Kreis Coesfeld
Neuer „Lebensort“ für Gestrandete

Dienstag, 23.12.2008, 20:12 Uhr

Nottuln . Einfach nur Kind sein dürfen – das ist zu Weihnachten 2008 auch im Kreis Coesfeld nicht selbstverständlich. Immer mehr Jungen und Mädchen machen in der Familie, in die sie hineinngeboren werden, Gewalt- und Missbrauchserfahrungen. Vernachlässigung, selbst bei den Grundbedürfnissen wie Essen und Trinken, gibt es. „Familiensysteme werden bisweilen auf eine enorme Belastungsprobe gestellt“, weiß Wolfgang Viertel (49) vom Verbund Sozialtherapeutischer Einrichtungen (VSE). Seit sieben Jahren bietet die Organisation „Lebensorte“ für Kinder und Jugendliche aus Familien an, „die“, wie es der Sozialpädagoge ausdrückt, „nicht mehr funktionieren“. Ein solcher „ Lebensort “ – einer von sechs im Kreis Coesfeld in VSE-Trägerschaft – ist in Nottuln das Haus der Familie Stubbe. Die Eheleute Haakon (47) und Susanne (42) haben zusätzlich zu den drei eigenen Kindern noch zwei Pflegekinder aufgenommen.

Von außen ist nichts Besonderes zu erkennen: Vier Hühner gackern im Hof. An der Tür begrüßt ein Border-Collie freudig wedelnd die Besucher. Eine klassische Pflegefamilie? „Nein“, stellt Viertel klar. Kinder, die teilweise Traumatisierendes erlebt hätten, bräuchten neben der Beständigkeit und Intimität in einer ganz normalen Familie vor allem auch professionelle Unterstützung. „Wer als Kind die Erfahrung gemacht hat, dass er tagelang zu Haus nichts zu essen bekommt, der hortet in der neuen Familie schon mal Lebensmittel in seinem Zimmer“, nennt Viertel ein Beispiel. Darauf müssten die Pflegeeltern adäquat reagieren könen. Deshalb würden für diese „Sozialpädagogischen Lebensgemeinschaften“ Menschen aus dem pädagogischen Berufsfeld gesucht. Das Fachbereiter-Team des VSE bereitet die Interessierten auf die Aufnahme eines Kindes vor und begleitet sie auch später intensiv bei dieser Aufgabe.

„Eher zufällig“, berichtet Haakon Stubbe, sei er dazu gekommen. Er hatte vorher schon als Erzieher in einer Pflegefamilie gearbeitet. Dann entschloss er sich mit seiner Frau dazu, selbst eine Pflegefamilie aufzumachen. Vor viereinhalb Jahren kam das erste Pflegekind, das heute 17 Jahre alt ist. Vor einem Jahr noch ein zweites, heute zehn Jahre alt. Seinen Beruf zu Hause auszuüben, berichtet Haakon Stubbe, ein gebürtiger Belgier, der seit 1989 in Deutschland lebt, sei nicht unproblematisch. In einem Heim beispielsweise arbeitet ein Erzieher im Schichtdienst – „die Probleme lässt er dort – hier bleiben sie im Raum, 365 Tage lang“. Er und seine Frau schätzen daher die Unterstützung durch die VSE-Fachberater, die alle drei bis vier Wochen in die Familie kommen. Am Anfang, so Susanne Stubbe, sei besonders wichtig, den Kindern das Gefühl zu geben, „dass sie angenommen sind – und zwar genau so, wie sie sind“. Und dass sie, was immer sie auch anstellen, in der Familie bleiben. Gerade das ist eine neue Erfahrung für sie, gab es in der Vergangenheit doch immer wieder Beziehungsabbrüche. „Klar, dass man da misstrauisch wird – und das auch in der neuen Familie nur schwer ablegt. Die Kinder kennen ja nichts anderes.“

„Ihr gehört zu uns“, signalisieren die Stubbes ihren Pflegekindern. So fahren alle auch gemeinsam in Urlaub. Gibt es auch Unterschiede zu den eigenen Kindern? „Ja“, sagt Haakon Stubbe spontan, „unsere Tochter dürfte zu uns auch ins Ehebett kuscheln kommen“. Das sei bei den Pflegekindern anders. Wahrhaftigkeit im Umgang sei immer wichtig. Sie seien nicht die Eltern der Pflegekinder. „Sie haben noch Eltern. Und haben auch Kontakt zu ihnen“, berichtet er.

Nicht viele Menschen sind es, die sich auf das Abenteuer einer solchen erweiterten Familie einlassen. Viertel: „Die Warteliste ist lang. Wir sind ständig auf der Suche.“ Interessierte, die sich vorstellen können, Berufstätigkeit mit dem Zusammenleben mit „schwierigen“ Kindern zu verbinden, können sich unter 0251/981418 melden.

|www.vse-nrw.de

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