Jugendheim Haltestelle
Freiheit ist nicht selbstverständlich

Schöppingen -

Dass die eigene Freiheit keine Selbstverständlichkeit ist, davon überzeugten sich 15 Jugendliche und drei Begleiter des Jugendheims Haltestelle währen einer einwöchigen Bildungsfahrt nach Berlin.

Mittwoch, 23.10.2019, 05:00 Uhr
Referent Mischa Naue (r.) schilderte den Jugendlichen unter anderem seine Erlebnisse im Stasigefängnis Hohenschönhausen.
Referent Mischa Naue (r.) schilderte den Jugendlichen unter anderem seine Erlebnisse im Stasigefängnis Hohenschönhausen. Foto: privat

Mischa Naue , ehemaliger Gefangener des Stasigefängnisses Hohenschönhausen, stand den Schöppingern als Referent zur Verfügung. Er war somit ein besonderer Türöffner für die Jugendlichen, die Geschichte und aktuelle Politik lebendig zu erleben. Naue schilderte seine Erlebnisse mit dem Überwachungsapparat der DDR.

„Heute ist alles so selbstverständlich, so leicht, es kann für euch so genussvoll in Berlin und anderswo sein. Ihr als junge Generation kennt die Trennung und das Leid zwischen Ost und West nur vom Hörensagen. Und das ist auch besser so.“

Zu DDR-Zeiten war das anders. In der Schule wurde Mischa Naue schikaniert. Er musste sich staatlichen Autoritäten unterordnen. Das Bespitzeln der Bürger sei von unten angefangen. Keiner sei vor ihr sicher gewesen, so Naue. Nicht einmal den Nachbarn, Verwandten und Arbeitskollegen vertraute er. Die Ausnahme war für ihn Oma Hedwig.

„Glaubt mir, fast jeder ist erpressbar und manipulierbar. Viele geben ihre eigene Meinung auf und verschenken ihre Integrität, um auf die sichere und bequeme Seite zu gelangen und privilegiert zu sein. Dort wird der Mensch satt und bleibt sicher, auch wenn man infolgedessen seine eigene Meinung an Autoritäten verkauft hat“, sagte Naue.

Auch aktuell gefährdeten aus seiner Sicht wieder viele Themen die Grundbedürfnisse der Menschen nach Schutz, Sicherheit, Zusammengehörigkeit und Integrität. Themen wie soziale Gerechtigkeit, Globalisierung und den aufkommenden Rechtsruck in Teilen der Gesellschaft besprach Naue mit den Mädchen und Jungen.

Mit dem Fahrrad begaben sich die Schöppinger auf die Spuren von Hausbesetzern und Immobilienhaien, Hipstern und Party-Touristen. Berlin hat eine Spannbreite von Lebensentwürfen. Voller Widersprüche und gegensätzliche Lebensstile, so die Quintessenz der Teilnehmer: die arme Mitte, beispielsweise Moabit und Neukölln, die großen Plattenbauten der früheren DDR-Mittelschicht beispielsweise in Lichtenberg und Marzahn, der Hackesche Markt, Prenzlauer Berg, Friedrichshain, Kreuzberg, in denen zumeist Kreative, Aufsteiger, junge Familien und Studenten leben mit weltoffener und toleranter Atmosphäre, dann die westliche Mitte in Schöneberg, Charlottenburg mit hohem Lebensstandard und liberal-konservativem Milieu.

Geschichten zum ehemaligen Mauerstreifen, Multi-Kulti-Diskussionen, der Party Tempel Matrix, die East­side Gallery und bunte Kieze warfen die Frage nach menschenwürdigen Verhaltensweisen, menschlichen Grenzen und gesellschaftspolitischer Balance auf. „Mischa Naue sowie die Orte, an denen wir waren, haben die Jugendlichen zum Nachdenken gebracht“, zeigte sich Jugendheim-Leiter Rainer Scharmann sehr zufrieden mit dem Verlauf der Bildungsfahrt.

Auf dem Programm standen unter anderem auch Besuche des Jugendwiderstandsmuseums, des Stasi-Museums sowie eine geführte Radtour mit dem Titel „Arm, aber sexy“.

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