Barockmusik
Alte Musik wird quicklebendig

Heek-Nienborg -

Ist es eine akustische Täuschung – oder gelingt es Dorothee Oberlinger tatsächlich, auf ihrer Blockflöte zweistimmig zu spielen? In dem feurigen Vivace von Telemanns „Methodischer Sonate e-Moll“ ist das Tempo der Musikerin so rasant, dass man kurzzeitig wirklich den Eindruck hat, es spielten zwei Blockflöten zur gleichen Zeit unterschiedliche Stimmen.

Freitag, 16.10.2015, 08:10 Uhr

Dorothee Oberlinger und Florian Birsak gestalteten am Mittwochabend ein grandioses Konzert in der Landesmusikakademie.      
Dorothee Oberlinger und Florian Birsak gestalteten am Mittwochabend ein grandioses Konzert in der Landesmusikakademie.       Foto: Martin Borck

Nicht dass Oberlinger es auf Effekthascherei angelegt hätte; sie hat diese Musik nur wie wenig andere geistig durchdrungen und dank ihrer hohen Virtuosität versetzt sie das Publikum in die Lage, an ihren Erkenntnissen teilhaben zu können. Es tun sich neue Ebenen auf, wenn sich die grandiose Instrumentalistin der Musik des Barock annimmt.

Am Mittwochabend entführten sie und der Cembalist Florian Birsak die Zuhörer im Konzertsaal der Landesmusikakademie in den Schmelztiegel London . England ist das Thema des Festivals „Retour 1715“.

Nach London strömten im 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts viele berühmte und weniger berühmte Komponisten. Andrew Parcham war einer von ihnen. Mit dessen „Sonata in G-Dur“ eröffnet das Duo das Programm. Es ist ein Genuss, Oberlingers exquisite, ja phänomenale Technik zu beobachten. Unglaublich nuancierte Klangvariationen, gepaart mit einem sensiblen Gespür für Affekte, dem fast spielerisch wirkenden Umgang mit Dynamik und Tempo – dabei aber hoch konzentriert und in tiefem musikalischen Einverständnis mit ihrem Partner am Cembalo. Ein Dialog auf höchstem Niveau.

Die technische Brillanz Oberlingers an den Flöten – von Bass bis Sopran – überwältigt ebenso wie das atemberaubende Tempo in den schnellen Sätzen. Doch all das wäre hohles Bemühen, wenn die Musiker den Kompositionen nicht auch Seele einhauchen würden. Die alte Musik wird quicklebendig. Auch die bedächtigeren, langsamen Stücke versehen die beiden mit einer inneren Leuchtkraft.

Die Schüler, die am Festival-Kursprogramm „Alte Musik für junge Leute“ teilnehmen, können sich glücklich schätzen, mit Dorothee Oberlinger eine große Förderin zu haben. Eine Musikerin, die am Donnerstag zudem noch für einen eintägigen Meisterkurs zur Verfügung stand. Eine Professorin des Salzburger Mozarteums, eine der besten Kennerinnen Alter Musik als Dozentin – das gibt es selbst an der Landesmusikakademie in Nienborg nicht alle Tage.

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