Priesteranwärter Sebastian Frye im Gespräch
"Gott hat mich nicht losgelassen"

Schöppingen-Eggerode -

Er geht einen Weg, den heute immer weniger junge Männer einschlagen: Sebastian Frye möchte katholischer Priester werden. Der 26-Jährige, der in Eggerode großgeworden ist, wird im April zum Diakon geweiht. Redakteurin Anne Alichmann traf ihn zum Interview.

Samstag, 14.03.2015, 09:03 Uhr

Sebastian Frye kann nicht zu allem, wozu sich die Kirche äußert, ohne Vorbehalte Ja und Amen sagen.
Sebastian Frye kann nicht zu allem, wozu sich die Kirche äußert, ohne Vorbehalte Ja und Amen sagen. Foto: Anne Alichmann

Sie haben sich dazu entschieden, Priester zu werden. Wann und wie ist dieser Wunsch entstanden?

Frye : Ich bin klassisch katholisch aufgewachsen – ich war Messdiener, im Kinderchor, habe Jugendarbeit in der Gemeinde geleistet. Aber das war alles noch nicht so sehr von meinem Glauben getragen. Ausschlaggebend war vielmehr der Weltjugendtag 2005 in Köln: Die nächtliche Gebetswache auf dem Marienfeld hat mich damals sehr angerührt. Als ich nach Hause kam, habe ich überlegt: Wie kannst du das Großartige, was da passiert ist, in deinen Alltag retten? Ich habe dann beschlossen, mal wieder aus freien Stücken am Sonntag in die Kirche zu gehen und meinen Tag mit einem Gebet abzuschließen.

Ein erster Schritt. Wie ging es dann weiter?

Frye: Damals war ich 16 Jahre alt. Das war die Zeit, in der ich mir die großen Sinnfragen stellte: Warum lebst du überhaupt? Gibt es ein Ziel, auf das du hinarbeiten möchtest? Das machte mich zunächst eher antriebslos. Aber dann stieß ich glücklicherweise auf Marc Röbel , einen Subsidiar unserer Pfarrei, der auf meine Suche aufmerksam wurde. Er hat mich irgendwie fasziniert. Einerseits fand ich seinen Lebensstil komisch: Er wohnte ganz alleine, hatte nicht mal einen Fernseher! (lacht) Aber er hatte so eine Strahlkraft, wirkte so zufrieden.

Sie haben sich dann ihn und seine Lebensform zum Vorbild genommen?

Frye: Ja, ich beschloss für mich: Wenn dieser Gott, von dem da in der Kirche ständig die Rede ist, wirklich existiert, dann möchte ich ihm auch alles zur Verfügung stellen – und er kann dann damit machen, was er möchte. Von mir bekommt er ein volles Ja. Das hieß für mich, alle meine Fähigkeiten in Gottes Dienst zu stellen. Und das Naheliegendste war da, Priester zu werden. Gegen Ende der Schulzeit habe ich mich dann hier am Priesterseminar gemeldet.

. . . und wurden mit offenen Armen empfangen?

Frye: Nun ja, es hieß, man freue sich – und würde sich wieder bei mir melden. Ein halbes Jahr später kam der Regens noch einmal auf mich zu. Ich hatte dann drei Vorstellungsgespräche – mit ihm, seinem Stellvertreter und mit einer Frau aus der Bistumsleitung. Manchmal herrscht ja das Bild, die von der Kirche können doch froh sein, wenn überhaupt mal jemand an die Tür klopft. Tatsächlich ist es aber so, dass etwa die Hälfte von denen, die sich hier melden, gar nicht angenommen wird. Es wird sehr genau darauf geachtet, mit welchen Motiven jemand kommt.

Bei Ihnen hat es geklappt.

Frye: Ja, das hat mich sehr gefreut! Ich habe dann mit einem Propädeutikum angefangen, der Vorbereitung aufs Studium. Da gab es verschiedene Einführungen etwa in das geistliche, aber auch in das sozial-karitative Leben. Wir haben ein zehnwöchiges Praktikum in einer Pflegeeinrichtung gemacht – ich war hier im Clemens-Hospital – und für etwa fünf Wochen waren wir im Heiligen Land, in Israel, zur Bibelschule. Dann begann das Studium, acht Semester hier in Münster , zwei Semester im kalifornischen Berkeley. Danach habe ich ein zehnmonatiges Praktikum in der Pfarrei St. Mauritz hier in Münster gemacht.

Und wo stehen Sie jetzt?

Frye: Derzeit befinde ich mich im Pastoralkurs und bereite mich auf die Diakonenweihe im April vor. Danach gehe ich noch einmal für zehn Monate in dieselbe Gemeinde zurück – mit anderen Schwerpunkten in der Arbeit.

Hatten Sie auf Ihrem bisherigen Weg jemals Zweifel, die richtige Entscheidung getroffen zu haben?

Frye: Ich habe ja schon angedeutet: Ich komme aus einem klassischen katholischen Umfeld. Und da habe ich mich manchmal schon gefragt: Läuft das hier nicht alles ein bisschen zu glatt? Ich wollte überprüfen, inwieweit das alles meine eigene Entscheidung ist. Stehe ich hier wirklich in meiner Freiheit? Ich habe mich dann während meines Studiums für ein Jahr beurlauben lassen und bin alleine in eine Wohnung ins Kreuzviertel gezogen. In dieser Zeit konnte ich stark prüfen, ob ich wirklich hinter meiner Entscheidung stehe. Ich merkte aber, wie in mir schnell die Sehnsucht größer wurde, wieder mehr Zeit mit Gott zu verbringen. Gott hat mich nicht losgelassen, und irgendwie wollte ich auch ihn nicht loslassen. Im Nachhinein bin ich für diese Zeit sehr dankbar. Vielleicht war es so etwas wie eine Fernbeziehung (lacht). Ich habe mich dann nach dem Jahr entschieden, wieder zurück in die Ausbildung zu gehen und noch einmal mein volles Ja anzubieten.

Wie hat Ihr Umfeld auf Ihren Beschluss, Priester zu werden, reagiert?

Frye: Ich habe durch die Bank große Unterstützung erfahren. Keiner aus der Familie wollte mir das ausreden. Es gab schon einige, die gefragt haben: Hast du dir das gut überlegt, nicht zu heiraten, keine Familie zu gründen? Meine Eltern sagten dann auch schon mal: Dann kriegen wir ja von dir keine Enkelkinder. Das ist dann wohl so. In dem Punkt bin ich froh, dass ich noch zwei Geschwister habe.

. . . und Ihre Freunde?

Frye: Meine Clique aus dem Dorf kennt mich ja schon ewig, seit dem Kindergarten. Ich glaube, es hat sich niemand wirklich gewundert. Meine Freunde haben schon gemerkt, dass ich nach dem Weltjugendtag andere Schwerpunkte gesetzt habe. Ich bin zum Beispiel samstags nicht ewig lange raus, weil ich am anderen Morgen noch in die Messe wollte. Das war für sie erst komisch – was mich von ihnen auch distanzierte. Aber ich glaube, sie freuen sich inzwischen mit mir, weil ich sehr zufrieden bin. Es gab da eine Szene: Unsere Clique ist bei einem Flunkyball-Turnier auf dem Sportplatz angetreten. Irgendwann skandierten die Leute aus unserer Gruppe den Schlachtruf: Wir haben einen Pastor, und ihr nicht! (lacht) Das war natürlich ein bisschen verquer, aber es hat mich gefreut. Ich habe gemerkt, ich bin für sie vielleicht ein komischer Vogel, aber sie haben mich trotzdem gern.

Sie haben es schon angesprochen: Mit der Entscheidung ist ein gewisser Verzicht verbunden, Sie dürfen zum Beispiel keine Familie gründen.

Frye: Das ist tatsächlich ein wichtiger Punkt für mich. Ich habe Kinder sehr gern. Und wenn ich jetzt in meinem Freundeskreis erste Familien entstehen sehe, habe ich natürlich direkt vor Augen, was mir entgeht. Aber ich glaube, dass in dem Verzicht auch eine große Kostbarkeit liegt. Damit möchte ich nun in keiner Weise Ehepaare abwerten, wirklich nicht. Aber es ist, denke ich, ein starkes Zeugnis, wenn jemand sagt: Gott alleine genügt. Ich setze ein Zeichen, wenn ich versuche, nicht mit etwas Weltlichem mein Leben auszufüllen. Ich lasse bewusst diese Lücke, die auf den hinweisen soll, der sie alleine füllen kann – auf Gott. Das mag stark provozieren und schwer verständlich sein. Ich glaube aber, dass ich so auf eine freie und ungebundene Weise für das Volk Gottes da sein kann, wie ich es meiner Frau oder meinen Kindern auch nicht zumuten könnte.

Nun gab es in der Kirche zuletzt einige Skandale. Wie gehen Sie damit um?

Frye: Ich kann mich bemühen, einen kleinen Teil wieder in ein anderes Licht zu rücken. Das Bild der Kirche, mit dem ich großgeworden bin und das mir sehr vertraut ist, hat sich jetzt schon enorm gewandelt und wird das auch in Zukunft tun. Der Pastor ist nicht mehr Hochwürden, der auf der Straße von allen Seiten gegrüßt wird. Ein Priester ist vielmehr ein Kundschafter in viele Lebensbereiche, in denen er selbst nicht zu Hause ist – und trägt das Licht des Evangeliums dort hinein. Etwa in Stadtviertel, die eigentlich nichts mit der Kirche zu tun haben. Das setzt mich selbst unter eine Spannung, der ich aber nicht nachgeben möchte.

Inwiefern können Sie sich mit allen Positionen der katholischen Kirche anfreunden?

Frye: In der Gesamtheit ist es natürlich schwierig. Ich kann nicht zu allem, wozu sich die Kirche äußert, ohne Vorbehalte Ja und Amen sagen. Dennoch gehe ich mit einem großen Vertrauen auf diese Aussagen zu. Ich denke zwar nicht, dass alles, was aus vatikanischen Mündern kommt, die Stimme des Heiligen Geistes ist – aber ich glaube, dass es schon davon geprägt und geleitet ist. Ja, in einigen Punkten ist sicher noch Luft nach oben, etwa in manchen moralischen Frage. Die Welt hat sich gewandelt, viele alte Antworten sind keine mehr. Da muss die Kirche neue Redeweise lernen und das Gut, das sie wahren möchte, neu übersetzen.

Können Sie da ein konkretes Beispiel nennen?

Frye: Es gibt da ja eine Reihe heißer Eisen, die an dieser Stelle gerne genannt werden. Der Standpunkt etwa, dass Paare nicht zusammenziehen sollten, bevor sie heiraten. Es hat ein hohes Gut, wenn Paare das schaffen – ich sehe aber auch, in was für Schwierigkeiten das manche bringt, wenn sie noch in keiner Weise dieses Zusammensein ausprobiert haben. Ich hatte ja auch jahrelang die Möglichkeit, in dieser Form zu leben, ohne mich direkt lebenslang dafür entscheiden zu müssen.

Ein weiteres „heißes Eisen“ ist die Rolle der Frau in der Kirche. Wie stehen Sie dazu?

Frye: Ein großer Teil unseres Gemeindelebens wird bereits von Frauen getragen, geführt, angeleitet. Sie spielen – ohne Diskussion – eine enorme Rolle. Die Kirche kann gar nicht anders: Sie muss auf die Stimme der Frauen hören. Ich glaube, dass man Frauen auch in verantwortungsvollen Positionen der Kirche einsetzen kann, wo sie auch an Entscheidungsprozessen beteiligt sind – sei es auf Bistums- oder Weltkirchenebene.

. . . Frauen als Priester?

Frye: Ich glaube, dass das kirchlicherseits so klar und annähernd dogmatisch festgeschrieben ist, dass es sich nicht lohnt, da neue Diskussionen anzustoßen. Frauen brauchen ein stärkeres Mitspracherecht in der Kirche, ja, aber es gibt eine starke biblische und kirchengeschichtliche Tradition, die ein anderes Verfahren der Ämterweitergabe kaum möglich macht. Das betrifft alle drei Ebenen – Diakone, Priester und Bischöfe.

Wie begegnen Sie Menschen, die da – oder auch mit Blick auf andere Themen – eine andere Meinung haben?

Frye: Das liegt sehr daran, wie diese Kritiker auf mich zugehen, ob sie mich nur an den Pranger stellen wollen oder tatsächlich eine Diskussion wünschen. Wenn mich jemand als Kirchenmann anfragt, möchte ich Rede und Antwort stehen – ich hoffe, dass ich selbst in der Lage bin, der Kritik mit einer Weite zu begegnen, die auch der katholischen Kirche selbst eigen ist.

Was denken Sie, wie sich die Kirche verändern wird und vielleicht auch muss?

Frye: Es tut sich gerade schon sehr viel. Ich glaube, dass unsere Generation noch erleben wird, dass die Volkskirche zu Ende ist – gerade gibt es noch Ausläufer davon. Das wird zu Trauerprozessen in den Gemeinden führen. Wenn zum Beispiel ein Verband mit hundertjähriger Tradition nicht mehr besteht, tut das weh. Es ist dann die Aufgabe der Seelsorger, diese Trauer zu begleiten. Aber wir müssen auch aufmerksam sein für neue Dinge, die entstehen. Die können vielleicht ganz anders geartet sein, mit einem deutlich geringeren Bindungsfaktor zum Beispiel. Die Leute können dann punktuell an unsere Angebote andocken. Auch die personelle Präsenz der Seelsorger wird uns beschäftigen: Zurzeit haben wir noch sehr starke Priesterjahrgänge, die noch richtig gut mitziehen. Aber die werden wir in sehr absehbarer Zeit nicht mehr zur Verstärkung haben. Jetzt wird noch über eine einzelne Sonntagsmesse gestritten – bald werden wir ganz andere Dinge auf der Tagesordnung stehen haben.

Haben Sie vor dieser großen Aufgabe Sorge?

Frye: Es kann schon ein sehr großer Komplex werden, wenn künftig um die 30 000 Katholiken zusammengefasst werden. Aber ich glaube, dass ich diese Sorge ganz gut abgeben kann. Letztlich ist es nicht mein Schiff – sondern Gottes. Er wird den Dampfer schon so schippern, dass er nicht untergeht. Er ist schon durch eine ganze Reihe von Unwettern gekommen. Da habe ich Vertrauen.

Worauf freuen Sie sich?

Frye: Darauf, Menschen auf ihrem persönlichen Weg ein Stück begleiten zu können. Ich möchte für sie den Himmel einen Spalt weit öffnen, damit sie mal hineinluken und – wenn sie möchten – auch hineingehen können. Wir lernen gerade in liturgischen Übungen ganz praktische Dinge – das Taufen oder die Eheschließung etwa. Auf solche Momente freue ich mich besonders.

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