Ascheberg 24 - 9 Uhr
Jede Mülltonne hat einen Namen

Ascheberg/Davensberg -

Ascheberg einmal um die Uhr - Müllwerker Thomas Böcker stoppt morgens um 9 Uhr auf dem Wiedau in Davensberg, um die 384. Gelbe Tonne des Tages zu leeren. Ihn haben die WN im Führerhaus ein Stück begleitet.

Freitag, 16.08.2013, 09:08 Uhr

Die rechte Hand ist am Lenker, die linke bedient den Joystick. Der rechte Fuß pendelt zwischen Bremse und Gas, der linke ist für den Greifarm-Schalter verantwortlich. Und die Augen von Thomas Böcker sind überall. Zahlreiche Spiegel helfen ihm, rund um das Müllfahrzeug die Übersicht zu behalten. Die Straßen sind eng, die Kurven knapp bemessen. Es ist 9 Uhr auf dem Wiedau in Davensberg, gerade verabschiedet sich an diesem Vormittag der Inhalt der 384. Gelben Tonne ins Innere des Fahrzeugs. Dass sie leer ist, muss Böcker nicht sehen: „Ich höre es am Geräusch.“

Rund 530 Behälter sind auf der Runde im Davertdorf aufzunehmen, keine Tonne darf übersehen werden. Wird sie auch nicht, wenn Thomas Böcker gegen 6.45 Uhr seine Runde an der Burgstraße startet. „Immer rechts halten ist die Devise in neuen Bezirken“, erklärt der Müllwerker und hält sich als Davensberger Stammfahrer selbst an die Vorgabe. Das Wechselspiel zwischen Gas und Bremse ist bei ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Genau wie die Arbeit mit dem Joystick. Mit ihm wird der Greifarm bedient. Bewegt Böcker ihn hoch, geht auch der Arm mit der Tonne nach oben. Vier Funktionen sind mit einem Druck auf einen von vier gelben Knöpfen zu erledigen. Der Fachmann erklärt: „Wir müssen zehn Zentimeter vor oder nach einer Tonne stoppen. Dann können wir sie mit dem Greifarm erreichen. Ideal ist es, wenn sie einen halben Meter entfernt steht. Wir können sie aber vor dem Aufnehmen passend manövrieren.“ An diesem Morgen hat er ein Lob für die Davensberger parat, denn alle Tonnen stehen richtig. Er muss sie nicht drehen. Neulinge auf dem Rechtsfahrer-Fahrzeug benötigen drei bis sechs Monate, bis sich alles automatisiert hat.

Obwohl das Fahrzeug acht Meter lang ist, muss es wendig sein. „Davensberg besteht nur aus Sackgassen“, hat Böcker festgestellt. Oft muss er rückwärts rein, um beim Vorwärtsfahren alle Tonnen aufnehmen zu können. Welche Tonne wo stehen muss, hat sich über Jahre eingependelt. Wo es ganz schwierig wird, hat Böcker sich direkt an die Bewohner gewendet und im Gespräch eine Lösung gefunden. Aber es gibt auch Unverbesserliche: „Auf der Burgstaße sind Tonnen oft zugeparkt.“

Wenn Böcker nicht in eine Stichstraße hereinkommt, probiert er es mit einem Hupkonzert. Meldet sich niemand, fährt er am Ende der Tour noch einmal vorbei. Ist auch da nichts zu machen, werden die Tonnen auf einem Abstecher aus Lüdinghausen am Folgetag geleert. Das allerdings muss die große Ausnahme bleiben.

Die Gelbe Tonne hat den Vorteil, dass wenig Gewicht aufgenommen wird. So fährt Böcker die Tour in einem Rutsch durch. Gegen 9.30 Uhr wechselt er vom Dorf in den Außenbereich. Sind Biomüll und Restmüll an der Reihe, muss er zwischendurch einmal „kippen“. Maximal darf der Müllwagen elf Tonnen wiegen. Er ist übrigens für alle Müllsorten verwendbar.

Wer glaubt, dass die Müllwerker seit Mitte der 90er Jahre mit dem Einführen des Greifarms nicht mehr mitbekommen, was ihnen manche Zeitgenossen etwa in der Gelben Tonne unterjubeln wollen, irrt. Eine Kamera zeigt dem Fahrer, was er gerade zulädt. Wird eine Tonne öfter auffällig, gibt es die gelbe Karte. Insgesamt ist Remondis mit der Disziplin der Ascheberger beim Befüllen der Gelben Tonne unzufrieden. Genauso schmunzelt Böcker über Zeitgenossen, die ihre leere Tonne schnell wieder befüllen und auf die andere Straßenseite stellen: „Jede Tonne hat bei uns einen Namen. Ich sehe auch, wenn eine Tonne fehlt.“ Dazu kommt es morgens manchmal zu komischen Begegnungen, wenn Menschen im Schlafanzug das Gefäß noch schnell an den Straßenrand stellen.

Den größten Respekt hat Böcker vor dem Thema Sicherheit. Gerade hat er auf der Plettenberger Straße rechts eine Tonne abgestellt, als links eine unsichere ältere Radfahrerin vorbeifährt. Sie, staunende Kinder und alle anderen Verkehrsteilnehmer im Blick zu haben, ist genauso anstrengend wie das Fahren und Kippen. Neuerdings hilft ein Busfahrerspiegel. Körperlich ist die Arbeit durch den Greifarm einfacher geworden, müde ist Böcker nach der Tour trotzdem.

 
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