Dr. Josef Spiegel
Kunst abseits der Metropole

Schöppingen -

Seit rund 17 Jahren ist Dr. Josef Spiegel Geschäftsführer der Stiftung Künstlerdorf. WN-Redakteurin Anne Alichmann traf ihn zum Interview.

Donnerstag, 11.09.2014, 14:09 Uhr

Dr. Josef Spiegel 
Dr. Josef Spiegel  Foto: Anne Alichmann

1989 wurde das Künstlerdorf in Schöppingen gegründet. Wo waren Sie zu dieser Zeit?

Spiegel : Ich habe für das Kultursekretariat NRW in Gütersloh gearbeitet und für die Mitgliedsstädte Ausstellungen konzipiert. Das war ein Allrounder-Job, der sowohl die bildende Kunst als auch die Kulturgeschichte betraf. Ich habe mich mit ganz unterschiedlichen Themen beschäftigt – da ging es mal um künstliche Intelligenz, dann um die Geschichte des Fahrrads, dann wieder um den Tod des Tieres in der zeitgenössischen Kunst. Man bewegte sich also ständig in anderen Kontexten, musste sich immer wieder in Neues hineindenken – und auch Themen verfolgen, auf die man selbst nie gekommen wäre. Das war eine gute Vorbereitung für Schöppingen.

Wie sind Sie denn nach Schöppingen gekommen?

Spiegel: Meine Frau hat damals am Institut für lippische Landeskunde in Lemgo gearbeitet – und wir hatten uns entschieden, dorthin zu ziehen. Die Koffer waren gepackt, das neue Haus schon ausgesucht. Dann kam die Ausschreibung für Schöppingen. Das fand ich ganz reizvoll und spannend – und so habe ich mich darauf beworben. Ich bin erst ganz offen darangegangen, weil die Zukunftsplanung ja eigentlich schon stand. Im Laufe des Bewerbungsverfahrens wurde ich dann etwas nervöser, weil ich die unglaublichen Chancen erkannte. Ich hatte das Gefühl, dass sich hier unglaublich viel bewegen lässt. Die gepackten Koffer haben wir dann schlussendlich in eine andere Richtung transportiert. Das ist jetzt 17 Jahre her.

Mit welchen Ideen und Vorstellungen sind Sie damals angetreten?

Spiegel: Für mich waren die qualitative Ausrichtung und die Internationalität der Stipendien sowie ein fächerübergreifender Ansatz wichtig. Auch neue Disziplinen sollten sich hier in Schöppingen wiederfinden.

Ließ sich das umsetzen?

Spiegel: Die Internationalität lässt sich mit Zahlen belegen: Im vergangenen Jahr haben wir über 2000 Bewerbungen aus 120 Ländern bekommen. Aktuell haben wir eine russische Schriftstellerin hier, einen isländischen Künstler und eine italienische Komponistin. Was die Interdisziplinarität betrifft: Am Anfang waren es die Literaten, dann kamen die bildenden Künstler, dann wurden Programme aufgelegt für die experimentelle Komposition, für Kunst, Wissenschaft und Wirtschaft, für Mixed Media . . .

Und wie sieht es mit der Qualität aus?

Spiegel: Die Frage nach der Qualität ist grundsätzlich schwer zu beantworten, da hat jeder seine eigenen Maßstäbe. Ich bin der Meinung, man kann sich dem Thema nur im diskursiven Prozess, im Austausch mit anderen Experten, annähern. Da gibt es auch sicherlich keine hundertprozentige Objektivität. Aber wir liegen offenbar nicht so ganz daneben, wie einige Indikatoren belegen: Beim Bachmann-Preis im Bereich der Literatur – wie auch immer man den einschätzen mag – war in den vergangenen Jahren immer mindestens einer unserer Stipendiaten eingeladen. Wir haben Autoren, die regelmäßig im Feuilleton der großen, überregionalen Medien auftauchen. Ähnlich ist es im Bereich der bildenden Kunst. Wir haben eine ganze Reihe von Stipendiaten, die eine Professur in Münster, Berlin , Düsseldorf, Aachen erhalten haben. Ein Paradebeispiel ist Norbert Bisky , der es sogar bis in den Kunstmarkt geschafft hat, wo nicht nur Ruhm und Ehre, sondern auch eine Menge Geld verteilt wird.

Welche Projekte aus den letzten 17 Jahren bleiben besonders in Erinnerung?

Spiegel: Das hat ja immer mindestens zwei Ebenen. Die eine ist die inhaltliche Ausrichtung, wenn man sagt: „Wow, das habe ich so nicht erwartet.“ Es gab sehr viele Projekte, bei denen am Anfang kein Konzept stand, das dann eins zu eins so umgesetzt wurde – sondern nur ein Vorhaben mit offenem Ausgang. Zum Beispiel die Cityoffensive „Ab in die Mitte“: Als ich da an einem Sonntag durch den Ort gegangen bin und die Initiativen der Vereine gesehen habe, kombiniert mit den künstlerischen Ansätzen – da habe ich gedacht: „Das ist es!“ Eine vielfältige Entwicklung, die nicht exakt so geplant oder vorhergesehen, aber stark gewünscht war.

Und die zweite Ebene?

Spiegel: Das ist die Aufmerksamkeit, die ein Projekt bekommt. Wie zum Beispiel die „Pflanzenklappe“ von Haike Rausch und Torsten Grosch, die 30 Euro gekostet hat. Auf einmal rufen das japanische und das russische Fernsehen an und ich bekomme einen Anruf aus Berlin: „Weißt du, dass Schöppingen auf den riesigen Video-Leinwänden der U-Bahnhöfe in den Nachrichten aus aller Welt vorgestellt wird?“ Eine solche Aufmerksamkeit war bemerkenswert, aber nie das erste und eigentliche Ziel. Man sollte nicht auf PR schielen, sondern auf die starke Idee und die Umsetzung setzen.

Wie würden Sie das Verhältnis zwischen Künstlerdorf und der Gemeinde Schöppingen, den Bürgern, beschreiben?

Spiegel: Das ist ein sehr komplexes Verhältnis. Es hat ja eine ganze Reihe von Initiativen gegeben, bei denen wir kooperiert haben – wie etwa bei „Ab in die Mitte“. Da war die gesamte Gemeinde involviert. Es hat aber auch eine ganze Reihe punktueller Initiativen gegeben, zum Beispiel Projekte mit der Verbundschule, der Grundschule oder dem Kulturring. Das funktioniert aus unserer Sicht sehr gut. Wenn ich hier Besuchergruppen durch das Künstlerdorf führe, singe ich immer das hohe Lied der Kooperation und mache mich sehr stark für Kunst jenseits der Metropolen.

Wo sind die Vorteile gegenüber einer Großstadt?

Spiegel: Das sind zum Teil ganz pragmatische Dinge. Ein Beispiel: Wir standen einmal vor dem Problem, dass wir für ein Projekt ein Schiff von Kiel hier rüber bekommen mussten. Das war ein Anruf bei der Gemeinde – und schon wurde das Schiff hierher transportiert. Diesen kurzen Weg kann ich mir in einer Großstadt beim besten Willen nicht vorstellen. Ein anderes Beispiel ist „Die Decke“ von Tatzu Rors, die Lichtinstallation, die an einem lauen Sommerabend über dem Alten Rathaus schwebte. Da brauchten wir Schreiner, Elektriker, einen Kran – dass das in so einer Verbundsituation so schnell möglich gewesen wäre, kann ich mir in einer Metropole nicht vorstellen. Ich habe festgestellt, dass die Türen hier, was Kunst angeht, sehr weit aufgehen. Das weiß ich extrem zu schätzen.

Und andersherum: Was hat Schöppingen vom Künstlerdorf?

Spiegel: Es ist eines der Fenster nach außen. Durch das Künstlerdorf ist Schöppingen – unter anderem – in den Fokus der Landes- und der Bundespolitik geraten. Das kann auch für andere Entscheidungen nie schädlich sein. Kunst lässt sich aber nicht mit einer Kosten-Nutzen-Rechnung oder in einer Quote messen – indem man etwa darauf schielt, wie viele Touristen denn jetzt mehr gekommen sind. Dann müsste man hier ja auch DSDS oder den Bachelor machen, dann würde die Quote stimmen. Das bekommen Sie aber nicht mit einem prononcierten Kunstprogramm. Ich würde vielmehr sagen, dass das Künstlerdorf den Menschen im Laufe der Jahre etwas mehr Offenheit mitgegeben hat. Dass viele das Neue mittlerweile vielleicht auch als Chance sehen und sagen: „Gucken wir doch mal, was daraus wird.“ Das ist mein persönliches Empfinden. Und wenn das wirklich so ist, dann ist der Gewinn gewaltig.

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