Qualität steht an zweiter Stelle
Kita-Verbundleiterin wünscht sich andere Prioritätensetzung der Landesregierung

Heek -

Zumindest der Name klingt schon einmal positiv: „Gute-Kita-Gesetz“, heißt das Werk, das Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) unlängst auf den Weg gebracht hat. Doch ist da, wo „gut“ drauf steht, auch „gut“ drin? Ein Gespräch bei Kita-Verbundleiterin Christiane Hilbring.

Samstag, 09.02.2019, 06:00 Uhr
Eine bunte Mischung gibt es in den verschiedenen Kitas der Kirchengemeinde Heilig Kreuz. Dabei bemessen sich die Beiträge an dem Einkommen der Eltern. Allerdings gibt es auch Kommunen wie etwa Düsseldorf, in denen die Beiträge vollständig entfallen.
Eine bunte Mischung gibt es in den verschiedenen Kitas der Kirchengemeinde Heilig Kreuz. Dabei bemessen sich die Beiträge an dem Einkommen der Eltern. Allerdings gibt es auch Kommunen wie etwa Düsseldorf, in denen die Beiträge vollständig entfallen. Foto: dpa

Zumindest der Name klingt schon einmal positiv: „Gute-Kita-Gesetz“, heißt das Werk, das Bundesfamilienministerin Franziska Giffey ( SPD ) unlängst auf den Weg gebracht hat. Anfang des Jahres ist das Gesetz in Kraft getreten, mit dem der Bund insgesamt 5,5 Milliarden Euro bis 2022 in die Kinderbetreuung in Deutschland investiert. Doch ist da, wo „gut“ drauf steht, auch „gut“ drin?

Die Verbundleiterin der katholischen Kindergärten in Heek, Christiane Hilbring , reckt auf diese Frage durchaus den Daumen nach oben. Immerhin soll das Gesetz für eine bessere Qualität in den Kindertagesstätten sorgen. Das Problem sieht sie an anderer Stelle: Denn wie das Geld in den Kitas investiert wird, ist Ländersache, sagt Hilbring. Und so kann der Bund zwar Geld für bessere Kitas zur Verfügung stellen. Was dann im Land damit gemacht wird, steht jedoch auf einem anderen Blatt.

Und aktuelle Vorstöße von Nordrhein-Westfalens Familienminister Joachim Stamp ( FDP ) zielen laut Hilbring eher in eine andere Richtung: „Es geht weniger um die Verbesserung der Qualität, sondern mehr um die Familienentlastung“, sagt Hilbring, die seit 2010 in der Heeker Gemeinde Verbundleiterin ist.

Als Beispiel nennt sie das Vorhaben der Landesregierung, ab Sommer 2020 auch das vorletzte Kindergarten-Jahr beitragsfrei zu machen. „Was bringt die Beitragsfreiheit für die Qualität in den Einrichtungen?“, fragt Hilbring. Sie wünscht sich andere Vorstöße, um diese zu verbessern. Und nennt dabei auch direkt drei Punkte.

Christiane Hilbring

Christiane Hilbring Foto: Mareike Meiring

Erstens: eine bessere Kind-Erzieher-Relation. „Derzeit sind es zu viele Kinder, um die sich eine Erzieherin kümmern muss“, sagt Hilbring. Dieser Betreuungsschlüssel ist abhängig vom Alter der Kinder und der Gruppenform. Bei einer Gruppe mit 25 Kindern etwa, die alle mindestens drei Jahre alt sind und 25 Stunden die Woche betreut werden, sieht das Kibiz eine Fachkraft sowie eine Ergänzungskraft vor. „Und viele Kinder bleiben ja auch über Mittag. Die Erzieherin, die die Kinder dann betreut, fehlt natürlich in anderen Bereichen.“ Und das wird sich durch das weitere beitragsfreie Jahr noch verstärken, glaubt Hilbring. Denn schon jetzt, wo das letzte Jahr für die Eltern kostenlos ist, buchen immer mehr eine 45-Stunden-Betreuung.

Zweitens: die Stärkung der Leitung bzw. die Freistellung der Kita-Leiterinnen. Denn während der Dokumentations- und Bürokratieaufwand steigt, sind die Leiterinnen weiterhin auch stark in die Kinderbetreuung miteingebunden. Und müssen nebenbei noch das Personal führen.

Drittens: mehr Fortbildungen ermöglichen. „Qualität hat was mit Fortbildung zu tun“, findet Hilbring. Hier ist mehr Geld aus ihrer Sicht besonders gut angelegt.

Hinzu kommt, dass es immer schwieriger wird, Personal zu finden. „Bislang hat das bei uns noch immer geklappt, aber derzeit sind zwei Vollzeitstellen in der Schwebe.“ Das liege nicht unbedingt an dem Gehalt, glaubt Hilbring: „Es liegt einfach an den vielen Möglichkeiten auf dem Markt.“ Erzieherinnen und Erzieher seien so stark gefragt wie nie. Da komme niemand mit der Ausbildung hinterher.

Positiv bewertet sie die neue Möglichkeit, auch eine Praxisintegrierte Ausbildung (PiA) als Erzieherin oder Erzieher zu machen. In der Regel besuchen die Schüler hier an zwei bis drei Tagen in der Woche die Schule und an zwei bis drei Tagen die sozialpädagogische Einrichtung. Dabei bekommen sie schon während der Ausbildung ein Entgelt, während bei dem klassischen Ausbildungsweg erst im dritten Jahr (Anerkennungsjahr) ein Gehalt fließt. „Ab dem nächsten Jahr haben wir dann auch einen PiA-Schüler“, erzählt Hilbring. Er wäre der erste männliche Erzieher in den vier katholischen Einrichtungen.

Die Nachfrage nach zusätzlicher Kinderbetreuung steigt derweil Jahr für Jahr, auch in Heek und Nienborg. „Ich hatte in diesem Jahr so viele U3-Anmeldungen, dass ich Absagen verschicken musste“, sagt Hilbring. Allein für den Ortsteil Heek seien das über 30 gewesen. „Die werden dann aber einen Platz in dem neuen Kindergarten bekommen.“ Ebenso gebe es noch etwa zehn Tagesmütter, die insbesondere in den Randzeiten – also vor 7.15 Uhr oder nach 16.30 Uhr – eine Betreuung übernehmen.

Gut findet Hilbring, dass die Beiträge je nach Einkommen der Eltern unterschiedlich sind. Was Hilbring aber besonders sauer aufstößt, sind die in NRW völlig unterschiedlichen Kita-Beiträge. Zwar haben alle Kommunen im Kreis Borken die gleichen Beiträge. Doch im Kreis Steinfurt sehe das schon wieder anders aus. Noch extremer ist es etwa in Düsseldorf, wo die Kita-Beiträge komplett wegfallen. „Das ist überhaupt nicht gerechtfertigt“, findet Hilbring und plädiert für eine einheitliche Beitragsordnung.

Es sind also zahlreiche Stellschrauben, an denen laut Hilbring gedreht werden muss, damit die Kinderbetreuung verbessert wird. Und ein großes Problem sieht Hilbring zusätzlich beim nun in Kraft getretenen Gute-Kita-Gesetz: „Das Projekt ist nur für drei Jahre ausgelegt.“ Steigt dadurch die Nachfrage, ändert das nichts daran, dass das Projekt wieder ausläuft. Und dann fehlen schnell Geld und Kapazitäten, um diesen gewachsenen Bedarf auch bedienen zu können.

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