Friedhof an der Meteler Straße
Russische Schwestern besuchen erstmals das Grab ihres verstorbenen Opas

Nienborg -

Ihren Opa Powel Klotschkow haben sie nie kennengelernt. Trotzdem haben Elena und Galina Tränen in den Augen, als sie an seinem Grab auf dem Friedhof an der Meteler Straße stehen. Am 10. Februar 1945 ist Powel Klotschkow als Kriegsgefangener in Heek gestorben. Nun besuchen sie erstmals sein Grab.

Samstag, 08.12.2018, 06:00 Uhr
Die russischen Schwestern Elena und Galina Klotschkow erfahren von Gemeindearchivar Bernhard Woltering (l.) erstmals genauere Umstände über den Tod ihres Opas Powel Klotschkow. Dabei fungiert Gegham Badalyan (r.) als Übersetzer. Wenig später besuchen sie das Grab ihres Opas auf dem Friedhof in Nienborg.
Die russischen Schwestern Elena und Galina Klotschkow erfahren von Gemeindearchivar Bernhard Woltering (l.) erstmals genauere Umstände über den Tod ihres Opas Powel Klotschkow. Dabei fungiert Gegham Badalyan (r.) als Übersetzer. Wenig später besuchen sie das Grab ihres Opas auf dem Friedhof in Nienborg. Foto: Mareike Meiring

Ihren Opa Powel Klotschkow haben sie nie kennengelernt. Trotzdem haben die Geschwister Elena und Galina Tränen in den Augen, als sie an seinem Grab auf dem Friedhof an der Meteler Straße stehen. Sie streichen über den kalten Grabstein, nehmen etwas nasse Erde in ihre Hände, wickeln einige schwarzen Brocken behutsam in ein weißes Taschentuch ein.

Dann tippt Elena auf ihr Handy, spricht wenige Sekunden später leise auf russisch etwas in den Hörer, wiederholt immer wieder ein Wort, das ähnlich wie das Wort „Papa“ klingt. Vier Jahre war der Papa der Schwestern alt, als dessen Vater Powel Klotschkow ihn 1941 das letzte Mal in den Arm genommen hat. Danach hat Nikolaj Klotschkow seinen Vater nie wiedergesehen. Am 10. Februar 1945 ist Powel Klotschkow als Kriegsgefangener in Heek gestorben. In Averbeck ist er bei Schanzarbeiten von englischen Tieffliegern erschossen worden. Seine Ruhe fand er dann auf dem Friedhof an der Meteler Straße.

Elena und Galina Klotschkow am Grab in Nienborg.

Elena und Galina Klotschkow am Grab in Nienborg. Foto: Mareike Meiring

Mit 82 Jahren ist Sohn Nikolaj mittlerweile zu alt, um noch einmal auf Reise von Moskau nach Nienborg zu gehen. Seit etwa drei Jahren weiß er, dass dort sein Vater begraben ist. Also haben sich seine zwei Töchter auf den Weg gemacht und sind den Spuren ihres Opas gefolgt. Bis nach Köln mit dem Flugzeug, von dort mit dem Zug bis nach Ahaus, zuletzt mit dem Bus nach Heek und dann mit dem Auto weiter zum Friedhof.

Nun ist zu ihren Füßen der Grabstein, das Efeu rankt sich um das viereckige Grau, eingraviert sind nur Name und Geburts- und Sterbedatum des dort Beerdigten. Powel Klotschkow, 12.12.1913, 10.2.1945. Sein kurzes Leben hat der Russe im Zweiten Weltkrieg in Deutschland verloren.

Eine Stunde vorher steigen die russischen Schwestern vor dem Rathaus der Gemeinde Heek aus dem Bus. Durch Zufall hatte die Verwaltung von dem Verein für Kriegsgräberfürsorge erfahren, dass die Nachfahren von Powel Klotschkow das Grab ihres Opas besuchen wollen. Also nahmen sie mit ihnen Kontakt auf, organisierten einen Dolmetscher, durchforsteten das Gemeindearchiv nach weiteren Spuren des Verstorbenen. Nun stehen sie zum Empfang direkt hinter der Rathaustür: Ordnungsamtsleiterin Doris Reufer, Gemeindearchivar Bernhard Woltering, Heimatvereinsvorsitzender Theo Franzbach. Bürgermeister Franz-Josef Weilinghoff kommt nur wenig später im Obergeschoss hinzu.

Dass sich alle verständigen können, dafür sorgt Gegham Badalyan. Der aus Armenien stammende Mann lebt seit zwei Jahren in Nienborg und spricht nicht nur die deutsche Sprache fast fließend, sondern auch die russische. Nur dank ihm klappt es, dass die Schwestern von ihrem Opa und ihrem Vater erzählen und Archivar Bernhard Woltering ihnen ausführlich von seinen Recherchen berichtet.

„Es ist großartig, unglaublich, ja ein Wunder, dass wir unseren Opa nun gefunden haben“, übersetzt Gegham Badalyan für die zwei Frauen. Noch vor einigen Jahren sei ihnen gesagt worden, ihr Opa sei verschwunden, doch ihr Vater habe sich damit nie zufrieden gegeben. Nun hat die Familie Klotschkow den Beweis dafür, dass das nicht stimmt. Eine Kopie des Auszugs aus dem Sterberegister sowie der Sterbeurkunde drückt Bernhard Woltering den Frauen wenig später in die Hände.

Powel Klotschkow

Powel Klotschkow ist am 12. Dezember 1913 geboren. Mit 27 Jahren ist er am 16. Juli 1941 vom Militärkomitee der Region Woronesch in die Rote Armee einberufen worden, um sein Vaterland während des Zweiten Weltkriegs zu verteidigen. Nach den ursprünglichen Daten, die seine Familie bekam, wurde er seit April 1943 als vermisst gemeldet. Gemeindearchivar Bernhard Woltering fand schließlich heraus, dass Powel Klotschkow mit drei weiteren sowjetischen Kriegsgefangenen während Erdarbeiten in der Bauerschaft Averbeck von englischen Tieffliegern im Februar 1945 erschossen wurde. Zu der Zeit hatte es ein Lager für sowjetische Kriegsgefangene in Heek in der Schniewind‘schen Fabrik gegeben.

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Auch sie holen dann ein Schriftstück aus ihrem Rucksack hervor: ein Brief ihres Vaters an die Gemeinde, handschriftlich verfasst, ein sorgfältig vollgeschriebenes DIN-A4-Blatt. Dazu spielt Elena ein Video ab, zu sehen ist Nikolaj Klotschkow mit Hemd und Sakko, gerührt spricht er auf Russisch direkt in die Kamera.

Die Botschaft bei allen Beteiligten kommt trotzdem an. „Sie können zwar nicht verstehen, aber sie können fühlen“, sagen die Frauen. Und haben Recht damit.

„Ich bin auch persönlich berührt, dass Sie sich auf den Weg in diesen Ort gemacht haben“, sagt Weilinghoff, als Elena ihr Handy wieder beiseite legt. „Bevor Ihre Anfrage kam, wusste ich gar nicht, dass wir russische Kriegsgefangene hier auf dem Friedhof beerdigt haben.“

Immer wieder fassen sich die Frauen derweil mit den Händen an die Brust auf Höhe des Herzens, um ihre Dankbarkeit auszudrücken. Sie lächeln und haben doch gleichzeitig feuchte Augen, weil sie ihre Tränen nicht unterdrücken können oder wollen.

Wenig später legen sie zum ersten Mal Blumen an das Grab ihres Opas. Sie machen Fotos und nehmen die ganze Umgebung mit der Videokamera ihres Handys auf. Ihr Vater will genau wissen, wie es dort aussieht – mitsamt aller Bäume, Sträucher und umliegenden Gräber.

Endlich hat die Familie Klotschkow einen Ort zum Trauern. Und Powel Klotschkow hat ein Stück Heimat in seiner Ruhestätte. Denn einen tischtennisballgroßen Stein jenes Hauses, wo er in Russland gewohnt hat, legt Galina behutsam neben den Grabstein in die Erde. Powel Klotschkows Name lebt derweil in Russland weiter. Denn Enkelin Elena hat ihren Sohn nach ihm benannt. Damit der Vater und Großvater der Familie stets in Erinnerung bleibt.

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