Vier Jahre Gefängnis wegen Untreue
Finanzbeamter hat 600.000 Euro in die eigene Tasche gewirtschaftet

Rhede/Borken - Der Staatsanwalt hatte vier Jahre Haft gefordert, dabei ist das Landgericht Münster geblieben: Die Kammer verurteilte einen 36-jährigen ehemaligen Finanzbeamten aus Rhede wegen Untreue zu vier Jahren Gefängnis. "Es kann nicht angehen, dass unsere Beamten selbst in die Staatskasse greifen", sagte der Richter zum Urteil. "In anderen Ländern ist Korruption weit verbreitet. Bei uns funktioniert die staatliche Verwaltung ganz gut." Und das solle auch so bleiben.

Mittwoch, 22.02.2012, 11:02 Uhr

Vier Jahre Gefängnis wegen Untreue : Finanzbeamter hat 600.000 Euro in die eigene Tasche gewirtschaftet
Insgesamt rund 600.000 Euro soll ein Finanzbeamter aus Rhede von Mai 2005 bis September 2010 im Rahmen seiner Tätigkeit in die eigene Tasche gewirtschaftet haben. Foto: Jürgen Peperhowe

Er hat Steuerfälle erfunden, Bescheide gefälscht, Steuerrückzahlungen auf eigene Konten fließen lassen und Eigenheimzulagen für Häuser ausgezahlt, die es gar nicht gab: Insgesamt rund 600.000 Euro soll ein Finanzbeamter aus Rhede von Mai 2005 bis September 2010 im Rahmen seiner Tätigkeit in die eigene Tasche gewirtschaftet haben.

Das Nachsehen hatte sein Arbeitgeber, das Finanzamt Borken. Herr V. sei einer seiner besten Mitarbeiter gewesen, sagte der Amtsleiter am Mittwoch vor dem Landgericht Münster aus. „Er war beliebt, sozial und zugewandt. Aber er hatte offenbar auch diese andere, diese dunkle Seite.“

Der 36-Jährige erscheint im schwarzen Hemd. Sein blonder Schopf wirkt zerzaust, sein Blick zerknirscht. Bereitwillig räumt er Tat um Tat ein, gibt an, durch verschiedene Bankbürgschaften finanziell in Schieflage geraten zu sein. „Mein Bruder konnte mit Geld nicht umgehen, feierte Hochzeit für damals 20.000 Mark, die er nicht hatte“, nannte V. ein Beispiel. Außerdem hätten seine Schwiegereltern auf Rügen ein Haus für 300.000 Euro gekauft, für das wiederum er selbst als Bürge eingetragen war. Der Kauf einer Ferienwohnung und eines Eigenheims in Rhede brachen dem Familienvater schließlich finanziell das Genick.

Nach und nach verfasste er zunächst an seinem eigenen Arbeitsplatz fiktive Bescheide und ließ Steuerrückerstattungen zugunsten von Angehörigen auf eigene Konten fließen. Später knackte er die Passwörter von Kollegen und betrieb von ihren Arbeitsplätzen seine lukrativen Betrügereien. Als die Nachfrage seiner Bank bei einem Kollegen landete, weil Empfänger von Bescheid und Rückerstattung nicht identisch waren, flog die ganze Sache auf. „Wenn du das weitergibst, dann kann ich mich aufhängen“, habe er zu dem Kollegen gesagt.

Dennoch zeigte der die Ungereimtheit an. „Und dann beginnen alle zu wühlen, und alles kommt ans Tageslicht“, schloss Richter Ewald Rocznik. Weder V.´s Bankberater noch seine Frau oder seine Verwandten wollen, obwohl selbst Nutznießer des warmen Geldregens, von den Betrügereien gewusst haben. „Meine Frau beschäftigt sich nicht mit sowas“, gab der Angeklagte auf Nachfrage des Staatsanwalts an.

Er fischte falsche Bescheide aus Briefkästen der Empfänger, klebte den Mädchennamen seiner Frau an seinen eigenen Briefkasten – alles um seine Machenschaften zu vertuschen. Standen neue Ausgaben an, gab es finanzielle Engpässe, erfand er neue Rückerstattungsbescheide. „Ich wusste ja, da kam immer Geld nach“, so V.
Psychische Auffälligkeiten will sein Chef an ihm nicht entdeckt haben, im Gegenteil. „Ich wusste ja, der ist verheiratet, hat Kinder, da ist alles im grünen Bereich“, so der Amtsleiter. Nur eine Kollegin hatte sich über das feudale Heim des Angeklagten gewundert: Ihr hatte der Mann einen gefälschten Grunderwerbssteuerbescheid untergejubelt, in dem der wahre Kaufpreis von 250000 Euro mit 80000 Euro angegeben war. „Da stimmte was nicht“, sagte die Frau im Zeugenstand.

Das Urteil

Der Staatsanwalt hatte vier Jahre Haft gefordert, dabei ist das Landgericht Münster geblieben: Die Kammer verurteilte einen 36-jährigen ehemaligen Finanzbeamten aus Rhede wegen Untreue zu vier Jahren Gefängnis. "Es kann nicht angehen, dass unsere Beamten selbst in die Staatskasse greifen", sagte der Richter zum Urteil. "In anderen Ländern ist Korruption weit verbreitet. Bei uns funktioniert die staatliche Verwaltung ganz gut." Und das solle auch so bleiben.

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