Ein literarisch-musikalischer Abend
„Umleitungen“ bringen Gäste ins Grübeln

Ascheberg -

Umleitungen sind lästig. Sie kosten Zeit und Nerven. Aber sie können auch neue Einblicke bieten. Viele Besucher waren am Freitag in die Gnadenkirche gekommen, um sich bereitwillig auf Pfade abseits der großen Straßen und bekannten Wege führen zu lassen.

Montag, 26.02.2018, 17:02 Uhr

Ulrike Schlottbohm  und Bernd Herrmann nahmen ihre Gäste mit auf literarisch-musikalische „Umleitungen“.
Ulrike Schlottbohm  und Bernd Herrmann nahmen ihre Gäste mit auf literarisch-musikalische „Umleitungen“. Foto: nico

Umleitungen sind lästig. Sie kosten Zeit und Nerven. Aber sie können auch neue Einblicke bieten. Viele Besucher waren am Freitag in die Gnadenkirche gekommen, um sich bereitwillig auf Pfade abseits der großen Straßen und bekannten Wege führen zu lassen. Im Rahmen des „Treffpunkts Kirche“ hatte der Förderverein der evangelischen Kirchengemeinde Mirjam zu „Umleitungen“ eingeladen - einem literarisch-musikalischen Programm mit Ulrike Schlottbohm und Bernd Herrmann. „Ich freue mich, dass die Kirche so voll geworden ist. Das haben wir nicht oft“, gestand Ulrike Naim , die Vorsitzende des Fördervereins, den Gästen, die das Gotteshaus fast komplett füllten. „Das Thema ‚Umleitungen‘ passt auch für unsere Kirchengemeinde wie die Faust aufs Auge, denn durch die Fusion mit Drensteinfurt müssen wir jetzt schauen, wohin unsere Reise geht“, so Naim.

„Du wirst umgeleitet. Von der großen Straße musst du ab, fährst kreuz und quer durch die Landschaft, und dann bleibst du stehen. Nichts ist los, nur der Benzintank leer.“ Es fängt so harmlos an. Die musikalischen „Umleitungen“ von Franz Josef Degenhardt

sind Auftakt (und später auch der Ausklang) eines Abends, der die Zuschauer mitnimmt auf eine Reise in unbekanntes Terrain, auf Nebenstraßen und Sackgassen des Lebens. Und die haben viele Facetten. Die beiden Ascheberger Künstler fassen sie in Worte, die auf schmalen Graten zwischen Idyll und Abgrund wandeln, die gesellschaftliche Werte und Normen infrage stellen, hinter Fassaden blicken. Bernd Hermann kleidet sie mit Franz Josef Degenhardts Liedern in Töne. Harmonisch und wohlgefällig klingen dabei die Akkorde seiner Gitarre, messerscharf die Texte. Wie beim Klassiker „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“, einer ebenso faszinierenden wie unheimlichen Ballade über die Anziehungskraft des Dunklen und Schmutzigen. Doch auch viele seiner anderen zeit- und sozialkritischen Lieder gibt es zu hören: Mit Degenhardts „Deutschem Sonntag“ zeichnet Hermann ein grässlich-unheilvolles Idyll, besingt, wie Gastarbeiter Tonio Schiavo als „Ithaker-Sau“ beschimpft und der schamlose Anpasser und Wendehals „Horsti Schmandhoff“ bewundert wird.

Ulrike Schlottbohm komplettiert das Programm mit der Rezitation literarischer Texte von Ingeborg Bachmann, Heinz Erhardt und Kurt Tucholsky. Besonders unter die Haut gehen Erich Kästners „Fantasie von Übermorgen“ und „Wo lernen wir leben?“ von Erich Fried. Zeitlos und treffend sind diese lyrischen Stücke alle, sie haben heute wie damals Gewicht. Und zwischen ihnen und den Degenhardt-Liedern tut sich für die Zuhörer die Frage auf: Wo ist er eigentlich, der „rechte Weg“, auf dem man bleiben soll, und warum beunruhigt das Unbekannte, Fremdartige eigentlich so? Antwort geben können Schlottbohm und Hermann nicht. Aber zum Nachdenken bringen. Und das ist ihnen mit ihren „Umleitungen“ bestens gelungen. Das Publikum bedankt sich mit begeistertem Applaus und erklatscht sich eine Zugabe.

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