Hospizgruppe Schöppingen
Der Tod bereitet keine Angst mehr

Schöppingen -

„Das letzte, aber deshalb nicht das geringste Grundbedürfnis ist die Liebe. Ein großes, warmes Herz, von dem aus man sich dem Sterbenden zuwendet und ihm im menschlichen Sinn wirklich nahe bleibt.“ Diese Einstellung des Niederländers Paul Sporken, Priester, Moraltheologe und Professor für medizinische Ethik, sagt für Gisela Schram und Edith Radner „das aus, was eine Hospizbegleitung ausmachen sollte“.

Montag, 21.11.2016, 06:11 Uhr

Ein gemeinsames Ziel verfolgen die Schöppingerinnen Gisela Schram (l.) und Edith Radner: Sie wollen dem Sterbenden und seinen Angehörigen zuhören und eine Stütze sein.
Ein gemeinsames Ziel verfolgen die Schöppingerinnen Gisela Schram (l.) und Edith Radner: Sie wollen dem Sterbenden und seinen Angehörigen zuhören und eine Stütze sein. Foto: Susanne Menzel

Die Frauen sind seit vielen Jahren in der Schöppinger Hospizgruppe aktiv. Aus unterschiedlichen Beweggründen, beide aber mit dem gleichen Ziel: Dem Sterbenden , aber auch den Angehörigen zuzuhören, sie auf diesem Weg zu begleiten und ihnen eine Stütze zu sein.

Gisela Schram (56) wurde als junge Mutter mit kleinen Kindern durch einen Sterbefall innerhalb der Familie erstmals konkret mit dem Tod konfrontiert. „Ich war jung, stand mitten im Leben – und war in diesem Moment plötzlich recht hilflos“, gibt sie zu. „Ich habe gedacht: Ich muss irgendetwas tun, um das begreifen zu können.“

Eine Freundin machte die damals in Ratingen wohnende Gisela Schram auf die dort geplante Hospizgruppe aufmerksam. „Der Begriff Hospiz etwas ganz Neues für mich, ich konnte mir nicht viel darunter vorstellen“, sagt sie rückblickend. Gisela Schram ging trotzdem hin. Sie besuchte Kurse, Fortbildungen, wollte schauen, „ob ich selbst überhaupt in der Lage bin, eine Begleitung zu übernehmen. Denn nur wer seine eigenen Grenzen kennt und respektiert, kann authentisch und unverkrampft bleiben. Man darf nicht bewerten und nicht verurteilen“, erfuhr sie in den Fortbildungen. Sie wagte schließlich den Schritt und entschied sich, selbst Begleitungen zu übernehmen.

Beim ersten Kontakt mit einem Sterbenden habe ihr das Herz noch bis zum Hals geschlagen: „Man hat ja – gerade mit der Ausbildung fertig – erst mal ein Schema im Kopf, das man anwenden will. Man kann aber nicht einfach einen Werkzeugkoffer auspacken. Der junge Mann, den ich begleiten sollte, hat mir damals von sich aus die Hemmschwelle schnell genommen. Da war der Bann gebrochen. Das hat mir auch bei meinen späteren Begleitungen geholfen.“

Inzwischen habe sie gemerkt, so Gisela Schramm, dass sie durch ihr Engagement in der Hospizbewegung offener geworden sei im Umgang mit anderen.

Der Tod, für sie einst „vom Gefühl her in unserem Kulturkreis ein Thema, dem man unpersönlich und mit Distanz begegnet, macht mir keine Angst mehr. Früher hatte ich auch Angst vorm Sterben. Das ist heute anders. Jetzt ist es nicht der Tod an sich, sondern der Sterbeweg. Geht es schnell, dauert es lange?“

Inzwischen sei für sie auch nicht mehr die Begleitung an sich ein Umstand, der sie manchmal nervös mache, sondern die Frage: „Bin ich die Richtige, werde ich von dem Sterbenden und seinen Angehörigen angenommen? Man kommt ja immer als Fremde in eine Familie.“

Edith Radner , in der Gruppe für Fortbildungen, Netzwerkarbeit und Organisation zuständig, hatte sich schon Jahre vor der Gründung der Hospizgruppe für die Deutsche Hospizgesellschaft interessiert. Als im Juli 2010 – eine Woche nach dem Tod ihrer Mutter – die Gründung einer Gruppe in der Vechtegemeinde anstand, „bin ich hingegangen. Dabei war der Tod meiner Mutter nicht der Grund für meinen Eintritt, aber der Anlass, mich für die ambulante Hospizarbeit zu engagieren. Ich fand und finde es wichtig, den Tod ins Leben mit einzubeziehen. Ich möchte zu einer Enttabuisierung dieses Thema beitragen.“

Angetreten sei sie ursprünglich, „um zu geben“, sagt Edith Radner: „Inzwischen merke ich immer wieder: Ich gebe nicht nur, ich bekomme auch viel.“ So habe sie durch die vielen Fortbildungen und durch das Zusammensein in der Gruppe „gelernt, noch genauer hinzuhören. Ich merke immer wieder, wie wichtig es auch ist, die Äußerungen der Gesprächspartner mit eigenen Worten zu wiederholen, um Missverständnisse zu vermeiden. Oft beruhen Missverständnisse nur auf einem Wahrnehmungsproblem.“

Durch die Hospizarbeit habe sich auch persönlich für sie einiges verändert, gibt Radner zu: „Es fällt mir als ehemalige Lehrerin mitunter schwer, keine Vorschläge zu machen, was helfen könnte. In über 30 Jahren im Schuldienst musste man immer schnell auf Fragen oder bei Problemen Ideen zur Konfliktlösung parat haben. Aber in der Hospizbegleitung ist Betroffenen nicht damit gedient, dass ich ihnen meine Vorstellungen von Hilfsangeboten unterbreite.“

Es sei menschlich, dass man in Gesprächen zum Beispiel mit Trauernden schnell dazu neige, von eigenen, ähnlichen Situationen zu erzählen, um Verstehen zu signalisieren: „Da muss man sich jedoch zurücknehmen. Wesentlich sind nur die Bedürfnisse des Gesprächspartners. Der eigene Kopf sollte deshalb am besten wie leer gefegt sein. Ich muss vorsichtig erfragen, wo die Quellen sind, aus dem mein Gegenüber schöpfen kann, um sich selbst zu helfen. Nur das ist sinnvoll.“

Beiden Frauen gemein ist die Haltung, was ihr eigenes Sterben angeht. Gisela Schram: „Ich möchte am liebsten zu Hause sterben und ich würde jederzeit eine Hospizbegleitung annehmen.“

Edith Radner: „Ich habe den Tod schon als friedliches wie auch als schmerzvolles Streben gesehen. Ich würde mich freuen, wenn in dem Fall meines Sterbens eine Hospizbegleitung meine Familie entlasten würde.“

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