Quadro Nuevo in Schöppingen
Ein Märchen aus 1001 Ländern

Schöppingen -

Volkslied, Schlager, Jazz, orientalische Klassik, ein bisschen Balkan, eine Prise Valse Musette und Tango in all seinen Facetten: Wer ein Konzert mit Quadro Nuevo erlebt hat, weiß gar nicht, wo anfangen mit dem Erzählen. Wobei es wichtig ist zu wissen: Hier wird erzählt, nicht berichtet.

Montag, 14.10.2019, 18:06 Uhr
Ein selten intensives Erlebnis boten Quadro Nuevo im Alten Rathaus (v. l.): Andreas Hinterseher, Mulo Francel und Didi Lowka.
Ein selten intensives Erlebnis boten Quadro Nuevo im Alten Rathaus (v. l.): Andreas Hinterseher, Mulo Francel und Didi Lowka. Foto: Christiane Nitsche

So wie die Musik dieses einmaligen Quartetts Geschichten erzählt aus 1001 Ländern, aus ebenso vielen Kulturen und beinahe so vielen Emotionen. „Tango“ heißt der Abend, nach der gleichnamigen CD von Quadro Nuevo.

Es beginnt mit dem größten aller Gefühle, der Liebe: „Por una cabeza“ – eine Ode an die Verflossene, verkleidet in die Beziehungsgeschichte von Mann und Pferd, wird eingeleitet von Variationen am Piano über bekannte Motive des Tango. Astor Piazzolla lässt grüßen. Bereits hier wird der Ton gesetzt – bei aller scheinbaren Leichtigkeit im Vortrag gibt es an diesem Abend nichts Simples, kein Dur ohne Moll, keinen Rhythmus ohne Ausflug. Nichts hält ewig, weder in der Musik, noch in der Liebe, so scheint es.

Die so zauberhafte wie virtuos vorgetragene, musikalische Märchenstunde mit Chris Gall (Piano), Andreas Hinterseher (Akkordeon, Bandoneon, Vibrandoneon, Trompete), Mulo Francel (Saxofon, Klarinette) und Didi Lowka (Bass, Drums, Percussion) entführt das Publikum im voll besetzten Alten Rathaus Schöppingen zunächst nach Buenos Aires. Die Welthauptstadt des Tango hat bei den Musikern einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen – musikalisch, aber auch sonst. Man habe sich von argentinischem Wein durchfluten lassen, scherzt Mulo Francel.

Chris Gall am Piano

Chris Gall am Piano Foto: Christiane Nitsche

Wie sich das anfühlt, erzählt er anschließend mit dem Saxofon über dem schleichend das Tempo anreißenden Bass: Tango im Stil Piazzollas: „La Cumparsita“ heißt das Stück, das von der Spannung zwischen Saxofon und Akkordeon lebt, aber auch Raum für Chris Galls jazzige Improvisationen lässt, die an Keith Jarrett denken lassen. Dabei wechseln die Tempi mit den Emotionen – mal spannungsgeladen Andante, mal temperamentvoll Allegro geht es, mal treibend mit dem Saxofon, mal klagend in den höchsten Tönen des Bandoneons. Nur wenige Bandoneon-Spieler entlocken dem Instrument so zarte Töne, wie Andreas Hinterseher.

„Wir haben festgestellt, die gehen sehr flexibel mit dem Tempo um in Argentinien“, erklärt Mulo Francel, der weiter mit kurzweiligen Erklärungen durch den Abend führt. Beim dritten Tango aber ist das Publikum längst gefangen. Es braucht fast keine mehr – bloß mal eine Atempause, weil der Applaus viel Energie kostet.

Quadro Nuevo sind musikalische Weltbürger im besten Sinne, dabei wird der Begriff „Weltmusik“ dem, was sie machen, kaum gerecht. Im höchsten Grad virtuos, technisch hervorragend und vielfältig im Ausdruck lassen sie ihre Zuhörer nicht nur über imaginäre Tanzflächen in den Straßen von Buenos Aires schweben, sie gehen mit ihnen auch auf dem fliegenden Teppich auf Reisen. „Flying Carpet“, so der Name des Projekts, das sie mit befreundeten Musikern aus dem Orient aufgenommen haben. Auch hiervon gibt es eine Kostprobe, bei der man meint, Sheherezade habe der Klarinette ihre Stimme geliehen. 1001 Geschichte möchte man gerne hören auf diese Weise. Hier erweist sich unter anderem die Virtuosität von Didi Lowka, der neben dem Bass auch die Darabuka und diverse Rahmentrommeln beherrscht. Und als es später mal schnell gehen muss, beim Improvisieren über weiteren Piazzolla-Motiven, wird halt der Bass selbst in einem fulminanten Solo zum Percussion-Instrument.

Das Vibrandoneon

Das Vibrandoneon Foto: Christiane Nitsche

Dann wieder Konzertantes im Stil eines Yiruma: Chris Galls Komposition „York‘s Guitar“ perlt sich verhalten ein und webt dabei langsam einen Klangteppich für die anderen Instrumentalisten, die darüber ihre Geschichten erzählen, vom Reisen, vom gelebten Leben, von der Liebe. Natürlich, immer wieder die Liebe – im klassischen Tango, im Paso Doble, im Bossa Nova. Wunderschön: „El Día Que Me Chieras“. Augenzwinkernd: „Hoch auf dem gelben Wagen“. Leidenschaftlich intelligent: „Die Gedanken sind frei“ von Heinrich Heine, arrangiert von Mulo Francel. „Wir haben neulich in Freiburg an einem Freitag nach Fridays for Future gespielt“, erzählt er. „Das hat uns emotionalisiert.“

Wieder die Liebe. Die zeigt sich denn auch in den Reaktionen des Publikums: Viele verkaufte CDs, das Versprechen, wiederzukommen. Und minutenlanger Applaus im Stehen. Irgendwie doch ewig.

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