Barbara Caveng will aus dem organischen Material im August einen Rundballen pressen lassen
Ein haariges Kunstprojekt

Schöppingen -

Schnipp, schnapp, Haare ab. Der wuschelige Kopfschmuck ist weg, die Reste liegen auf dem Boden, werden mit dem Besen beiseite gekehrt. Aus den Augen, aus dem Sinn. Wo die geschnittenen Haare beim Friseur im Regelfall landen? Darüber macht sich selten jemand Gedanken.

Montag, 29.04.2019, 06:00 Uhr
Das Haar symbolisiert die Unverwechselbarkeit des Menschen. Für das Projekt „Ha(a)rvest“ sammelt Künstlerin Barbara Caveng (l.) auch bei den Friseuren in Ochtrup die abgeschnittenen Strähnen. Petra Biallas (r.) von „Haarscharf“ hat spontan ihre Teilnahme an der Aktion zugesagt.
Das Haar symbolisiert die Unverwechselbarkeit des Menschen. Für das Projekt „Ha(a)rvest“ sammelt Künstlerin Barbara Caveng (l.) auch bei den Friseuren in Ochtrup die abgeschnittenen Strähnen. Petra Biallas (r.) von „Haarscharf“ hat spontan ihre Teilnahme an der Aktion zugesagt. Foto: Susanne Menzel

„Bei uns wanderten sie bisher in den Restmüll“, sagt Jennifer Hermes vom Salon Gaby Hermes . Zwar sind Haare organisches Material, aber sie verrotten kaum. Und durch die vielfach chemische Behandlung sind sie als Biomüll nicht geeignet. Seit ein paar Tagen allerdings kommen die blonden, roten, braunen oder schwarzen Strähnen, gerade oder gelockt, fein säuberlich in ein Eckchen in der Abstellkammer. Von dort in eine Tüte. Und die „sackt“ sich dann Barbara Caveng ein. Sprichwörtlich.

Die gebürtige Schweizerin mit Wohnsitz in Berlin, arbeitet für drei Monate im Schöppinger Künstlerdorf an einem ganz besonderen Projekt. „Ha(a)rvest“ hat sie es betitelt. 300 Kilogramm dieser im Wesentlichen aus Keratin bestehenden Hornfäden möchte sie bis Mitte August zusammen haben. Und aus dem Ergebnis will sie dann einen Rundballen – ähnlich wie bei Heu und Stroh – pressen lassen.

Gepresst wird zur Erntezeit

Gepresst wird der haarige Rundballen vermutlich Anfang August, der genaue Termin richtet sich nach der Erntezeit – und wann Lohnunternehmer Bernd Möllenkotte die Presse entbehren kann. „Wir haben nur einen Versuch, um die Haare in Form zu bringen. Wir halten ja nicht zweimal solch riesige Mengen vor“, gibt sich die Projekt-Künstlerin aber zuversichtlich. „Wir werden das Pressen als großes Event gestalten, zu dem auch alle Sammler eingeladen sind.“ In Schöppingen machen mit: der Salon Gaby Hermes (inklusive der Filiale in Asbeck), der Salon Carmen Völker sowie Andre Wesker – Die Friseure.

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„Dafür bin ich im gesamtem Münsterland bei den Friseuren vorstellig und bitte um deren Mithilfe“, sagt die 55-Jährige. Ob in Schöppingen, Nienborg, Heek, Ochtrup, Metelen oder Legden: „Alle machen begeistert mit“, freut sich Barbara Caveng über die Resonanz.

Für die Künstlerin, die schon 2013 in der Ahauser Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt im Rahmen der Projektreihe „Kritische Masse“ die Installation „Reaktorherz“ realisiert hat, ist die Haarsammlung aber „alles andere als nur eine Friede-Freude-Eierkuchen-Aktion“, wie sie betont. „In der Antike galt das Haar als Speicher von Lebenskraft sowie als Sitz der Seele. Wir kennen Haare aber auch als Botschafter: Sie tragen unsere DNA und ein einziges Haar kann Aufschluss über seinen Besitzer geben“, erläutert sie. Als Gründerin des Projektes „Kunstasyl“ hat sie in den letzten Jahren „viele Menschen kennengelernt, die in Deutschland Zuflucht gesucht haben – und von Beruf Friseur sind. Ich habe mich daraufhin mit der Branche an sich und der Kulturgeschichte des Haares auseinandergesetzt.“

Und erstaunliche Entdeckungen gemacht: „Der Friseur ist der einzige Fremde, den wir an unseren Kopf, an unsere Haare lassen. Wir übertragen ihm – oder ihr – eine enorme Verantwortung: Der Friseur soll uns schöner machen, unsere Attraktivität steigern. Und so viel Wert wir auch auf unsere Frisur legen – sind die Haare ab, werden sie für uns wertlos.“

Liegen die Haare später allesamt auf einem großen Haufen, lassen sie nicht mehr erkennen, wer der Besitzer war. Kam er von hier oder ist er zugewandert? Jung oder alt? Mann oder Frau? Allerdings löst die kontinuierlich anwachsende Haarsammlung auch ambivalente Gefühle beim Betrachter aus: „Besonders bei älteren Menschen werden Erinnerungen an die Zwangsrasur in der Nazizeit geweckt. In den Konzentrationslagern wurden die Köpfe geschoren – die Haare gesammelt und anschließend verkauft“, hat sich Barbara Caveng mit diesem düsteren Kapitel der Zeitgeschichte auseinandergesetzt. So wurden beispielsweise für Eisenbahner Füßlinge daraus gefertigt. Barbara Caveng: „Auch dieses Vorgehen von einst bildet noch einmal einen Denkanstoß.“

Über das Ziel des Haar-Rundballens hinaus experimentiert die 55-Jährige aber noch auf anderen Ebenen: So siebt sie die Haar-Reste und fertigt aus dem Ergebnis – einer filzähnlichen Konsistenz – etwa einen Tischbezug, streut die Härchen als Schriftzug auf ein Tuch oder setzt sie als Postkarte zusammen. „Die Haarmasse verändert sich dabei in ihrem Volumen nicht“, hat sie festgestellt, als sie mit dem Autoreifen versucht hat, die Postkarte „platt“ zu fahren.

Allen Versuchen gemein aber ist ihre Botschaft, die sie mit dem Projekt „Ha(a)rvest“ an den Mann und die Frau bringen will: „Die Gesellschaft unterliegt einem ständigen Wandel. Sie ist durchmischt. Jeder will dazugehören. Eine Gesellschaft, die sich hermetisch abriegelt, ist dagegen dem Untergang geweiht.“

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