Ascheberg
Die Geschichte der Gnadenkirche

Sonntag, 04.07.2010, 23:07 Uhr

Ascheberg - Die evangelische Gnadenkirche in Ascheberg wurde am 17. Dezember 1950, dem dritten Adventssonntag , eingeweiht. Damit ging nach vielen Jahren die Zeit der wandernden Gottesdienste in Gasthaussälen, Schulräumen und dem katho-lischen Vereinshaus (heute Pfarrheim) zu Ende. Wer sich über die Entstehung und Geschichte der evangelischen Kirchengemeinde Ascheberg informieren will, findet reiches Material in der 1990 vom damaligen Pfarrer Jürgen Diener verfassten „Festschrift zum 40jährigen Kirchweihjubiläum“.

Ascheberg war bis zum Beginn der Evakuierten- und Vertriebenenströme aus den Großstädten und aus Ostdeutschland eine rein katholische Gemeinde gewesen. In den Jahren 1945 und später kamen Menschen, die nie den Wunsch gehabt hatten, sich in Westfalen, im Münsterland, in Ascheberg niederzulassen. Sie waren von der „Brandungswelle des Elends“ - so nannte der Lüdinghauser e Pfarrer Gerhard Barten diesen Zuzug - hierher geschwemmt worden, unter ihnen viele evangelische Christen, denen zunächst so gut wie jede geistliche Orientierung fehlte. Die katholischen Heimatvertriebenen fanden sich etwas leichter - keineswegs leicht - zurecht. Sie konnten sonntags und werktags in Kirchen gehen, die denen zu Hause gleich waren. Der Pfarrer sprach oder sang sein Latein, die Messdiener klingelten, die Lieder waren weitgehend aus der Heimat bekannt, und auch der Weihrauch roch wie „darheeme“. Die Bilder der Heiligen, besonders der Muttergottes mit dem Jesuskind, standen auch hier, bereit zu helfen und zu trösten, wenn man sie darum bat. Und das tat man mit Inbrunst und in der Hoffnung, dass die Rückkehr in die Heimat nicht all zu lange auf sich warten ließe.

Einige evangelische Christen besuchten hin und wieder auch die katholische Kirche , nicht sehr glücklich über einen solchen Seitensprung, aber überzeugt, dass hier der gleiche Gott wie in der Kirche der Heimat ihre Gebete hören würde. Sie beteten besonders gern das Vaterunser, das die Katholiken ja im gleichen Wortlaut sprachen.

Dass das Miteinander von katholischen und evangelischen Christen in dieser schweren Zeit keine Liebesgeschichte sein konnte, war jedem klar, der nur ein wenig von der Kirchengeschichte seit der Reformation wusste. Man musste sich auf beiden Seiten überwinden, aber die Katholiken hielten den längeren Hebel. Ihre Familien waren alteingesessen, man kannte sich seit Jahrzehnten. Die Evangelischen waren eine ortsfremde Menge von Menschen, die keine gemeinsame Heimat hatten, die sich erst nach und nach näher kennen lernten. Das allein war schon schwer genug. Ihre Dialekte waren sehr unterschiedlich und ähnelten nicht im mindesten dem münsterländischen Platt, das hier überall zu hören war. Aber eines Tages verstanden auch die Ostpreußen, was die alte schlesische Bäuerin meinte, wenn sie, wie immer und trotz kalten Winterwetters viel zu früh zum Gottesdienst erschien und in der Kirche leicht missbilligend feststellte: „No gor ni worm inne“ (Noch gar nicht warm hier drinnen).

Im Jahre 1950 konnte in Ascheberg die erste evangelische Kirche im Hoveloh eingeweiht werden. Es war eine sogenannte Bartningsche Notkirche, die nach dem Architekten Otto Bartning (1883 - 1959) benannt war. Die Gemeinde nutzte sie als Gotteshaus und als Gemeindehaus für Presbyteriumssitzungen und Treffen aller Art. Sie wurde der Mittelpunkt des kirchlichen Lebens, von allen begrüßt und von allen als nicht im mindesten vergleichbar mit der geliebten Kirche in der Heimat angesehen. Aber bald würde man ja wieder nach Hause zurückkehren können. So lange müsste die Bartning-Kirche als Ersatz dienen. In den vergangenen 55 Jahren ist sie aber eine echte Pfarrkirche geworden, nicht prächtig und nicht mächtig, aber ein geistliches Haus, das seine Gründer Gnadenkirche nannten, weil sie ihr Leben und Überleben als Gnade empfanden und weil für sie nun wieder eine Kirche im Dorf war. Die Bartning-Kirche in Ascheberg ist die einzige ihrer Art in Deutschland, die unverändert den Originalzustand zeigt. Sie steht unter Denkmalschutz, und manchmal staunen fremde Besucher, dass es sie überhaupt noch gibt.

Inzwischen hat sich vieles geändert. Viele der alten Heimatvertriebenen sind verstorben. Ihre Enkelkinder kamen hier zur Welt, wurden in der Gnadenkirche getauft und konfirmiert, manche auch getraut, und die Heimat ihrer Großeltern ist ihnen so fremd wie diesen einst Ascheberg. „Meine Oma stammt aus Schlesien-Holstein“, auch das hört man zuweilen von Kindern.

Es geschieht, wie überall, auch allerlei Ökumenisches. Vor Jahren legte der katholische Pfarrer nach Art der Apostel einer jungen Pfarrerin bei ihrer Ordination die Hände auf. Der Bischof von Münster war Gast des evangelischen Pfarrers. Trauungen evangelisch-katholischer Brautleute sind keine Seltenheit mehr. Die kleine Bartning-Kirche am Hoveloh ist schon längst eine Ascheberger Pfarrkirche geworden.

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