Schöppinger fuhr Hilde Ransenberg und ihren Sohn Werner mit dem Motorrad nach Stadtlohn
Franz Scheidler half bei der Flucht

Schöppingen -

Für viele ist die Geschichte abgehakt, weil erschlossen und faktisch belegt. So auch die letzten Monate der letzten jüdischen Schöppinger vor ihrer Ausreise aus Deutschland. Doch hier gibt es neue Erkenntnisse.

Sonntag, 08.11.2020, 16:31 Uhr
Mit seinem Motorrad soll Franz Scheidler die beiden jüdischen Mitbürger, Hilde und Werner Ransenberg, schon vor der Reichspogromnacht aus Schöppingen gebracht haben.
Mit seinem Motorrad soll Franz Scheidler die beiden jüdischen Mitbürger, Hilde und Werner Ransenberg, schon vor der Reichspogromnacht aus Schöppingen gebracht haben. Foto: Archiv Hilde Scheidler

Mutter Hilde und Sohn Werner Ransenberg, wohnhaft Wiegbold 129, der heutigen Amtsstraße.

Im Rahmen des VHS-Geschichtstreffens wurden die Umstände noch einmal neu beleuchtet. Die offizielle Lesart zur Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 in Schöppingen stammt vom damaligen Gemeindedirektor Hans Dillmann, 50 Jahre nach den Ereignissen, im Rahmen einer Buchrecherche über eben diese Nacht im gesamten Kreis Borken.

SA-Truppen kommen nach Schöppingen

Dem Bericht Dillmanns liegt ein mündlicher Bericht Josef Krögers zugrunde. Dem zu Folge hätten die Ransenbergs in besagtem Haus gewohnt, so vermutet man. Der damalige Amtsinspektor Josef Kröger sei in dieser Nacht telefonisch informiert worden, dass SA-Truppen nach Schöppingen unterwegs seien.

Falls es zu Ausschreitungen gegen das Textilgeschäft Ransenberg kommen sollte, dürfe die Polizei nicht eingreifen. Daraufhin sei der damalige Gendarm August Levenig gerufen worden, der sich vor dem Haus postiert hätte und die SA-Männer mit den Worten empfangen hätte: „Die Verwaltung sieht keinen Grund, Sachbeschädigungen zuzulassen. Übergriffe sind nur über meine Leiche möglich!“ So konnte tags drauf der Amtsbürgermeister Bernhard Wenke dem Kreis melden, dass „eine Aktion gegen Juden, insbesondere Tätlichkeiten, (. . .) hier selbst unterblieben sind.“

Hilde Scheidler erzählt die Geschichte ihres Vaters

In einem Interview mit den WN hat die damals zweijährige Hilde Scheidler nun die Geschichte geschildert, wie sie in ihrer Familie mündlich überliefert wird. Dadurch bekommt die Geschichte nun eine kleine, aber entscheidende Wendung.

Ihre Familie wohnte im selben Haus wie die Familie Ransenberg und war mit ihr befreundet. Laut Hilde Scheidler wurden die beiden Ransenbergs bereits vor der Reichspogromnacht aus Schöppingen hinausgeschafft. Wie es in der Familie Scheidler stets erzählt wurde, verhalf ihr Vater Franz Scheidler in einer Nacht-und-Nebel-Aktion den beiden zur Flucht, indem er sie mit ihrem verbliebenen Hab und Gut auf Beifahrersitz und Sozius seines Motorrads lud und sie zu Freunden nach Stadtlohn brachte, von wo sie weiter über die niederländische Grenze flüchten wollten. Hier verliert sich ihre Spur.

Die Verwaltung sieht keinen Grund, Sachbeschädigungen zuzulassen. Übergriffe sind nur über meine Leiche möglich!

August Levenig, Gendarm, in der Reichspogromnacht

Polizist August Levenig konnte somit mit Recht behaupten, dass es keinen Grund für eine Sachbeschädigung gebe, da Juden als Grund für Vandalismus und Tätlichkeiten bereits nicht mehr in Schöppingen lebten.

Offiziell abgemeldet wurden Hilde und Werner Ransenberg am 10. Dezember 1938. Eine Dringlichkeitsbescheinigung für eine Auslandreise, ausgestellt von Josef Kröger am 3. Dezember, ist das letzte amtliche Dokument im Gemeindearchiv Schöppingen. Allerdings fehlt der Adressat.

Rio de Janeiro ist das Ziel der Flucht

Nach Internet-Recherchen verließen Hilde und Werner Ransenberg den Hamburger Hafen am 13. Januar 1939 mit dem Schiff General Osorio und erreichten nach einigen Zwischenstopps Rio de Janeiro am 3. Februar. Hier wurde ihnen beiden Anfang 1941 der dauerhafte Aufenthalt in Brasilien erlaubt.

Ransenbergs mögen zwar noch offiziell in Schöppingen gemeldet gewesen sein, doch in Anbetracht der nahenden Gefahren durch die Nationalsozialisten und der sich verschärfenden antijüdischen Gesetze war eine illegale Flucht wohl die einzige Möglichkeit, einem schlimmeren Schicksal zu entgehen, wie es in den umliegenden Gemeinden reihenweise der Fall war.

Mehrere Schöppinger bewiesen Mut und Courage

Eine solche Rettungsaktion ist somit durchaus vorstellbar, war aber wohl nur mit Unterstützern denkbar. In die Reihe derer, die den Ransenbergs zur Flucht verhalfen und in dieser Zeit in Schöppingen Mut und Courage bewiesen, würde sich neben Amtsbürgermeister Bernhard Wenke, Amtsinspektor Josef Kröger und Polizist August Levenig nun auch der Sattler Franz Scheidler einreihen.

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