Blickpunkt der Woche
Nitratwerte im Grundwasser: Mehr Sachlichkeit ist angebracht

Heek -

Die Lager stehen sich wie zwei Boxer gegenüber: die Naturschützer in der einen und die Landwirte in der anderen Ecke. Die Naturschützer werfen den Bauern vor, die Wasserqualität mit zu viel Gülle und Kunstdünger zu ruinieren. Doch ein bisschen mehr Sachlichkeit täte der Diskussion gut.

Samstag, 03.02.2018, 06:00 Uhr
Veröffentlicht: Samstag, 03.02.2018, 06:00 Uhr
Mal gut, mal schlecht – so stellen sich die Nitrat-Messwerte in der Region dar.
Mal gut, mal schlecht – so stellen sich die Nitrat-Messwerte in der Region dar. Foto: Heinrich Schwarze-Blanke

Dabei wird der EU-weit geltende Nitrat-Grenzwert von 50 Milligramm je Liter für Trinkwasser wie ein Schutzwall von den Naturschützern verteidigt. Bis hier hin und nicht weiter.

Ich möchte das Problem nicht kleinreden, aber ein bisschen mehr Sachlichkeit täte durchaus gut. Einig sind sich alle Seiten darin, dass möglichst wenig Nitrat in den Boden gelangen sollte. Das ist ja eigentlich schon mal eine gute Gesprächsgrundlage.

Das Thema Inhaltsstoffe im Grund- und Trinkwasser ist komplex. Auf den ersten Blick verwirrt es, wenn verschiedene Gutachter unterschiedliche Werte feststellen. Da es sich um anerkannte Gutachter handelt, sind die Werte zunächst einmal als richtig anzusehen. Also woher kommen die zum Teil extremen Differenzen? Das hängt von vielen Faktoren ab. Die wichtigsten sind die Messtiefe, der Zeitpunkt der Messung, die Bodenbeschaffenheit, die Häufigkeit des Umgrabens, die Fruchtfolge und das Düngen privater Gärten. Selbst am gleichen Ort kann es zu unterschiedlichen Zeiten extrem schwankende Nitratwerte geben.

Doch welche Folgen hat Nitrat überhaupt? Nitrat selbst ist für den Menschen relativ unbedenklich. Problematisch wird es, wenn durch bestimmte Bakterien das Nitrat im Körper zu Nitrit umgewandelt wird. Vor allem bei Säuglingen, die jünger als sechs Monate sind, kann das im Blut zu weniger Hämoglobin und damit zu einer reduzierten Sauerstoffaufnahme führen. Außerdem steht Nitrit in Verdacht, Krebs zu verursachen. Deshalb ist die Forderung nach wenig Nitrat im Wasser richtig.

Die Stadtwerke Ahaus unterhalten in Heek rund 45 Messstellen in Tiefen zwischen zehn und 120 Meter, an denen das Grundwasser regelmäßig untersucht wird. Laut Karl-Heinz Siekhaus, Geschäftsführer der Stadtwerke, sind diese Werte konstant. Das Trinkwasser selbst hat keine zwei Milligramm Nitrat je Liter.

Also Entwarnung? Das sicher auch nicht. Denn es ist ebenso klar, dass der Boden kein Schwamm ist, der alles aufsaugt. Irgendwann wird Nitrat auch in tiefere Schichten gelangen. Wann und wie viel? Keiner kann das vorausberechnen. Ideal wäre es, wenn nur so viel Nitrat in den Boden gelangt, wie die Pflanzen für ihr Wachstum benötigen.

Also doch Grund zur Hysterie angesichts der derzeitigen industriellen Landwirtschaft im Westmünsterland? Sicher nicht. Der Kreis Borken hat auf die Anfrage der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen von Anfang 2016 ein paar sehr interessante Zahlen mitgeteilt. Nur rund 20 Prozent der täglichen Nitrataufnahme stammt aus dem Trinkwasser. 70 Prozent dagegen aus Gemüse, weitere fünf Prozent aus Fleisch und drei Prozent stammen vom Obst.

Laut Kreis liegt die durchschnittliche tägliche Nitrataufnahme bei 50 bis 160 Milligramm. Und jetzt wird es interessant: Für Vegetarier liegt der Wert bei 180 bis 200 Milligramm. „Besonders Kopfsalat, Rucola, Spinat sowie Rote Bete reichern je nach Saison relativ große Mengen an. Für Kopfsalat (2500-4500 mg/kg) und Spinat (2000-2500 mg/kg) gibt es verbindliche Höchstwerte“, heißt es in der Antwort des Kreises an die Grünen.

70 Prozent aus Gemüse! Bestimmte Salat- und Gemüsesorten enthalten zum Teil außergewöhnlich viel Nitrat. Biologisch angebaute Sorten sind zwar deutlich weniger belastet, aber dennoch mit durchaus recht hohen Werten. Nach der 50-Milligramm-Logik müsste da der Ratschlag lauten: Liebe Verbraucher, esst kein Gemüse mit höheren Nitratwerten. Das habe ich (zurecht) noch nicht gehört.

„Die Vorteile einer gemüsereichen Ernährung überwiegen mögliche Risiken durch leicht erhöhte Nitrat- und Nitritgehalte. Verbraucher sollten den Gemüseverzehr daher keinesfalls einschränken, sondern auf eine abwechslungsreiche Gemüseauswahl achten“, heißt es vom Bundesinstitut für Risikobewertung.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nennt für Nitrat eine tägliche Aufnahmemenge von 3,7 mg/kg Körpergewicht für Erwachsene als duldbar.

Fazit: Das Thema hat zu viele Facetten, um es an einem plakativen Schutzwall abzuarbeiten.

 

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