WN-Interview
Heike Wermer blickt auf ihr erstes Jahr als Landtagsabgeordnete

Nienborg -

Kurz nach der Sommerpause lässt Heike Wermer im Interview ihr erstes Jahr im Düsseldorfer Landtag Revue passieren. Die 30-Jährige spricht über die rechten Demos in Chemnitz, über die Sorgen der Menschen in ihrem Wahlkreis und über die Zeit nach Ende der Legislaturperiode 2022.

Samstag, 15.09.2018, 06:00 Uhr
Veröffentlicht: Samstag, 15.09.2018, 06:00 Uhr
Im Plenum am Rednerpult zu stehen ist für Heike Wermer mittlerweile keine Seltenheit mehr. Ganz gelegt habe sich die Nervosität trotzdem noch nicht, erzählt die Nienborgerin.
Im Plenum am Rednerpult zu stehen ist für Heike Wermer mittlerweile keine Seltenheit mehr. Ganz gelegt habe sich die Nervosität trotzdem noch nicht, erzählt die Nienborgerin. Foto: CDU-Landtagsfraktion/Volker Zierhut

Nicht nur in der Schule gab es bis vor Kurzem noch Sommerferien. Auch die Politiker nutzten die Zeit für eine Verschnaufpause. So auch die Heeker Landtagsabgeordnete Heike Wermer. Im Interview mit WN-Redakteurin Mareike Meiring lässt sie nun ihr erstes Jahr im Düsseldorfer Landtag Revue passieren. Die 30-Jährige spricht über die rechten Demos in Chemnitz, über die Sorgen der Menschen in ihrem Wahlkreis und über die Zeit nach Ende der Legislaturperiode 2022.

Über einen Monat sitzungsfreie Zeit liegt hinter Ihnen. Wie nötig war für Sie der Urlaub nach einem Jahr Arbeit im Landtag?

Heike Wermer: Diese Sommerpause war auf jeden Fall erholsamer als die letzte. Damals musste ich noch den Stress von der Landtagswahl sacken lassen und vieles organisieren. Dieses Mal habe ich mir auch wirklich ein wenig freie Zeit gegönnt. Man hat einfach gemerkt, dass die meisten Abgeordneten – ähnlich wie in der Schule – auf waren und ein wenig Erholung brauchten. Nun geht es frisch und munter weiter.

Und trotzdem macht Politik auch in solchen Zeiten keine Pause. Schalten Sie Ihr Handy dennoch im Urlaub mal aus?

Wermer: Es fällt schwer, aber ja. Als mein Mann und ich in den Urlaub gefahren sind, habe ich vorher auch den Zugang zu meiner Landtags-Mailadresse von meinem Handy gelöscht, um mal abzuschalten. Aber in Notfällen hätte man mich immer noch erreichen können.

Sie sind unter anderem Sprecherin der CDU-Fraktion im Integrationsausschuss. Glauben Sie, dass solche rechten Demonstrationen wie in Chemnitz auch hier im Münsterland passieren können?

Wermer: Ich hoffe nicht. Ich glaube, dass wir im Westmünsterland gut aufgestellt sind, uns alle zur Demokratie bekennen und diese auch leben. Wichtig ist, dass wir jetzt die Protestwähler abholen und ihnen kenntlich machen, dass ihre Wahl Auswirkungen hat. Leider hat die AfD eine Neigung zur rechten Szene und kann sich von ihr auch nicht distanzieren. Jene, die sich sozial abgehängt fühlen, sind sehr empfänglich dafür, sich radikalisieren zu lassen. In der Vergangenheit ist bei dem Thema zu viel weggeschaut worden, vor allem, wenn es ums rechte Gedankengut geht. Wir müssen in NRW viel mehr in politische Bildung investieren und gegen alle Formen von Extremismus kämpfen.

AfD-Mitglieder sitzen ja auch mit Ihnen im Landtag. Wie macht sich das bemerkbar?

Wermer: Das führt dazu, dass wir anderen Parteien näher zusammenrücken, gerade bei großen Themen wie politischer Bildung oder Antisemitismus. Wir wollen die AfD nicht ignorieren, sondern sie mit sachlichen Argumenten stellen.

Mittlerweile haben Sie ja auch ihre ersten Reden im Plenum hinter sich . . .

Wermer: Und trotzdem ist es jedes Mal wieder aufregend, dort vorne zu stehen. Es macht aber viel Spaß, weil es durchaus hoch her geht. Im Plenum wird viel gestritten, sodass der Landtagspräsident schon einmal mit der Glocke dazwischen geht.

Gerade einmal 27 Prozent der Mitglieder im Landtag sind Frauen, bei der CDU sind es mit 23 Prozent noch weniger. Und der Altersdurchschnitt liegt bei 48 Jahren. Wie fühlt man sich in der Minderheit?

Wermer: Das merkt man kaum. Manchmal fällt es mir bei Gruppenfotos auf, aber nicht im politischen Miteinander. Jeder wird ernst genommen.

Werden Themen, die vor allem die jüngere Generation betreffen, denn auch angemessen berücksichtigt?

Wermer: Ja, innerhalb der Fraktion sind wir jungen Leute gut verteilt zwischen den Ausschüssen. So sitzen etwa auch junge Mütter im Familienausschuss.

Und wie ist es mit Themen, die Sie aus Ihrem Wahlkreis mitnehmen?

Wermer: Derzeit treibt viele die Kibiz-Reform um, die die Finanzierung der Kitas verbessern soll. Einige Eltern etwa fragen, warum wir es nicht schaffen, die Kitas wie in Niedersachsen beitragsfrei zu machen. Aber ehrlicherweise tragen die Eltern schon jetzt einen geringen Anteil an den Gesamtkosten. Und ganz kostenlos wird es nicht gehen, wenn wir auch eine gute Qualität sicherstellen wollen. Allerdings sitze ich selbst nicht in dem zuständigen Ausschuss, spreche mich dann aber mit den zuständigen Kollegen ab.

Welches Thema treibt die Menschen vor Ort noch um?

Wermer: Unter anderem die Situation an den Förderschulen. Dabei erlebe ich, dass es bei den Eltern und zum Teil auch bei den Lehrern eine Unzufriedenheit gibt, da von dort immer noch Lehrer an Regelschulen abgeordnet werden. Da kann ich leider auch nur vertrösten. Wir sind jetzt dabei, das System so auszurichten, dass es neue Schwerpunktschulen gibt, an denen wir die Ressourcen für die Inklusion besser bündeln können.

Ist das denn auch realistisch für die kleineren Dörfer im Münsterland? Viele Grundschulen fühlen sich beim Thema Inklusion allein gelassen.

Wermer: Mit den Schwerpunktschulen konzentrieren wir uns auf die weiterführenden Schulen, nicht auf die Grundschulen. Bei letzteren ist es ja vor allem wichtig, dass das Kind auch weiterhin eine Grundschule in fußläufiger Nähe besucht. Dort setzen wir für die Inklusion auf multiprofessionelle Teams. Das gravierendste Problem ist hier der Personalmangel. Das wird eine der größten Herausforderung überhaupt in den nächsten Jahren sein, sei es bei Lehrern, Erziehern, in der Pflege oder auch bei der Polizei.

Was haben Sie in Ihrem ersten Jahr erreicht, worauf sind Sie besonders stolz?

Wermer: Ich bin stolz, dass wir vom Schulausschuss die Umstellung von G8 auf G9 sehr schnell auf den Weg gebracht haben. Dann werden wir das Polizeigesetz noch einmal ändern, das ist eine gute Ansage, dass wir in Sachen Sicherheit etwas tun.

Die Zahlen dagegen zeigen, dass die Kriminalitätsentwicklung in Nordrhein-Westfalen rückläufig ist. Reagiert man mit so einem Polizeigesetz also nicht eher auf die Stimmung in der Bevölkerung statt auf die Fakten?

Wermer: Sowohl als auch. Einerseits müssen wir Emotionen und Stimmungen ernst nehmen, andererseits müssen wir ihnen aber mit Tatsachen und Fakten begegnen. Aber nur mit Fakten kommen wir nicht gegen die Stimmungen an.

Bleibt Ihnen denn genügend Zeit, um mit den Bürgern in Ihrem Wahlkreis im Gespräch zu bleiben?

Wermer: Ja, mich sprechen noch immer viele an. Häufig erkläre ich auch, warum gewisse Dinge in der Politik recht lange dauern. Denn diese oft langwierigen Wege von der Entscheidung bis zur Umsetzung habe auch ich zu Beginn unterschätzt. Allein die Umstellung von G8 auf G9 hat über ein Jahr gedauert.

Und meist reicht das Zeitfenster ja auch nur bis zur nächsten Wahl. Denken Sie schon über die aktuelle Legislaturperiode hinaus?

Wermer: Für mich steht fest, dass ich noch einmal antreten werde. Nur so kann ich für den Wahlkreis wirklich etwas bewegen. Denn als Neuling braucht man ja zunächst auch Zeit, um sich zurechtzufinden und Kontakte aufzubauen. Aber letztlich entscheidet der Wähler. Und das ist gut so. Dadurch bekomme ich zurückgespiegelt, ob die Leute mit mir zufrieden sind.

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