Steinbeile der Trichterbecherkultur gefunden
Relikte aus der Jungsteinzeit

Schöppingen -

Es war 1953, als Bernhard Schulze Althoff den Stein in einer tiefen Wagenspur in der Nähe des Hevener Bachs entdeckte. Das Fundstück war hübsch marmoriert, also beschloss der junge Mann, es mitzunehmen. Er ahnte damals noch nicht, was er dort vom Boden aufgelesen hatte.

Donnerstag, 26.03.2015, 08:03 Uhr

Dr. Bernhard Stapel (links) und Burkhard Schulze Althoff in dem Garten, in dem eines der beiden Werkzeuge gefunden wurde.
Dr. Bernhard Stapel (links) und Burkhard Schulze Althoff in dem Garten, in dem eines der beiden Werkzeuge gefunden wurde. Foto: Anne Alichmann

Gut fünf Jahrzehnte lag der braune, glatt geschliffene Stein in der Diele des Hofs der Familie Schulze Althoff – zur Dekoration. Einmal fiel er herunter und zerbrach in zwei Teile. „Wir haben ihn mit Sekundenkleber gekittet“, erzählt Burkhard Schulze Althoff, der Sohn des Finders. Es wusste ja niemand, wie wertvoll der Gegenstand in Wirklichkeit war.

Aber einer hatte eine leise Vermutung: der Bruder von Bernhard Schulze Althoff. Er beschloss im Jahr 2005, das Fundstück einmal einem Experten vorzulegen. Vielleicht handelte es sich ja doch nicht nur um einen schnöden Stein, der einfach nett anzusehen war?

Und tatsächlich: Die Wissenschaft bestätigte seinen Verdacht. Was da jahrelang auf der Holzvertäfelung der Schulze Althoffs lag, hatte mehr zu erzählen als ein simpler Kiesel. Es war ein Werkzeug aus der Jungsteinzeit. „Genauer gesagt: ein dünnnackiges Flintovalbeil“, erklärt Dr. Bernhard Stapel. Der Wissenschaftler von der LWL-Archäologie für Westfalen untersuchte das Fundstück intensiver – und konnte dank der Bruchkante auch schnell das Material genauer bestimmen. „Das Beil ist offenbar aus Rijckholt-Feuerstein gefertigt.“ Und der wurde zu dieser Zeit in einem Ort südlich von Maastricht abgebaut und verbreitet.

Zu dieser Zeit? „Das Beil entstammt vermutlich der Trinkbecherkultur“, erklärt Stapel weiter. Das bedeutet, dass das Werkzeug wahrscheinlich zwischen 3400 und 2850 vor Christus gefertigt wurde. Die Zeit, in der in der hiesigen Region erste Bauernkulturen entstanden, so Stapel. Die Menschen begannen, kleine Teile des Urwalds zu roden und Äcker anzulegen – und dafür nutzten sie solche Steinbeile .

Das am Hevener Bach gefundene Werkzeug, erklärt Stapel, stamme aber wohl „nicht aus einem Siedlungszusammenhang“. Denn: Nur wenige Meter weiter entdeckte Wilma Schulze Althoff, Frau von Bernhard und Mutter von Burkhard, im vergangenen Frühjahr zufällig einen weiteren auffälligen Stein – bei Arbeiten im Garten. Und tatsächlich stellte auch der sich als jungsteinzeitliches Werkzeug heraus. Beide Fundstücke waren zum Zeitpunkt ihrer Entdeckung gänzlich unversehrt. „Das spricht eher dafür, dass sie aus einem Grab stammen“, weiß der Archäologe. Die Verstorbenen seien oft mit Werkzeugen, Waffen oder Keramik beigesetzt worden – hier im westlichen Münsterland zumeist in einfachen Einzelgräbern statt in monumentalen Kollektivgräbern.

Handelt es sich nun um einen Sensationsfund, eine echte Rarität? Nicht ganz. Spuren solcher Grabanlagen der Trichterbecherkultur haben Wissenschaftler in dieser Region schon häufiger entdeckt, auch in Schöppingen – etwa als 2011 das neue Regenrückhaltebecken am Klärwerk gebaut wurde. „Es ist also kein seltener Fund“, sagt Dr. Bernhard Stapel, „aber trotzdem einer, der die Forschung ein Stück weiterbringt.“

Die beiden Steinbeile hat Familie Schulze Althoff nach intensiver Untersuchung – und nachdem Restauratoren die Bruchstelle des einen fachmännisch geklebt haben – zurück erhalten. „Nur sehr besondere Funde landen im Schatzregal des Landes“, erklärt Stapel. Die zwei Werkzeuge wollen die Schöppinger nun sorgsam verwahren. „Wir planen, sie in einer Vitrine auszustellen“, erklärt Burkhard Schulze Althoff. Vielleicht interessierten sich auch die Gäste – die Familie betreibt heute einen Ferienhof – dafür.

Eines ist jedenfalls sicher: Ungeschützt auf der Holzvertäfelung in der Diele werden die schmucken Steine nicht mehr landen . . .

Wenn Laien auf „Schatzsuche gehen“

Die aktive Suche nach Bodendenkmälern ist laut Denkmalschutzgesetz NRW den Fachleuten vorbehalten, informiert Dr. Bernhard Stapel. Man darf also nicht einfach den Spaten nehmen und nach archäologischen „Schätzen“ graben – auch nicht im eigenen Garten. Auch für die Suche per Metallsonde braucht man eine besondere Genehmigung. Unproblematisch ist die Mithilfe von Laien, wenn sie das praktizieren, was im Archäologenjargon als „Feldbegehung“ bezeichnet wird. Dabei werden im Herbst bis Frühjahr (mit Genehmigung der Eigentümer) gepflügte und abgeregnete Ackerflächen an der Oberfläche systematisch nach archäologischen Objekten wie Steinwerkzeugen oder Keramikscherben abgesucht. „Gerade für den nördliche Kreis Borken wäre es für uns eine große Hilfe, wenn sich Laien für diese Art der Erforschung von überwiegend steinzeitlichen Fundstellen begeistern lassen könnten“, sagt Stapel. Wichtig: Archäologische Funde müssen immer dem Fachamt gemeldet werden.

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