Heeker Winfried Leusbrock bei Gedenkstätten-Eröffnung in Thüringen anwesend
Den Toten ein Gesicht gegeben

Heek -

Massiver Polizeischutz, kreisende Hubschrauber, Shuttlebusse und eine Stimmung, die vielen der rund 50 Teilnehmer Tränen in die Augen trieb. So schildert es Winfried Leusbrock, Inhaber der Geo-Radar GmbH aus Heek. Und doch war der 15. Oktober ein Meilenstein. Der würdige Abschluss einer 40-jährigen Suche in Berga/Elster in Thüringen.

Montag, 19.10.2020, 17:23 Uhr
Auf Gedenksteinen auf dem KZ-Häftlingsfriedhof im thüringischen Berga/Elster sind die Namen der Naziopfer festgehalten.
Auf Gedenksteinen auf dem KZ-Häftlingsfriedhof im thüringischen Berga/Elster sind die Namen der Naziopfer festgehalten. Foto: Winfried Leusbrock

Rückblick. Im Mai 2018 waren Leusbrock und einige seiner Mitarbeiter ehrenamtlich für den Volksbund im Tal der Weißen Elster im Einsatz. Ihr Ziel: Das exakte Ausmaß des dunklen Nazikapitels vor Ort nach über 40 Jahren der Ungewissheit zu bestimmen. Dabei kam auf dem zuvor gerodeten Berghang die Geo-Radar-Technik zum Einsatz.

​Dabei werden elektromagnetische Impulse im Radarfrequenzbereich in den Boden gesendet. An Objekten werden diese Impulse reflektiert. Die Stärke und Art der Reflexion lassen Rückschlüsse auf den Untergrund zu. Mit dieser Technik fanden die Heeker Hunderte Leichen in gut drei Metern Tiefe und in mehreren Massengräbern.

Die zumeist jüdischen Häftlinge arbeiteten sich in der Nazi-Maschinerie zu Tode. „Es war einfach unfassbar erschütternd“, blickt Leusbrock zurück. 1944 wurde in Berga das Außenlager Schwalbe V des Konzentrationslagers Buchenwald eingerichtet. Die etwa 3400 Gefangenen sollten Tunnel im Zickraer Berg zur Errichtung einer Fabrik zur Treibstoffgewinnung ausbauen. 315 Häftlingen starben innerhalb von sechs Monaten.

Ziel der Nazis war es, eine sichere Treibstoff-Herstellung für die V2-Raketen zu ermöglichen. Jene Großrakete, die den Krieg noch zu Gunsten der Nationalsozialisten entscheiden sollte. Dass die Arbeitsbedingungen und Unterkünfte unmenschlich waren, wurde billigend in Kauf genommen.

Als ebenso erschütternd empfindet es Winfried Leusbrock, dass zwei Jahre nach der Entdeckung, ein massiver Polizeieinsatz nötig war, um die Einweihung der Gedenkstätte am verregneten 15. Oktober überhaupt realisieren zu können.

​„Es war eine Schutzmaßnahme vor rechten Kreisen“, so Leusbrock. Immerhin wurde so ein reibungsloser Ablauf gewährleistet. Die Einweihung als solche sei aus wissenschaftlicher Sicht natürlich ein angemessener Abschluss der Arbeiten, aber zugleich auch einfach unfassbar bedrückend. „Es war sehr bewegend und belastend. Auch ich war den Tränen nahe.“

Neben Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow waren auch ein Diplomat aus Israel, zwei jüdische Zeitzeugen und viele Angehörige der verscharrten Opfer gekommen.

​Die Teilnehmer wurden dabei in Bussen von einem zentralen Parkplatz zur polizeilich abgeriegelten Gedenkstätte gefahren. „Auf einem anderem Wege gab es kein Hineinkommen“, so Winfried Leusbrock. Rund drei Stunde habe alles gedauert. Stunden, die trotz Dauerregens unter die Haut gingen. „Wenn man an einem solchen Ort Zeitzeugen über die Gräueltaten sprechen hört, ist das erschütternd.“

Und trotz der enormen Belastung – vor allem bei den Arbeiten im Mai 2018 –blickt Winfried Leusbrock mit ein wenig Stolz auf das nun Erschaffene. „An dieser Gedenkstätte haben wir dem Tod jetzt ein Gesicht gegeben. 40 Jahre lang war das exakte Ausmaß nicht klar. Wir konnten es nun aufklären und den Hinterbliebenen so Gewissheit verschaffen.“

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