem Hals hängt. Weiter geht es an der Pferdekoppel von Schulze-Tentale entlang. Blösing rennt im gestreckten Galopp, nimmt leichtfüßig die Hindernisse, die sich in Form von Strohballen in den Weg stellen. Da hinten ist Durst! Am Ufer der Dinkel! Er lässt sich gerade ins Wasser hinab und beginnt watend und schwimmend, den nassen Teil der Strecke zurückzulegen. Blösing hält sich nicht lange auf: Mit einem Satz hechtet er in den Fluss – die alte Regel außer Acht lassend, eben nicht einfach in unbekannte Gewässer zu springen: Die Dinkel ist ihm zwar nicht unbekannt, und auch der Umstand, dass der Fluss Niedrigwasser führt, müsste ihm eigentlich bekannt sein. Doch im Jagdfieber lässt Blösing alle Vorsicht fahren und stößt sich bei der Landung im Flussbett böse den Steiß. „Auuu!“ Die Zeit, bis der Schmerz nachlässt, verbringt er mit lautem Schmerzgejaule. Zwei Helfer wollen ihn schon aus dem Fluss ziehen – doch Blösing beißt die Zähne zusammen und platscht durch das Wasser zum anderen Ufer, das Durst schon längst erklommen hat. Er ist schon fast an der Brücke am Alfertring. Weit hinter sich sieht Blösing, wie Frühling sich über den Strohballen quält. „Auf dich kann ich nicht warten“, denkt er und nimmt die Verfolgung wieder auf. Den Schmerz ignorierend, holt er Meter für Meter auf. Über den neuen Radweg geht es hinterm Bültenbad vorbei. Blösing konzentriert sich wieder auf Durst. „Jetzt hab ich dich, Freundchen“, denkt er. Wenige Zentimeter noch. Der Kommissar streckt seine Hand aus, um Durst am Schlafittchen zu packen. Völlig konsterniert bemerkt er, dass am Rand des Wegs Menschen stehen, die applaudieren und ihn anfeuern. „Haltet ihn doch auf!“, will er rufen, doch er bekommt aus Atemnot keinen Ton heraus. Plötzlich wird ihm klar, dass er sich auf der Zielgeraden des Survivallaufs befindet – und sich bis auf Durst niemand mehr vor ihm befindet. Wie in Zeitlupe nimmt Blösing wahr, dass sich eine Gestalt aus den jubelnden Zaungästen löst. Es ist Wiesel. Der stellt sich drei Meter vor dem Ziel mit großer Lässigkeit Durst in den Weg und ein Bein. Durst stolpert und bleibt liegen. Blösing reagiert blitzschnell und springt über den am Boden liegenden Mann hinweg. Beim Landen reißt er das Zielband ein. Sofort wird er von jubelnden Sportfreunden auf die Schultern gehoben. Raimund Weißland kann noch so heftig mit den Armen wedeln und was von „keine Startnummer“ und „disqualifiziert“ rufen – ihm hört keiner zu. Stefan Prost blitzt dem Kommissar ins Gesicht. „Ich hab mitgestoppt“, sagt er. „Das war neuer Streckenrekord. Glückwunsch!“

Donnerstag, 23.08.2018, 20:00 Uhr
Veröffentlicht: Donnerstag, 23.08.2018, 20:00 Uhr
Kommissar Blösing und sein pensionierter Kollege Manni Frühling verfolgen den Verdächtigen Martin Durst in rekordverdächtigem Tempo.  
Kommissar Blösing und sein pensionierter Kollege Manni Frühling verfolgen den Verdächtigen Martin Durst in rekordverdächtigem Tempo.   Foto: Heinrich Schwarze-Blanke

Klaus Wiesel und Martin Burg wenden sich derweil dem am Boden liegenden Martin Durst zu: „Kurz vorm Finish gestrauchelt. Das ist Pech. Jetzt verrate uns doch mal, warum du vor uns abgehauen bist. Und was du mit dem Mord an Pfeifer zu tun hast.“

„Ich denk ja gar nicht daran.“ – „Na gut, dann werden wir eben schreiben, was wir bislang wissen. Und das wirft kein gutes Licht auf dich“, versucht Martin Burg, Druck aufzubauen. Es wirkt. „Wieso, was wisst ihr denn?“, wird Durst nervös. – „Tja, kannst du morgen in der Zeitung lesen. Wenn du uns nichts sagst – wir können genauso gut schweigen wie du. Wir sind von der schreibenden Zunft, nicht von der redenden. Also, überleg’s dir.“ Hinter Dursts Stirn arbeitet es. Was können die Zeitungsfritzen schon… „Aber nicht zu lange“, unterbricht Wiesel seinen Gedanken. „Wir geben dir noch zehn Sekunden. Zehn, neun, acht, sieben…“ Bei eins ruft Durst verzweifelt: „Stopp. Ich sage euch ja, was passiert ist.“

 

 

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