Jugendheim Haltestelle startet neues Projekt
Zu wenig Anerkennung für Kinder

Schöppingen -

Die Würde des Menschen ist unantastbar, heißt es im Grundgesetz seit nunmehr 70 Jahren. Doch im Alltag sieht das manchmal anders aus. Deshalb beschäftigen sich Teilnehmer des Jugendheims Haltestelle in ihrem neuen Projekt „Normalerweise bin ich ganz anders“ mit diesem Thema.

Mittwoch, 05.06.2019, 08:00 Uhr
Der Filmemacher Julian Isfort unterstützt die Projektteilnehmer beim Erstellen eines Films.
Der Filmemacher Julian Isfort unterstützt die Projektteilnehmer beim Erstellen eines Films. Foto: Rupert Joemann

„Zwischenmenschliche Beziehungen in Schule, Arbeitswelt, Familie und Freundeskreis werden durch Verletzungen der Würde vergiftet“, ist Jugendheim-Leiter Rainer Scharmann überzeugt. Oft zerstöre schon der Zeitdruck die Beziehungen. „Jeder siebte Schüler leidet unter Ängsten. Viele Schüler haben Depressionen. Drei Jugendliche begehen am Tag Suizid“, so Scharmann.

Das Problem sei, dass Kinder und Jugendliche immer weniger geschützte Räume vorfänden. Auch Fehler würden den Heranwachsenden weniger verziehen. Häufig projizierten die Mädchen und Jungen das auf sich. „Man ist kein Fehler, man macht nur Fehler“, sagt Rainer Scharmann.

Das Sommerferien-Programm

Das Jugendheim Haltestelle bietet in den Ferien fünf Aktionen an. Am 17. Juni (Montag) findet um 19 Uhr im Jugendheim ein Elternabend statt, bei dem die Programmpunkte vorgestellt werden. Anmeldeschluss ist dann der 28. Juni (Freitag). Vom 13. bis 15. Juli findet eine Mittelrhein-Freizeit statt und führt die Teilnehmer rund um die Loreley. Die Kosten betragen 45 Euro. Zum Gokart-Fahren in Dankern mit anschließendem Besuch des dortigen Freizeitsees geht es am 17. Juli (Mittwoch). Der Preis beträgt 18 Euro. Die angemeldeten Mädchen und Jungen unternehmen am 19. Juli (Freitag) eine Tagesfahrt zum Kletterwald nach Borken. Die Kosten hierfür betragen zehn Euro. Eine Gedenkstättenfahrt nach Dresden, Bautzen und Prag unternehmen die Jugendlichen ab 14 Jahren vom 24. bis 30. Juli. Das Thema lautet „Im Schatten des Nationalsozialismus‘“. Die Gruppe besichtigt unter anderem das ehemalige Konzentrationslager Theresienstadt sowie das berüchtigte DDR-Gefängnis Bautzen. „Dort ist auch die Persönlichkeit der Insassen zersetzt worden“, so Jugendheim-Leiter Rainer Scharmann.

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Die circa 20 bis 25 Projektteilnehmer im Alter von 14 bis 18 Jahren werden Theaterszenen spielen, die später in einem Film festgehalten werden sollen. Dabei hilft der Filmemacher Julian Isfort (Münster), der bereits bei anderen Filmprojekten des Jugendheims mitgemacht hat.

Bei den Szenen sollen Fälle aus der Wirklichkeit nachgespielt werden. Die Opfer schlüpfen allerdings in andere Rollen, um nicht erneut die unwürdige Situation durchleben zu müssen. „Das Schauspiel ist die Möglichkeit, ehrlich zu sagen, was sie bewegt. In der Welt der Jugendlichen ist dies der Avatar, durch den sie handeln können, ohne etwas befürchten zu müssen.“

Viele Kinder und Jugendliche erführen keine Anerkennung. Sie hätten das Gefühl, nicht dazuzugehören, weiß der Jugendheim-Leiter aus vielen Gesprächen.

Scharmann betont, dass keine Situation, in der die Würde eines Menschen verletzt werde, stillschweigend übergangen werden dürfe. „Handeln und Moral hängen unmittelbar zusammen.“

Durch das Projekt sollen die Mädchen und Jungen lernen, Schamgefühle wahrzunehmen und auch auszusprechen. Das finde im Alltag oft nicht statt, weil „hinter Scham abwehrende Verhaltensweisen verborgen sind“. Diese gelte es aufzubrechen.

Die Idee zu dem Projekt entstand schon beim vergangenen Projekt „Auf dem Weg zum guten Leben“. Viele hätten ein solches gutes Leben nicht, so Rainer Scharmann. Zu häufig seien sie in ihrer Würde verletzt. Das will die Gruppe nun thematisieren. Geplant sind dafür etwa 15 Drehtage.

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