Jagd
Ein Hasenbraten für 320 Euro

Schöppingen -

Rainer Achterberg hat mal grob hochgerechnet: Rund 320 Euro kostet jeder geschossene Hase in Schöppingen den Jäger, sagt der 74-Jährige. „Für die junge Generation steht die Hege im Vordergrund“, hat der Schöppinger eine veränderte Motivation bei den Jägern ausgemacht.

Donnerstag, 16.06.2016, 06:06 Uhr

Die Hege rückt für viele Jäger immer mehr in den Mittelpunkt. Das hat Jagdvorsteher Rainer Achterberg in den vergangenen Jahren festgestellt. Zudem seien viele ökologisch interessiert.
Die Hege rückt für viele Jäger immer mehr in den Mittelpunkt. Das hat Jagdvorsteher Rainer Achterberg in den vergangenen Jahren festgestellt. Zudem seien viele ökologisch interessiert. Foto: Frederik von Erichsen/dpa

Rainer Achterberg muss es wissen. Seit 1971 ist der ehemalige Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung in der Verwaltung der elf Schöppinger Jagdgenossenschaften aktiv. Zunächst als Geschäftsführer und seit dem Tod des Jagdvorstehers und ehemaligen Gemeindedirektors Hans Dillmann im Jahr 2015 auch als Jagdvorsteher. In neun Jagdgenossenschaften hat Nicht-Jäger Achterberg nun die Doppelfunktion als Jagdvorsteher und Geschäftsführer. In den beiden Gemener Genossenschaften steht Bernhard Janning der Jagdgenossenschaft vor, aber auch hier führt Achterberg die Geschäfte.

Achterberg hat einen Boom von Leuten ausgemacht, die die Jagdschein-Prüfung absolvieren. „Die meisten von ihnen sind ökologisch interessiert.“ Viel zu jagen gibt es derzeit rund um Schöppingen sowieso nicht. Es ist so wenig Wild vorhanden, dass Treibjagden abgesagt werden mussten.

Die Zahlen sprechen für sich. Rainer Achterberg hat einmal die gejagten Hasen und Fasane der vergangenen Jahre exemplarisch für ein Revier herausgesucht. So ist die Zahl der Hasen von der Saison 2010/11 bis 14/15 von 29 auf zehn gesunken. Noch deutlicher ist der Rückgang bei den Fasanen. Hier sank die Zahl im gleichen Zeitraum von 62 auf 25. Einzig die Zahl des Rehwilds pendelt jährlich recht konstant um die 15.

„Wirtschaftlich rechnet sich die Jagd nicht. Jedes Unternehmen müsste sofort Insolvenz anmelden“, sagt Rainer Achterberg. Er selbst hat mit der Jagd an sich nichts am Hut, obwohl er seit über 40 Jahren damit zu tun hat. „Ich bin wie die Jungfrau zum Kind dazu gekommen.“ Sein Chef Hans Dillmann betraute ihn mit der Geschäftsführung. Damals übernahm die Gemeinde die Verwaltung der Jagdgenossenschaften – und kassierte dafür drei Prozent der Pachteinnahmen. Diese Praxis änderte der Gesetzgeber erst 1991. Seitdem müssen sich die Jagdgenossenschaften eigenständig verwalten.

Einmal wurde Rainer Achterberg als Edeltreiber eingeladen. Er lehnte dankend ab. Doch die Arbeit im Hintergrund bereitet ihm Spaß. Außerdem habe er so Land und Leute kennengelernt. Wenn er nach der Motivation der Jäger gefragt wird, winkt der Schöppinger ab. „Das weiß ich nicht. Da müsste man die Jäger selbst fragen.“

Eins steht aber für den 74-Jährigen fest: Das Verhältnis zwischen Jäger und Bauern ist eins, von dem beide Seiten profitieren. Achterberg: „Beide sind aufeinander angewiesen.“ So müsse der Jäger dem Bauern den Schaden ersetzen, den das Wild anrichte. Beiden sei daran gelegen, einen gesunden Wildbestand im Revier zu haben. In Schöppingen, so Rainer Achterberg, habe er es noch nicht erlebt, dass es juristische Streitigkeiten zwischen Bauern und Jägern wegen Wildschäden gegeben habe.

Die Jäger zahlen zwischen 15 und 21 Euro in Schöppingen und Umgebung pro Hektar jagdbarer Fläche. In den meisten Jagdgenossenschaften sind es 16 bis 17 Euro.

Rainer Achterberg hat die jagdbare Fläche vor einiger Zeit neu berechnet – und das bei rund 260 landwirtschaftlichen Betrieben. So gibt es befriedete Schutzzonen rund um die Höfe in den Außenbereichen. „Da hat sich in den vergangenen 40 Jahren viel getan“, weiß Achterberg. So sei ein Hof früher mit einer Schutzzone von rund einem Morgen vermessen worden, jetzt hat Achterberg die Fläche auf einen Hektar festgesetzt. Damit sinken natürlich die Einnahmen des Landwirts. „Dadurch wird aber keiner arm“, sagt Achterberg schmunzelnd.

Gegenseitige Rücksichtnahme

Bei der Neuberechnung der befriedeten Flächen hat Rainer Achterberg schon das künftige Baugebiet an der Münsterstraße mit einbezogen. „Wenn die Bagger dort anrollen, wäre das zu dicht an der Bebauung.“ Wichtig ist ihm die gegenseitige Rücksichtnahme von Jägern und Nicht-Jägern. In Schöppingen sieht er das Verhältnis in einer ausgewogenen Bilanz.

Stark rückläufig sind hingegen die Pachtpreise. „Die Pachtsumme ist in den vergangenen Jahren im Münsterland um 30 bis 40 Prozent gesunken“, sagt Achterberg. In Schöppingen hingegen nur um etwa 14 Prozent. Rainer Achterberg schmunzelt, wenn er die Gründe erklärt: 2009 wurde die 20-prozentige Jagdsteuer auf Drängen der Jägerlobby abgeschafft. Diese Einsparung hat der Jagdvorsteher teilweise beim Pachtzins mit eingerechnet.

Bei den Jagdgenossenschaften handelt es sich um Zwangsgenossenschaften des öffentlichen Rechts. Jeder Grundstückseigentümer mit jagdbaren Flächen ist automatisch Mitglied. Wer mindestens 75 Hektar besitzt, kann eine Eigenjagd daraus machen.

Flächen bis 300 Hektar kann ein Jäger alleine pachten. Für jede weitere 150 Hektar ist ein weiterer Pächter gesetzlich vorgeschrieben. Sonst wäre der geschossene Hase noch teurer als 320 Euro.

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