Historiker Josef Wermers an der Echtheit von Nienborgs Volksheld
Der Wilde Bernd wackelt

Nienborg -

Seit seiner Wieder-Entdeckung vor 40 Jahren ist der Wilde Bernd in Nienborg ein Volksheld. War er es doch, der mit einem einzigen gezielten Schuss eine Räuberbande davon abhielt, Stadt und Burg zu erstürmen und auszuplündern. Aus dem Dunkel der Geschichte hervorgeholt wurde er damals von Josef Wermert. Ausgerechnet der ist es nun auch, der leichte Zweifel daran hat, dass Bernd wirklich lebte.

Freitag, 31.01.2020, 16:24 Uhr aktualisiert: 03.02.2020, 17:49 Uhr
Historiker Josef Wermers an der Echtheit von Nienborgs Volksheld: Der Wilde Bernd wackelt
Foto: Rupert Joemann

Wie oft der „Wilde Bernd“ von seinem der Sage nach erlangten Recht, „frie in‘n Grawe to sgieten“ Gebrauch gemacht hat, ist leider nicht überliefert.

Schlimmer noch: Außer in einer Sagensammlung aus den 1920er Jahren taucht der Mann, der angeblich Nienborg vor der Einnahme durch ein angreifendes Heer gerettet hat, nirgendwo auf. In keiner älteren Erzählung, keinem Kirchbuch, keiner Handschrift, keinem Dokument.

Diese dünne Aktenlage gibt Josef Wermert zu denken – ausgerechnet jenem Historiker, der den Nienborger Volkshelden vor genau 40 Jahren aus dem Dunkel der Geschichte gezogen hat. In einem Beitrag für den Heimatspiegel meldet er Zweifel an, dass es den Wilden Bernd tatsächlich jemals gegeben hat. Oder ob er nur die Erfindung eines Hobby-Heimatforschers aus dem frühen 20. Jahrhundert ist.

Ich kann ja auch gar nicht beweisen, dass es ihn nicht gab.

Josef Wermert

„Ich behaupte ja nicht, dass es ihn nicht gegeben hat“, beeilt sich der gebürtige Nienborger, der heute als Stadtarchivar in Olpe tätig ist, festzustellen. „Ich kann ja auch gar nicht beweisen, dass es ihn nicht gab.“ Aber eben auch nicht, dass es ihn gab. Und das ist für Historiker wie ihn, die sich wissenschaftlich mit der Geschichte auseinandersetzen, nunmal das A und O. Nienborg ohne Wilden Bernd – das wäre ja fast so, als würde man den Schweizern ihren Wilhelm Tell wegnehmen. So weit ist es zum Glück noch nicht – denn während seiner Nachforschungen zu dem sagenumwobenen Nienborger Nationalheiligen, die durch verschiedene deutsche und niederländische Archive führte, fand er immerhin einen zeitgenössischen Bericht, der eine Situation im Januar 1633 beschreibt: Angeführt von einem Hieronimus Difholt lagen einige Hundert hessische Soldaten vor dem „stedeken Nyenborgh“, um es einzunehmen.

Als die Bürger nicht klein beigaben und das Tor verschlossen hielten, befahl Kommandant Difholt, den „Flecken“ mit Gewalt einzunehmen. Als die Armee das Stadttor mit einem Rammbock zerstört hatte, zogen sich die streitlustigen Nienborger hinter die nächste Verteidigungslinie zurück – die Burgmauer.

Im Rausch des Erfolgs

Ihre Gegner stürmten im Rausch des erzielten Erfolgs durch das Stadttor auf die Burg zu – und wurden da jäh gestoppt: Ein Schuss der Verteidiger tötete einen ihrer voranstürmenden Offiziere, andere verletzten einen weiteren Hauptmann und mehrere Soldaten schwer. Daraufhin zogen sich die Angreifer zurück und verschwanden aus der Gegend.

Dass jemand diesen ‚Goldenen Schuss‘ abgegeben hat, ist sicher.

Josef Wermert

In den Nienborger Überlieferungen war es wohl vor allem der tödliche Schuss auf den Offizier, der die Kampfmoral der Hessen gebrochen haben und deren Rückzug verursacht haben soll. „Dass jemand diesen ‚Goldenen Schuss‘ abgegeben hat, ist sicher“, meint Josef Wermert. Nur ist leider nirgendwo überliefert, wer das war. Vielleicht ein Nienborger, der mit Vornamen Bernd hieß?

Auf jeden Fall unterscheidet sich die historisch belegte Geschichte deutlich von der Sage, die statt von einem Heer von einer Räuberbande spricht und in der der tödliche Schuss auf den Offizier eine Ladung Salz in den Hintern eines Räuberhauptmanns ist.

Und vor allem die drei Wünsche – „frie fisken, frie jagen, frie sgieten in‘n de Grawen – die der Wilde Bernd angeblich von den Burgmannen erfüllt bekam, lassen den Historiker mehr als nur ein bisschen am Wahrheitsgehalt der Sage zweifeln: „Eine Übertragung von Jagd- und Fischereirechten an eine andere, vor allem nicht standesgleiche Person erscheint daher völlig ausgeschlossen“, schreibt Wermert im Heimatspiegel.

Die Erfüllung des dritten Wunsches dürfte wohl schon an den architektonischen Gegebenheiten der damaligen Zeit gescheitert sein: Ohne eine Mauer zum Burggraben samt Erker war es gar nicht möglich, sich dorthinein zu erleichtern. Außer man wollte mit heruntergelassener Hose am Ufer gesehen werden. Per Anordnung mussten die Häuser der einfachen Bürger aber mindestens drei Meter Abstand haben – zu viel, um von dort aus noch den Graben treffen zu können.

Mit seinen Forschungen kratzt Josef Wermert am Denkmal des Volkshelden, ohne es zu stürzen. Im Scherz sei er bereits gefragt worden, ob er schon seinen erst im vergangenen Jahr empfangenen Heimatpreis zurückgeben musste.

Überraschungen sind da immer noch möglich.

Josef Wermert

Das musste er nicht – und vielleicht sind es ja gerade seine Forschungen, die eines Tages dafür sorgen werden, dass der echte Wilde Bernd aus den verstaubten Seiten eines alten Buchs auftaucht. „Viele Archive in Münster und den Niederlanden sind noch längst nicht vollständig erforscht“, hofft Wermers, noch den einen oder anderen Hinweis zu finden. „Überraschungen sind da immer noch möglich.“ Schließlich sei Nienborg in früheren Jahrhunderten ein echter Hotspot für Blaublütler gewesen und tauche in jedem Adelsarchiv auf. „Um 1300 lebten hier 40 Adelsfamilien.“

Aber eigentlich sei das auch egal. „Das ist doch einfach eine nette Geschichte, die auf jeden Fall einen historischen Kern hat“, darf der Wilde Bernd gerne bleiben.

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