Sommerkrimi, letzte Folge
Der Retter des Realismus

Zu allererst: Ich wollte Josef nicht töten. Es war ein Unfall“, beginnt Durst. – „Das sagen alle. Was ist genau geschehen?“ – „Es fing damit an, dass ich vor einiger Zeit mit Josef über das Ortsbild von Epe diskutiert habe. Das war nach einer Veranstaltung des Heimatvereins. Dabei stellte sich heraus, dass wir beide der Meinung waren, dass das Ackerbürgerhaus wieder aufgestellt werden sollte. Wir diskutieren, wie man das bewerkstelligen könnte, aber haben keinen erfolgversprechenden Weg gefunden. Die Gebäudeteile liegen ja auch schon so lange auf dem Bauhof . . .“ – „Nicht ablenken!“, mahnt Wiesel. – „Tu ich ja gar nicht“, sagt Durst und fährt fort: „Ein paar Tage später kommt Josef zu mir und sagt, er habe jetzt den Stadtbaurat auf seiner Seite, was den Wiederaufbau betreffe. Weiß der Himmel, wie er das hingekriegt hat. Und dann meinte er, er würde mich vorschlagen, um den Wiederaufbau zu planen und durchzuführen. Das wäre ein schöner Auftrag für mich gewesen. Hätte eine schöne Stange Geld gebracht, die ich gut hätte gebrauchen können.“ – „Wäre, hätte, könnte?“, hakt Burg nach. „Alles Konjunktiv. Du hast den Auftrag also nicht bekommen.“ – „Nein“, stößt Durst hervor. „Ein paar Tage später sagt mir Josef, er hätte es sich überlegt. Jemand anderes solle den Auftrag übernehmen.“ – „Kalle Schmusen“, nickt Wiesel. „Woher wisst ihr das denn?“, ist Durst erstaunt. „Ich sage ja, wir wissen eine ganze Menge“, erwidert Wiesel. „Nur noch nicht aus deinem Mund. Aber was war denn die Ursache für Pfeifers Sinneswandel?“ – „Er war stockwütend auf mich. Wir hatten uns noch mal über das Eper Ortsbild unterhalten und waren in dem Zusammenhang auch auf die Denkmäler in Epe zu sprechen gekommen. Josef wollte wissen, was ich vom Torfstecher und dem Schul-Denkmal halte. Ich finde die beiden richtig schön, so realistisch. Wie das Änneken in der Merschstraße. Das habe ich ihm gesagt. Und damit war ich bei ihm wohl so was von unten durch. Er hatte einen regelrechten Hass auf diese Denkmäler. Nur: Das wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht. Erst als er mir sagte, er habe einen anderen Auftragnehmer fürs Ackerbürgerhaus gefunden. Ich war wie vor den Kopf gestoßen.“ – „Und hast Rachegedanken gehabt.“ – „Nee. Nicht mal. Ich war nur völlig fertig. Wegen solch einer Geschmacksfrage würde mir viel Geld durch die Lappen gehen.“ – „Und dann hast du ihm aufgelauert.“ – „Quatsch!“, widerspricht Durst. „Nichts dergleichen. Aber als ich ihn vergangene Nacht im Dorf bemerkte, kam mir die Galle hoch.“ – „Wie war das genau?“ – „Ich war auf dem Rückweg von Willy Tröner nach Hause. Das habe ich euch ja schon heute Mittag gesagt. Ich war schon fast zu Hause, da fällt mir auf, dass ich mein Smartphone bei Willy vergessen hab. Also kehr ich um. Als ich am Amtsweg vorbeifahre, sehe ich auf einmal jemand neben dem Torfstecher liegen. Ich halte an und will helfen, da rappelt sich der Jemand auf: Josef Pfeifer. Er wirkt benommen, hebt aber einen Hammer und einen Meißel vom Boden auf und will tatsächlich auf das Denkmal einschlagen. Da bin ich auf ihn los und hab ihm erst mal eine runtergehauen. Er starrt mich an und fängt an zu lachen. ,Der Rächer des Realismus‘, sagt er spottend. Dann packt er Hammer und Meißel in einen Beutel, holt seinen Autoschlüssel raus und wankt über die Straße.“ – „Und dann?“ – „Dann hat er mich beschimpft. Dass ich keine Ahnung habe von Kunst, dass er mir Kunden abspenstig machen werde, dass ich in Epe kein Bein mehr an die Erde kriegen würde. „ – „Aber diese Drohungen sind doch absurd“, wirft Burg ein. – „Ja, aber er hat mich so wütend gemacht, dass ich eine Stange von der Baustelle gegriffen habe. Mit der hab ich ihm eins übergezogen.“ – „Und dann?“ – „Bin ich abgehauen. Schnell zu Willy Tröner, hab mir mein Handy gepackt und dann bin ich nach Hause. Als ich an der Rosskamp-Baustelle vorbeifuhr, habe ich Josef Pfeifer nicht mehr gesehen. Ich dachte, dass ihn vielleicht jemand gefunden und den Rettungsdienst alarmiert hat.“ – „Er ist wohl wieder zu Bewusstsein gekommen und hat sich orientierungslos zum Nachbarhaus geschleppt“, sagt Burg. „Vielleicht wollte er dort noch klingeln, hat’s aber nicht mehr geschafft.“ – „Das tut mir ja auch alles schrecklich leid“, heult Durst auf. „Das habe ich doch gar nicht gewollt . . .“

Freitag, 24.08.2018, 20:00 Uhr
Veröffentlicht: Freitag, 24.08.2018, 20:00 Uhr
Geständnis: Es war Martin Durst, der Josef Pfeifer den letztendlich tödlichen Schlag versetzt hat. Klaus Wiesel hält die Festnahme mit seiner Kamera fest.
Geständnis: Es war Martin Durst, der Josef Pfeifer den letztendlich tödlichen Schlag versetzt hat. Klaus Wiesel hält die Festnahme mit seiner Kamera fest. Foto: Heinrich Schwarze-Blanke

Was hat er nicht gewollt“, kommt auf einmal von zwei Seiten gleichzeitig dieselbe Frage. Auch Frühling ist mittlerweile eingetroffen, während sich Blösing aus den Händen der jubelnden Gratulanten hat befreien können. „Tja, werte Kommissare. Ich habe hier ein Geständnis“, sagt Wiesel und hält sein Smartphone hoch, mit dem er das Gespräch aufgenommen hat. „Ihr braucht ihn nur noch mitzunehmen. Die schriftliche Fassung seiner Aussage könnt ihr der morgigen Ausgabe des Anzeigers entnehmen.“ – „Boah, ihr seid so gemein! Manni und ich laufen die ganze Zeit dem Verdächtigen hinterher, und ihr schnappt ihn euch einfach.“ – „Wir haben uns gedacht, dass Durst bestimmt zu seinem schicken Wagen zurückkehren würde. Martin hat sein Auto im Blick behalten und ich bin hier am Platz geblieben, weil ich mir dachte, dass er hier vorbeikommen würde. Aber sei doch froh, Bert-Bodo. Du hast immerhin den ersten Platz beim Survivallauf gemacht. Und du darfst Durst jetzt offiziell Handschellen anlegen. Warte, ich mache ein Foto.“

Plötzlich steht Willi Neenochma neben Blösing. „Gut gemacht, Bert-Bodo. Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann.“ – „Und die alte Sache von damals? Ist die jetzt vergessen?“, flüstert Blösing ihm zu. – „Dass du schwarz mit dem Zug gefahren bist, als wir in Ahaus mit deinem Horch liegengeblieben sind? Bert-Bodo, ich verrate dir was: Du bist gar nicht schwarzgefahren. Ich habe damals ein Gruppenticket gekauft. Ich hab dir einen Bären aufgebunden.“ Neenochma lacht dröhnend, als er Blösings Gesicht sieht. „Keine Sorge, Bert-Bodo, das bleibt unter uns. Und du hast bei mir einen Gefallen gut.“

„Was ist jetzt“, drängelt Wiesel, die Kamera im Anschlag. „Ich möchte endlich das Foto machen. Bitte recht freundlich!“ Blösing legt Durst die Handschellen an. Wiesel lässt die Kamera klicken.

Am nächsten Tag ist Bert-Bodo Blösing gleich zweimal auf großen Fotos im Gronauer Anzeiger abgebildet: Auf der Titelseite bei der Festnahme von Martin Durst – und im Lokalsport als Sieger des Survivallaufs.  

 

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