Gedenktafel
Nienborger setzten Zeichen für Menschlichkeit

Heek-Nienborg„ -

Der Heimatverein Nienborg hat eine Gedenktafel präsentiert. Josef und seine Tochter Klara Bruns hatten während der Nazi-Zeit das jüdische Paar Rosa und Siegmund Gottschalk aufgenommen.

Dienstag, 10.11.2015, 09:11 Uhr

Freuen sich über die angebrachte Gedenktafel: (v.l.) Bürgermeister Franz-Josef Weilinghoff, drei ehemalige Schülerinnen der Anne-Frank-Realschule Ahaus, Rita Albers, Hermann Albers, Theo Franzbach und Hermann Löhring.
Freuen sich über die angebrachte Gedenktafel: (v.l.) Bürgermeister Franz-Josef Weilinghoff, drei ehemalige Schülerinnen der Anne-Frank-Realschule Ahaus, Rita Albers, Hermann Albers, Theo Franzbach und Hermann Löhring. Foto: Martin Mensing

Verteidigt Freiheit, Recht und Humanität.“ Mit diesen Worten ist die Gedenktafel überschrieben, die der Heimatverein Nienborg am Sonntag am Haus Hauptstraße 23 präsentiert hat.

Die Tafel aus Bronze ist ein sichtbares Zeichen, um an das beispielgebende Handeln von Josef Bruns (1877 - 1956) und seiner Tochter Klara Bruns (1916 - 2013) zu erinnern. Sie wohnten in dem Haus, in dem heute Rita und Hermann Albers leben, und nahmen das von den Nationalsozialisten verfolgte jüdische Paar Rosa und Siegmund Gottschalk 1937 bei sich auf.

Schülerinnen der Anne-Frank-Realschule Ahaus hatten sich einige Jahre mit der Geschichte der Familie Gottschalk beschäftigt und gaben die Dokumentation „Uroma, wer waren die Gottschalks?“ heraus. Auch gaben sie den Anstoß für das Verlegen von drei Stolpersteinen zur Erinnerung an frühere jüdische Bürger in Nienborg vor fünf Jahren.

In seiner Festrede schilderte Geschichtslehrer Hermann Löhring das Leben der Eheleute Gottschalk und das Handeln von Josef und Klara Bruns. Bis sie bei der Familie Bruns Asyl bekamen, lebten Rosa und Siegmund Gottschalk an der Hauptstraße 5. Sie waren in der Gesellschaft integriert. Siegmund Gottschalk war Viehhändler. Durch die Schikanen der Nazis ging in den 1930er-Jahren sein Viehhandelsbetrieb zugrunde. In der Folge verschuldete er sich, und nach einer Zwangsversteigerung des Hauses stand die Familie vor dem Nichts.

Sie wurden von der Familie Bruns aufgenommen. In der Reichspogromnacht am 9./10. November 1938 drangen SA-Männer in das Haus ein, demütigten die Bewohner, zerbrachen das Porzellan und zerstörten das Inventar. Siegmund Gottschalk wurde vorübergehend in das alte Spritzenhaus eingesperrt.

Im Dezember 1941 wurde das Paar erneut verhaftet und mit weiteren 400 Juden aus dem Münsterland in das Ghetto nach Riga deportiert und wahrscheinlich dort bei Massenerschießungen getrennt voneinander ermordet.

„Nein, Josef und Klara Bruns waren keine Widerstandskämpfer. Nein, sie haben die Gottschalks nicht retten können. Nein, sie waren keine Helden“, sagte Hermann Löhring. Vielmehr lobte er, dass sie Menschlichkeit zeigten, als es darauf ankam. „Sie waren zur Stelle, als die meisten sich feige wegduckten. Josef und Klara Bruns gaben denen, die sie nicht retten konnten, jahrelang ein Dach über dem Kopf, ein Heim, vielleicht sogar zeitweise ein Stück Heimat“, zollte er ihnen seine Hochachtung für ihr mutiges Handeln in einer unmenschlichen Zeit.

„Wie wichtig solche Erinnerungsstücke sind, rückt gerade jetzt, in den letzten Wochen und Monaten, wieder voll in unser Bewusstsein“, sagte Bürgermeister Franz-Josef Weilinghoff. Das Thema Verfolgung, Flucht und Unterbringung ist tagesaktuell. Millionen Menschen sind unterwegs, weil sie Hab und Gut verloren haben oder um ihr Leben fürchten, ergänzte Weilinghoff.

Gestaltet hat die Tafel der Künstler Michael Franke. „Die Zusammenarbeit mit Franke war bei den vorausgegangenen Projekten wie das des Wilden Bernds, das Burgmodell und die Stele am Ossenkamp schon ungewöhnlich effektiv“, sagte Theo Franzbach, Vorsitzender des Heimatvereins. Die beschützenden Hände links und rechts symbolisieren die humanitäre Haltung von Josef und Klara Bruns.

Klara Bruns sowie posthum ihrem Vater Josef wurde vor sechs Jahren die Goldene Gemeindeplakette verliehen. „Der Verdienstorden ist zu wichtig, dass darauf hätte verzichtet werden können. In der Schublade hat der Orden keine Wirkung“, sagte Theo Franzbach zu der Plakette, die in die Gedenktafel eingearbeitet wurde. Er führte weiter aus, dass das Projekt dazu beiträgt, den Blick auf gelebte Menschlichkeit zu richten und die örtliche Geschichte sichtbar zu machen.

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