Der Ex-Junkie und heutige Motivationstrainer Andreas Niedrig spricht mit Sekundarschülern
Liebe trägt auch in schlechten Zeiten

Schöppingen -

Von einer auf die andere Sekunde herrscht absolute Stille. Mehrere Hundert Acht- bis Zehntklässler der Sekundarschule sitzen am Montagmorgen fassungslos in der Kulturhalle: Andreas Niedrig, Ex-Junkie und heute Triathlet sowie Motivationstrainer, wird gefragt, ob er noch Kontakt zu seinen damaligen Freunden aus der Drogenszene habe. „Keiner hat überlebt. Ich bin der einzige“, sagt der 51-Jährige.

Montag, 11.03.2019, 19:00 Uhr
Seine Erfahrungen mit Drogen und dem Weg aus der Abhängigkeit hin zum Triathlon schilderte Andreas Niedrig.
Seine Erfahrungen mit Drogen und dem Weg aus der Abhängigkeit hin zum Triathlon schilderte Andreas Niedrig. Foto: Rupert Joemann

Andreas Niedrig hat die Heroinsucht überwunden. 14 Monate war er in Langzeittherapie. „Ich dachte, die anderen in meiner Gruppe seien fertig. Dabei war ich der Kaputteste. Ich wog nur noch 48 Kilo.“ Die Fähigkeit der Selbstwahrnehmung war dem Drogenabhängigen völlig abhanden gekommen. „Ich dachte, ich hätte alles im Griff.“ Auch dann noch, als er sich eine Überdosis Heroin gesetzt hatte. „Ihr könnt nur helfen, wenn der andere Hilfe annimmt“, weiß Andreas Niedrig aus Erfahrung.

Während zu seiner Zeit überwiegend Heroin- und Kokain-Abhängige sich stationär therapieren ließen, würden heute schon 14- bis 16-Jährige wegen Marihuana-Konsums dort behandelt, so Niedrig. „Es gibt so viel genmanipuliertes Zeug, was dich wegknallt.“

Er, einer der besten deutschen, jugendlichen Rückenschwimmer, fing mit 13 Jahren an zu rauchen, dann folgten Marihuana, Kokain und später Heroin. „Ich wollte immer ganz viel. Meine Wünsche haben sich aber nicht erfüllt, dann wirst du unzufriedener.“ Es ging bergab. „Kiffen macht gleichgütig“, erzählt der Ex-Junkie. Rausschmiss von der Realschule, Abschluss der Hauptschule nach der neunten Klasse mit einem Durchschnitt von 4,5. Heute ist er beruflich erfolgreich, verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

„Ihr müsst ein klares Ziel vor Augen haben“, sagt der Oer-Erkenschwicker. Und dieses Ziel gelte es, konsequent zu verfolgen. „Seid flexibel, seid nicht starr, seid offen für andere Möglichkeiten.“ Er forderte die Schülerinnen und Schüler auf, sich Vorbilder zu suchen.

Seine Frau hat er durch eine gehörige Portion Selbstbewusstsein für sich gewonnen. Die ließ ihn beim ersten Treffen abblitzen, als er ihr sagte, er werde sie irgendwann heiraten und sie würden zusammen Kinder haben. Andreas Niedrig lud sich selbst zu ihr nach Hause zum Kaffee ein und stellte sich ihrem Vater als der neue Freund der Tochter vor. Jetzt sind sie seit 30 Jahren verheiratet.

Auch beruflich zeigte Andreas Niedrig Biss. Nach der Drogentherapie sprach er bei mehreren Firmen wegen einer Hilfstätigkeit vor. Es hagelte nur Absagen. Niedrig ließ sich nicht entmutigen. Er ging mehrere Tage immer zu den gleichen Firmen. Bis ihm ein Chef einen Job gab – Ziegelsteine sortieren. „Glaubt ihr, dass habe ich für die sechs Mark die Stunde gemacht oder weil es mir Spaß gemacht hat?“, fragte der 51-Jährige die Schüler. Nein, sondern für seine Frau, die ihn abends liebevoll umarmte, und seine Tochter. Andreas Niedrig berappelte sich. Zuerst machte er den Gabelstapler-Schein, später holte der 51-Jährige den Realschulabschluss nach und absolvierte eine Ausbildung zum Orthopädie-Mechaniker.

„Die Liebe für eine Sache trägt auch in schlechten Zeiten.“ Vielleicht solle man heute mehr um Dinge, auch Beziehungen, kämpfen, so der Leistungssportler. „Wir entscheiden, wann wir aufgeben“, sagte Andreas Niedrig.

Wichtig sei die Erkenntnis: „Kein anderer ist schuld an deiner Situation, außer dir selbst“. Es sei wie bei einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Gehe man mit guter Laune auf Menschen zu, würden die sich ebenso positiv verhalten. „Geht man mit einer langen Fresse raus, macht der andere das auch“, so Andreas Niedrig. Es gehe immer um Achtsamkeit.

Zum Sport ist der erfolgreiche Triathlet, der auch nach seiner Therapie noch zwei Schachteln Zigaretten rauchte, eher wieder zufällig gekommen. Eine 72-jährige Nachbarin fragte den nach Luft schnappenden jungen Mann im Treppenhaus, ob sie ihm helfen könne. Sein Vater nahm ihn mit zum Joggen. Der Anfang war gemacht.

Bekannt wurde Andreas Niedrig vor allem durch sein Buch „Vom Junkie zum Ironman“, das 2008 unter dem Titel „Lauf um Dein Leben – Vom Junkie zum Ironman“ verfilmt wurde. Andreas Niedrig wurde beim Ironman (3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren, 42,195 km Laufen) auf Hawaii 2001 Siebter – seine beste Platzierung.

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