Matthias Rieps reist durch Tasmanien
Der schönste Fleck Australiens

Tasmanien -

Südwärts nach Down Under! Mit einem weinenden und lachenden Auge sehen wir dem Flug von Bali ins australische Tasmanien entgegen. Vier Monate Südostasien haben uns einen Türspalt weit Einsicht in diesen reizvollen Erdteil ermöglicht. Wonach wir uns unterwegs am meisten sehnen, war jedoch manchmal Mangelware: Klare Luft und Bäche, Stille, Weite und Wildnis. Und nicht zuletzt ein gnädigeres Klima. Uns plagen regelrecht Entzugserscheinungen nach kühlem Wind um die Nase. Und ich wünsche mir, endlich mal wieder kalte Füße zu haben!

Freitag, 10.02.2017, 06:02 Uhr

Die Wellen branden auf feinen hellen Sand. Die rundgeschliffenen Granitfelsen sind mit der feuerroten Caloplaca-Flechte übersät.
Die Wellen branden auf feinen hellen Sand. Die rundgeschliffenen Granitfelsen sind mit der feuerroten Caloplaca-Flechte übersät. Foto: privat

Für einen Euro gönnen wir unseren Bikes bei einem Roller-Waschservice eine Hochglanzpolitur. Gute Investition. Denn beim Umstieg in Melbourne fällt die Kontrolle unserer Ausrüstung penibel aus – aus Sorge vor fremden Pflanzensamen. Wir dürfen weiter. Und landen sanft auf „Tassie“.

Dreieinhalb Wochen lang pedalpinseln wir eine Strecke in Form eines umgekehrten S auf die Landkarte. Flächentechnisch groß wie Bayern, nimmt Tasmanien nicht einmal ein Prozent des roten Kontinents ein. Wobei, rot? Eher beige und grün dominieren den Teint der Insel, dessen Hälfte seiner Fläche unter Naturschutz steht. Was nicht überrascht, wurde doch in Tasmanien die weltweit erste grüne Partei gegründet. „Ihr habt euch den schönsten Flecken Australiens ausgesucht“, versichern uns zudem einige Einwohner voller Stolz.

Der Meereshorizont blitzt vor uns auf, auf einsamen Sandwegen streunern wir der „Bay of fires“, der Feuerbucht im Osten, entgegen. „Das nenn ich mal eine Augenweide“, schwärme ich angesichts der erstaunlichen Strandidyllen. Sauberes, aber meterhoch wütendes Meereswasser brandet auf feinen hellen Sand, der blaue­ Himmel und die rundgeschliffenen Granitfelsen, die mit der feuerroten Caloplaca-Flechte übersät sind, runden die kitschigen Kompositionen farblich ab.

Auffallend erscheint uns, wie stark die Lebensart mit der der US-Amerikaner verwandt scheint. Nicht nur die monströsen Motorhomes, Burgerschuppen, Sprache und Architektur vermitteln Ähnlichkeit, sondern auch eine teils extreme Körperfülle. Wir sind regelrecht erschrocken. Australien gilt häufig als eines der Vorzeigeländer dieser Welt, aber ob es sich hier wirklich um eine gesunde Gesellschaft handelt?

Die Tassie-Tour ist unterdessen ein „Ponyhof“. Mächtige Eukalyptusbäume schwängern die Luft mit ihrem Duft, ebenso wie das Meer. Tolle Wildcampplätze überall – und Platz ohne Ende. Auf einsamen Wegen über Hügel und entlang an Küstenstreifen, durch Wälder und kleine Ortschaften. Bicheno, Swansea, Campbell Town, Poatina. Ein Radshop hätte den Käffern gut gestanden, denn Christian ärgert sich über ein zerbröselndes, sich lösendes Pedal. Alle paar Tritte muss er es im Fahren mit der Hacke wieder ankloppen – ein Bild für die Götter. Ich schlittere bei dem Anblick von einem in den nächsten Lachkrampf. Schadenfreude, leider eine meiner Schwächen. Dennoch, das Schlapplachen zeigt, wie ich mich innerlich fühle: gelöst und locker – ganz so wie Christians Pedal.

Ein weiterer häufiger Anblick ist gewöhnungsbedürftig: der Anblick von vielen bei Autounfällen getöteten Tieren. Mancherorts liegt im Leitplankentakt ein totes Wallaby, eine kleinere Känguruart. Seltener sind die Wombats, Beutelbären, ebenfalls eine nur in Australien vorkommene Art. Doch eine reine Plage sind die Possums – Fuchskusus. Jene Beutelsäuger, katzengroß und nachtaktiv, sind hochspezialisiert auf das Stibitzen von Radlerfutter. Hoch oben im Baum sehen wir abends im Lampenschein ihre vermeintlich unschuldigen Augen leuchten. Liegen wir dann eingemümmelt im Schlafsack, machen sie Radau ums Zelt herum. Manchmal wünsche ich mir eine Steinschleuder, um wie mancher Thailänder mangoraubenden Affen damit die Hölle heißzumachen. Für mich das skurrilste Tier der tasmanischen Fauna ist aber der Echidna, der Ameisenigel. Eine wie ich finde ulkige Mischung aus Ameisenbär und Stachelschwein.

Begegnungen menschlicher Art kommen auch nicht zu knapp. Ein halbes Dutzend Mal sind wir eingeladen bei Warmshowers-Mitwirkenden. Die Warmshowers-Gemeinschaft ist ein kostenfreier, weltweiter Gastfreundschaft-Austausch für Tourenradfahrer.

Bei Vicky, Mike, Blake, Ingrid, Julia, Mendelt . . . Menschen, die sich in unsere Herzen gebohrt haben. Die einen holen uns auf ihre Pferdefarm, als wir im Stacheldrahtzaunland keinen Zeltplatz finden. Einige schenken uns Obst, Tomaten und Eier aus dem eigenen Garten. Ein anderes Pärchen lässt uns wissen, dass sie in den Flitterwochen seien, der Schlüssel aber im Gummistiefel vor dem selbst gebauten Strohziegel-Traumhaus zu finden sei. Wir sind ihnen wildfremd, aber sie schreiben: „Fühlt euch wie zu Hause und entspannt euch.“

Ich empfinde es als bereichernd, welch intensive und vielfältige Einblicke wir in das Leben von Menschen erhaschen dürfen. Und der Gesprächsstoff geht nicht aus. Handelt es sich eben oft um Radenthusiasten, die irgendwo im Herzen ein unsichtbarer Faden verbindet, egal wie unterschiedlich wir sind.

Waren Christian und ich vor zehn Jahren noch unter den ersten 500 Warmshowers-Mitgliedern, umspannt der dünne Faden mittlerweile die ganze Welt: 100 000 Personen halten ihn in der Hand. 64 von ihnen wohnen in Tasmanien.

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