Prozessionen in der Gemeinde
Bittgänge-Tradition wird weitergehen

Davensberg -

Mit dem Kriegsende 1945 kamen viele Vertriebene aus den ehemaligen Ostgebieten in unsere Region, die mit ihrer besonderen Spiritualität und uralten Traditionen die alteingesessene hiesige Gebetspraxis bereicherten. Eine fällt nun erstmals aus.

Mittwoch, 20.05.2020, 16:56 Uhr aktualisiert: 20.05.2020, 17:40 Uhr
Elisa Benedik und Clara Schulze Hobbeling Terhardt mit den ersten Holzkreuzen im Jahr 2019 direkt vor der Pfarrkirche
Elisa Benedik und Clara Schulze Hobbeling Terhardt mit den ersten Holzkreuzen im Jahr 2019 direkt vor der Pfarrkirche Foto: Wehrmann

Mit dem Kriegsende 1945 kamen viele Vertriebene aus den ehemaligen Ostgebieten in unsere Region, die mit ihrer besonderen Spiritualität und uralten Traditionen die alteingesessene hiesige Gebetspraxis bereicherten. Und exakt 75 Jahre später ist nun erstmals die Bittprozession der Erstkommunionkinder von Davensberg ausgefallen. Sie sollte am Dienstag stattfinden und ist ebenso wie das große Fest der Erstkommunion zwei Tage später ins Wasser gefallen, heißt es in einer Pressemitteilung von Pastoralreferent Ralf Wehrmann .

Doch was steckt hinter dieser speziellen Form des Gottesdienstes in der freien Natur? Bittgänge gab es im ländlichen Bereich Westfalens schon seit Menschengedenken, gerade in den Tagen vor dem Fest „Christi Himmelfahrt“. Sie sind als Feld- und Flurprozessionen, bei denen direkt am Wegesrand um ein gutes Wachstum der ausgesäten Körner und der frischgepflanzten Setzlinge gebetet wird, quasi das Gegenstück zum Erntedank-Fest im Herbst, wenn sich die bäuerliche Welt bei Gott für das gutes Ergebnis bedankt. Bitte und Dank gehören für Christen zusammen. Die Westerwinkel-Prozession in Herbern zehn Tage nach Fronleichnam ist wohl aus vergleichbaren Wurzeln des Gottvertrauens erwachsen. Auch sie muss in der bisherigen Form der Corona-Entwicklung weichen.

Was ist aber das Besondere in Davensberg? Eine eindrückliche Bronzeplatte an der Kirchentür von St. Anna erinnert an die verlorenen Herkunftsorte der damaligen Neubürger, die schon seit Jahren hervorragend in den Lebensalltag eingebunden sind. Der ehemalige Davensberger Pfarrer Hans-Hermann Spinat und der langjährige Küster Ewald Olbrich erinnern sich am Telefon: „Hier war die Tradition eines solchen Flurumgangs vor der Ankunft von Pfarrer Spinat etwas in Vergessenheit geraten. Bei der Neuauflage, die Richtung Eickholt ging, wo auch ein Gottesdienst unter freiem Himmel stattfand, brachte Herr Olbrich aus seiner schlesischen Heimat die alte Idee der selbstgefertigten kleinen Holzkreuze mit. Jeweils drei von Ihnen wurden an einer der Gebetsstationen abschließend in die Erde gesetzt,beispielsweise in den weichen Ackerboden. Die Kreuze waren sozusagen ein zurückbleibendes Segenszeichen Gottes, auch wenn die betende Gemeinschaft weitergezogen war. Manchmal waren sie Monate später immer noch dort oder man konnte zumindest sehen, wo sie mal steckten. Pater Völler hat in der Zeit seines Wirkens in Davensberg diese schöne Form des Schöpfungsgebetes immer hochgehalten. Und heute ist der Funke auf die jüngere Generation übergesprungen.“

Nach wie vor fertigt Ewald Olbrich die schlichten, aber eindrücklichen Holzkreuze in Handarbeit und begleitet die bunte Gemeinschaft aus alten und jungen Davensbergern durch Feld, Wald und Wiese. In den letzten Jahren ging der Weg Richtung Friedhof, Wäldchen „Im Hemmen“ und dann zurück zur Pfarrkirche St. Anna, wo ein letztes Vater unser gebetet wurde. Für 2020 war ein etwas anderer Weg geplant, der nun halt im nächsten Jahr gegangen wird.

Pastoralreferent Ralf Wehrmann schreibt dazu: „Jeder guter Bauer weiß, dass er mehr abhängig ist von der Natur, als die Natur von ihm. Das sensible Schöpfungsgleichgewicht von Pflanzen, Tieren und Mensch ist überall eine uralte Erkenntnis, und die Bitte an Gott, zu einem guten Miteinander beizutragen, ein elementares Kulturgut. Heutzutage sind nur noch wenige Menschen unmittelbar in der engeren Landwirtschaft erwerbstätig, die direkte Abhängigkeit von den eigenen Äckern vor der Haustür wandelt sich spürbar. Die Wetterkapriolen der letzten Jahre, aber auch der globale Blick auf den Klimawandel, lassen dennoch gerade viele junge Menschen nachdenklich werden, wie zukünftig mit unseren natürlichen Ressourcen umzugehen ist. Die Perspektive auf den Schöpfergott ist daher vielen wichtig. Wegen des Neubaugebietes „Im Hemmen“ ziehen in den nächsten Jahren auch Familien mit kleinen Kindern nach Davensberg. Wie schön wäre es doch, wenn sie die direkt benachbarte Naturlandschaft ebenso wertschätzen wie die Alteingesessenen? Ich bin mir sicher, dass dann die schöne Tradition des Bittganges noch sehr lange und vital aufrecht erhalten werden wird.“

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7417443?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F104%2F158%2F
Nachrichten-Ticker