Schurkenjagd mit Sherlock Holmes und Shakespeare
Theater ex Libris oder die neue Lust am Vorlesen

Schöppingen -

Der Münsteraner Schauspieler Christoph Tiemann und seine „Mittäter“ vom Theater ex Libris machen aus der Tugend eine Kunst: Mit ihrem tingelnden Vorlesetheater unterhielten sie am Samstagabend rund 200 Gäste in der Kulturhalle Kraftwerk in Schöppingen.

Sonntag, 24.02.2019, 17:36 Uhr aktualisiert: 25.02.2019, 15:44 Uhr
Sarah Griese, Urs von Wulfen, Alexander Rolfes, Christoph Tiemann, Till Backhaus (v. l.) unterhielten mit ihrem Sherlock Holmes-Programm rund 200 Gäste.
Sarah Griese, Urs von Wulfen, Alexander Rolfes, Christoph Tiemann, Till Backhaus (v. l.) unterhielten mit ihrem Sherlock Holmes-Programm rund 200 Gäste. Foto: Christiane Nitsche

„Vorlesen! Vorlesen! Vorlesen!“ Die Botschaft des Abends gibt Christoph Tiemann seinem Publikum ganz am Schluss mit: „Eltern, Großeltern, lest euren Kindern etwas vor!“ Mit dem Vorlesen fängt es bekanntlich an: Die Lust an Geschichten, die Freude an der Fantasie, die Neugier auf Neues, Fremdes, Geheimnisvolles, ohne die kein Mensch gerne lernt. Das wissen auch der Münsteraner Schauspieler Christoph Tiemann und seine „Mittäter“ vom Theater ex Libris. Sie machen aus der Tugend eine Kunst mit ihrem tingelnden Vorlesetheater, das am Samstagabend rund 200 Gäste in der Kulturhalle Kraftwerk in Schöppingen unterhielt.

Die Illusion beginnt, als das Licht ausgeht. Vier Männer und eine Frau in viktorianisch anmutender Kleidung betreten die Bühne und nehmen hinter Notenständern Platz. Auf einer Leinwand daneben erscheint die Jahreszahl 1878. Man könnte jetzt getrost die Augen schließen. Die Schauspieler sind kaum zu sehen hinter ihren Textbüchern, die wechselnden Bilder auf der Leinwand, die mal ins Studierzimmer in der Baker Street 221B, mal in die Wälder oder den Landsitz Stoke Moran in Surrey oder in eine Opiumhöhle im East End führen, passen atmosphärisch perfekt zum Gehörten – aber der Genuss würde ohne sie kaum geschmälert.

Was jetzt zählt, sind die Stimmen – allen voran Alexander Rolfes‘ warmer Bariton, der in der Verkörperung des Dr. Watson den Löwenanteil des Abends bestreitet. Die perfekte Besetzung: Von ihm würde sich so mancher hier sogar eine x-beliebige Bedienungsanleitung oder die Leviten lesen lassen – in Endlosschleife.

Die Stimmen, die Intonation, der offenkundige Genuss am guten Text: Allein durch die Stimme einen Charakter lebendig werden lassen, eine Atmosphäre erzeugen, Emotionen aufleben lassen – das gelingt den Akteuren hervorragend, unterstützt durch Soundeffekte, die Till Backhaus an den Keyboards erzeugt. Wer Sherlock Holmes (Christoph Tiemann), Dr. Watson (Rolfes), Mrs. Hudson, Helen Stoner (Sarah Giese) und Stamford sowie diverse Hilfskräfte und Bösewichte (Urs von Wulfen) noch nicht kennt, erfährt nun, wie zugewandt, zuweilen naiv, aber nicht minder intelligent Watson ist, wie ambivalent Sherlock Holmes in seiner Suche und Sucht nach Erkenntnis und Wahrheit (ohne überflüssiges Wissen anzuhäufen) ist, und wie Angst, Ärger, Liebe, aber auch Boshaftigkeit, Wut, Hilflosigkeit oder Verzweiflung klingen, wenn sie in den Figuren von Sir Arthur Conan Doyle lebendig werden.

Sei es das Geheimnis des gefleckten Bandes, der Mann mit der entstellten Lippe oder schlicht das stete intellektuelle Geplänkel zwischen Sherlock Holmes und Dr. Watson, der im Laufe des Abends vom Wohngenossen zunächst zum Chronisten und später – wenn auch zögerlich vom ‚Consulting Detective‘ persönlich ernannt – zum „Kollegen“ des selbst ernannten Meisters der Deduktion aufsteigt.

Dass das Ganze mit einem leisen Augenzwinkern daherkommt, erhöht den Genuss noch, etwa wenn Holmes mit einem Seitenblick auf Watson, aka Rolfes, die „Liga der rothaarigen Männer“ beschwören will. Oder wenn er Shakespeares Macbeth zitiert: „So lang ist keine Nacht, dass endlich nicht der helle Morgen lacht.“ Ob das nicht zum überflüssigen Wissen gehöre, fragt ihn Watson da. Holmes darauf: „Shakespeare ist niemals unnütz.“ Vielleicht lesen sie den ja auch einmal auf der Bühne – man darf hoffen.

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