Backerei Hülsmann wird abgerissen
„Alles hat seine Zeit“

ASCHEBERG -

Der riesige anthrazitfarbene Kiefer der Schaufel klappt zu und bohrt sich in das rote Mauerwerk. Zielstrebig. Unbarmherzig. Laut. Stück für Stück bröckelt die Fassade des Backsteinhauses.

Samstag, 06.12.2014, 10:12 Uhr

Ohne Zuschauer  kommt die Abrissmaßnahme an der Dorfheide nicht aus. Denn die Nachbarn verfolgen interessiert, wie der über 199 Jahre alte Gebäudekomplex der Familie Hülsmann dem Bagger zum Opfer fällt
Ohne Zuschauer  kommt die Abrissmaßnahme an der Dorfheide nicht aus. Denn die Nachbarn verfolgen interessiert, wie der über 199 Jahre alte Gebäudekomplex der Familie Hülsmann dem Bagger zum Opfer fällt Foto: tani

Der riesige anthrazitfarbene Kiefer der Schaufel klappt zu und bohrt sich in das rote Mauerwerk . Zielstrebig. Unbarmherzig. Laut. Stück für Stück bröckelt die Fassade des Backsteinhauses. Große Löcher klaffen auf der einst ebenen Fläche. Eine Ära geht zu Ende. Theo Hülsmann blickt aus dem Küchenfenster seines neuen Hauses. Von hier hat er freie Sicht auf das Geschehen gegenüber. Auf den ersten Blick wirkt alles wie immer. Die Front der alten Bäckerei Hülsmann und seines alten Wohnhauses sind noch komplett. Noch. Denn von der Seite wütet der Bagger.

„Alles hat seine Zeit und jetzt ist die Zeit dafür gekommen“, sagt Theo Hülsmann. Wehmut schwingt nicht mit, es ist eine Feststellung. Er blickt der Tatsache ins Auge. „ Ascheberg ist kein wachsender Ort, die Einwohnerzahl stagniert, da kann man sich ausrechnen, was man für Zuwachs erreicht und ob es sich lohnt.“ Für ihn hat es sich nicht mehr gelohnt. „Wenn mein Sohn weitergemacht hätte, wo würde er dann in 20 bis 30 Jahren stehen?“ Es ist ein Rechenspiel in Zeiten wie diesen. Eines, das genau abgewägt werden will. Die Hülsmanns haben sich entschieden. „Wir haben wirklich viel in das Haus reingesteckt, aber wirtschaftlich gesehen rechnet es sich einfach nicht.“

Sein Leben lang war Theo Hülsmann auf der anderen Straßenseite zu Hause. Das alte Wohnhaus datiert aus dem Jahr 1909. „Die Bäckerei wurde weit vor 1895 errichtet“, weiß Ehefrau Inge . Einige Erinnerungsstücke, wie das Schild mit der Jahreszahl oder ein altes Treppengeländer haben Theo und Inge Hülsmann vor den großen Kiefern des Baggers in Sicherheit gebracht. „Früher war das alles anders, da gab es keine Kann-Bestimmung, da musste man nach der Schule antreten und auch davor“, erinnert sich Theo Hülsmann noch genau an längst vergangene Zeiten. Seinerzeit hieß die Devise schlicht und einfach zupacken. Arbeit war gefragt. „Vor der Schule haben wir als Kinder oft genug noch Heu gewendet, denn damals war hier auch noch Landwirtschaft ansässig.“ Damals. Heute ist alles anders. Morgen erst recht. Das Telefon klingelt. Inge Hülsmann greift direkt nach dem Gespräch zum Fotoapparat. „Der Giebel wird gleich eingerissen“, sagt sie und macht sich auf den Weg, um das Schauspiel zu verfolgen. Auch einige Nachbarn finden sich hinter dem Bauzaun ein, der rund um das Gebäude errichtet worden ist. Der gelbe Greifarm des Baggers ragt in den grauen Dezemberhimmel und steuert die Schaufel Richtung Giebel. Die Kiefer der Schaufel packen unerbittlich zu. Reißen erst Mauerwerk ein, dann folgen Fenster und Rollladen. Einsam und verlassen steht ein Heizkörper in der ehemaligen Fensteröffnung. „Man Theo, da bist du früher immer rumgegeistert“, ruft ein Nachbar. „Ja, früher, aber alles hat seine Zeit“, erwidert Theo Hülsmann nur. Denn in knapp einer Woche ist diese Ära zu Ende. Dem Boden gleich gemacht, wie Vorarbeiter Stefan Große Sundrup von der Firma Wolters erklärt. Dann ist die Zeit gekommen für einen Neubeginn. Das alte Haus Hülsmann lebt nur in den Erinnerungen und auf den Bildern weiter.

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