Kriminelle Jugend-Clique
Den Sinn des Lebens entdeckt

Ascheberg -

Vor einem Jahr hat ein jugendliche Clique Ascheberg unsicher gemacht. Einbruch, Diebstahl, Körperverletzung, Alkohol- und Drogenkonsum sind zwölf Monate später nach einem Sinn-Projekt überwunden.

Dienstag, 28.05.2013, 19:05 Uhr

Vor einem Jahr war ihm alles egal. Der junge Ascheberger ging kaum mehr zur Schule, klaute, ist eingebrochen, hat Leute angepöbelt, getrunken, Drogen konsumiert. Er gehörte zu einer polizei- und gerichtsbekannten Clique, deren kriminelle Energie von Woche zu Woche zunahm. Keine zwölf Monate später saß der gleiche Jugendliche, der mittlerweile die Schule wieder ernst nimmt und mit der Polizei nichts mehr zu tun hat, gestern im Bürgerforum des Rathauses und stellte fest: „Jetzt kann ich wieder durchs Dorf gehen, ohne schief angesehen zu werden.“ Wie dieser Wandel möglich war, zeigten gestern alle Beteiligten bei einer Pressekonferenz auf.

Bekannt war die Clique im Dorf schon länger. Als junge Eltern sich im Frühjahr 2012 beim Beigeordneten Klaus Limbrock beschwerten, weil ein Mitglied der Gruppe dem Sohn eine Schreckschusspistole an die Schläfe gehalten und gedroht hatte abzudrücken, warf er den Rettungsanker für die Jugendlichen: „Ich habe mir überlegt, wer sich alles damit befasst. Polizei, Jugendamt, Staatsanwaltschaft, Jugendgericht. Ohne groß zu überlegen, haben ich alle Beteiligten zu einem runden Tisch eingeladen. Ziel war es, die Wege zu verkürzen“, erinnerte Limbrock gestern an den Ausgangspunkt. Am 12. April 2012 wurden die Wege zwar kürzer, aber das Ergebnis des Gesprächs ging deutlich darüber hinaus. „Wir haben eine Sicherheits- und Ordnungspartnerschaft vereinbart, um die Kriminalität zu stoppen und für die Jugendlichen eine Perspektive zu entwickeln“, gibt Landrat Konrad Püning das Ergebnis wieder. Statt der Taten rückten die jugendlichen Täter in den Mittelpunkt des Bemühens. Mit dem Verein Paidaia aus Bochum wurde ein Projektpartner ins Boot geholt, der zwölf Monate mit den Jugendlichen gearbeitet hat. „86 000 Euro hat das Projekt gekostet, eine stationäre Jugendhilfe wäre mindestens doppelt so teuer gewesen“, informierte Limbrock.

Die Polizei hatte bis dahin einen Anstieg der Straftaten notiert, war im Bemühen, an die Jugendlichen heranzukommen aber gescheitert. „Die Familien blockten ab“, berichtete Kriminalkommissar Thomas Hummels gestern. Reinhard Frieling , Leiter der Wache Lüdinghausen, sprach von einer großen Respektlosigkeit gegenüber der Polizei. Sie ist auf während des Projektes auf de Strecke geblieben. Frieling selbst hat den Jugendlichen geholfen, die Rolle der Polizei neu zu ordnen und im Alltag mit ihnen nichts mehr zu tun: „Seit dem Beginn des Projektes sind sie nicht mehr aufgefallen.“ So sprach Oberstaatsanwalt Ludger Thiemann gestern auch „subjektiv betrachtet von einem großen Erfolg.“

Eingebunden in die Projektarbeit waren Mitarbeiter der OJA. Mit dem Auslaufen der Zusammenarbeit mit dem Verein Paidaia wird die Offenen Jugendarbeit die Clique nun betreuen. „Ich habe es oft erlebt, dass ein Problem definiert wird. Hier hat man es zur Aufgabe erklärt. Wir werden daran anknüpfen. Dafür wird es zusätzliche Ressourcen geben“, informierte Uwe Schenk von der Jugendhilfe Werne, dem künftigen Träger der offenen Jugendarbeit in der Gemeinde Ascheberg.

Der Verein Paidaia hat mit den Jugendlichen zu Projektbeginn „Verträge“ abgeschlossen, denn sie sollten freiwillig mitmachen. Sonst wären die Begleiter kaum zu den vielfältigen Ursprüngen der „Karriere“ in der Gruppe gelangt. Es gelang nicht nur alle Mädchen und Jungen ins Boot zu holen, sondern auch die verheerende Ausgangssituation durch starken Drogenkonsum zu überwinden. Gemeinsam gelang es den Jugendlichen in der Gruppe ihre Sucht zu besiegen. Bei der Arbeit war es wichtig, den Teilnehmern einen Wertekanon zu vermitteln. Neben der Arbeit in der Gruppe gab es zahlreiche individuelle Gespräche.

Der Vertrag sah zwei Pflichttermine und mögliche weitere Termine vor. Ein Verweigern hätte 85 Euro in Form von Sozialstunden gekostet – die Sanktion war überflüssig, denn den Teilnehmern gelang eine unglaubliche Wandlung, wie Paidaia-Mitarbeiter Ibrahim Ismail berichtete.

Neben dem Sinn-Projekt mit den früheren Intensivtätern gab es auch eine Zarathustra-Gruppe mit anderen Jugendlichen, wo die Isolation aufgebrochen wurde.

„Früher war mir alles egal, jetzt schaue ich nach vorne. In der Schule habe ich gute Noten“, beschrieb ein Jugendlicher gestern seinen Wandel. Ein Anderer stellte fest: „Als Herr Ismail mir vorgerechnet hat, wie viel Geld für ein gutes Leben nötig ist, habe ich begriffen, dass ich in der Schule mehr tun muss. Das hat mich motiviert.“

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