Matthias Rieps beendete siebenmonatige Tour in Neuseeland
Die Krönung nach 10 000 Kilometer

Neuseeland -

Vermaledeite Sandflies! An der Westküste betreten wir das Hoheitsgebiet einer unpopulären Spezies: jenes der Kriebelmücken. Wenn es dämmert, und die Armada in schwarzen Wolken ausrückt, wünsche ich mir einen Weltraum-Anzug herbei. Jedes winzige Schlupfloch finden die Biester. Als seien wir mobile Zapfsäulen, zum kostenlosen Volltanken bereitstehend. Doch da müssen wir nun durch.

Mittwoch, 26.07.2017, 13:07 Uhr

Auch dieses Mal waren Matthias Rieps (l.) und sein Freund Christian Pries über 10 000 Kilometer ein eingespieltes Team.
Auch dieses Mal waren Matthias Rieps (l.) und sein Freund Christian Pries über 10 000 Kilometer ein eingespieltes Team. Foto: privat

Durch Westport, Greymouth, am Rande des Paparoa Nationalpark, kurbeln wir nach Hokitika. Hier floriert das Geschäft mit Jade. Oha, welch strammes Preisgefüge im Souvenirshop. Also wühlen wir am Strand selbst nach dem Edelgestein. Und was für ein Glückspilz ich doch bin. Drei Grünsteine nenne ich bald mein Eigen.

Eingeladen bei Kevin begegnen wir einer Warmshowers-Institution. Jeder Radler scheint bei ihm unterzukommen. Gesundheitlich etwas angeschlagen, genießt der Rentner die Kontakte zu den Pedaleuren aus allen Landen. Und die Geschichten aus seiner Zeit als Höhlenforscher, Paddler und Bergsteiger offenbaren sich später als inseldeckend bekannt – zumindest bei beräderten Rumstreunern unserer Gattung.

Auch lasse ich Kevin meine Fundstücke begutachten. Aber von wegen Jade – wertlosen Kiesel habe ich da aufgelesen. Was soll‘s. Hauptsache wir können den zweitägigen Sintflutregen unter seinem Dach aussitzen. Tagelanges Durchschütten ist schließlich eine hiesige Spezialität. Wer das in Kauf nimmt, darf aber auch die Begleitumstände des nassen Segens bewundern: Regenwälder, Wasserfälle, den Fox- sowie den Franz-Josef-Gletscher. Vorausgesetzt, die Sonne scheint mal.

So wie am Folgetag. Im vor Grün überquellenden Seitental des Wanganui River suchen wir am Etappenende eine Quelle – die Amethyst Hot Springs. Ein lehmiger Pfad führt uns ans Ufer, wo Dampfschwaden schwirren. „Sieh mal, ein Spaten“, ruft Christian . Nichts und Niemand sonst ist zugegen. Während wir eine Grube in den Sand buddeln, sickert heißes Wasser von unten hoch – ein natürlicher Whirlpool. Und das einen Meter neben dem eiskalten Gletscherfluss.

Bis tief in die Nacht lassen wir uns die Haut verschrumpeln. Das schwefelige Planschbecken und der unfassbare Sternenhimmel durchströmen unsere Körper mit Wärme und Erstaunen – und mit einer Badewannenfüllung Endorphine.

Ade Westküste. Den Haast River stromaufwärts, entlang an Bergen und undurchdringlichen Wäldern im Mount Aspiring N.P. Idylle bis zum Abwinken. Das Wetterradar jedoch sieht übel aus. Dank mobilem Internet wissen wir von einem nahenden, extremen Tiefdruckgebiet. So sorgen wir vor, bauen Regenplane plus Zelte auf, hoch oben am Uferrand. Denn die Vegetation gibt sonst keinen Quadratmeter frei. Die Böschung verrät – hier oben stand der jadefarbige Fluss wohl bisher nicht. Klar, er wird ansteigen. Aber so hoch? „Nein, hier sind wir sicher“, mime ich den Schlauen.

Der Haast mümmelt sich weit weg und verträumt da unten in seinem Bettchen. Dass wir Naivlinge in der Nacht Teilnehmer einer Outdoor-Lehrstunde werden, davon ahnen wir nichts.

Es schlägt ein Uhr nachts: Ich schrecke hoch, denn etwas lastet auf mir. Krass. Eine Wasserblase auf der Plane drückt offenbar mein Zelt nieder. Sturzregen prasselt auf die Nylonwände, seit Stunden. Hastig strampele ich mich in die wasserdichte Kluft, wühle mich ins Freie. Ach du . . .! Der Flusspegel steht direkt vor meiner Haustür. „Christian, aufstehen. Der Haast holt uns“, gröle ich.

Wir reißen im Schein der Stirnlampen die Heringe raus und schwingen das Zelt mitsamt Inhalt wie einen Sack über die Schultern. Jetzt aber schnell weg hier.

Die nächsten Wochen ist das Wetter ideal – herbstlich, kühl und trocken. Im Seenland um den Lake Wanaka, Hawea und Wakatipu angekommen, ist wild zelten verboten, aber manche Kiwis laden uns auf ihre Grundstücke ein. Hier und da werden Hirsche gezüchtet. Jetzt ist Brunftzeit und die Böcke röhren uns um den Schlaf.

Erholung finden unsere geräderten Hirne daraufhin bei Chris und Jane, Warmshowers-Gastgebern im einsamen Bergland. Sie bieten uns eine zum Luxusappartement ummodellierte Scheune. Als Gratis-Bleibe, ausgestattet mit allem Pipapo: Kamin, Sofa, Küche, W-Lan, einem Edel-PC. „Wäre es okay, wenn wir zwei Tage länger bleiben?“ Ihre Antwort: „Sicher, kein Problem.“

Danach geht‘s mit schnellen Schenkeln weiter. Über wilde Erdwege durch die Alpen gelangen wir an die Ostküste. Dunedin und Oamaru bieten endlich mal wieder Stadtcharme. Man hat aber vor Stränden stadionartige Ränge aufgebaut, um mit den drangsalierten Pinguinkolonien den großen Reibach zu machen. Aber diesen Zirkus machen wir nicht mit, genauso wie uns die offiziell „steilste Straße der Welt“ in Dunedin eher ein müdes Lächeln abgerungen hatte.

Lieber gönnen wir uns zum krönenden Abschluss den Alps-to-Ocean-Radweg. Die 300 Kilometer nur andersherum – vom Ozean zu den Alpen. Ich verleihe ihm im Stillen das Prädikat „Obersahne“. Tausende Birken und Pappeln strahlen gelb, die dutzenden Seen tieftürkis, die Landschaft scheint in Weite und Tiefe um Dimensionen verrückt.

Im Nationalpark Mount Cook ziehen sich die Gletscher um den höchsten Berg des Landes bis tief in die Täler. Kurz resümiert: Neuseeland rockt.

So tut es auch die Freundschaft mit Christian Pries. Wieder mal haben wir als Team gut harmoniert – ohne jeglichen Streit. Kurzum, nach 10 000 Kilometern, null Reifenpannen in den sieben Monaten und null Euro Übernachtungskosten in den letzten drei Monaten rollen wir in Christchurch ein.

Die Stadt, im Februar 2011 von einem Erdbeben schwer beschädigt, hat einen Neuanfang hinter sich. Vielleicht steht ein solcher auch mir bevor. Nach zig Touren, addierten fünf Jahren und distanztechnisch zwei Äquatorumrundungen im Sattel bin ich nachdenklich. Schlage ich einen neuartigen Lebensweg ein oder wird mich die Reiseleidenschaft weiterhin nicht loslassen? Offen und neugierig gehe ich in die Zukunft. Was wird hinter der nächsten Kurve wohl Neues auf mich warten?

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5034538?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F103%2F156%2F
Nachrichten-Ticker