Herberner Handwerksgeschichte
Schmiede für Hufeisen und Reifen

Herbern -

Zurückgeblieben ist ein Haufen Schutt. Das gerade abgerissene Haus an der Münsterstraße hat aber eine spannende Geschichte zu erzählen. Besonders wegen der Schmiede, die es früher nebenan gab.

Samstag, 12.09.2020, 09:00 Uhr
Abriss Münsterstraße
Abriss Münsterstraße Foto: Theo Heitbaum

Wenn Hubert Niesmann von Reifen spricht, werden die meisten Menschen stutzen. Denn der 81-jährige Herberner redet nicht von den Gummiteilen, die auf Auto- oder Fahrradfelgen sitzen: „Das sind Pneus!“ Für ihn werden Reifen aus Stahl gefertigt. Das hat er als junger Mann in der Schmiede Stentrup an der Münsterstraße gelernt. Dort, wo Esse und Amboss standen, ist schon vor Jahrzehnten ein Wohnhaus gebaut worden. Mit dem Abriss des früheren Wohn- und Geschäftshauses der Familie Stentrup hat sich in dieser Woche ein Stück Herberner Handwerksgeschichte verabschiedet.

Die Zeitreise in die 1950er Jahre beginnt genau genommen schon früher. Hubert Niesmann, neben der Brügge-Mühle in Arup geboren und aufgewachsen, kommt als Schulkind täglich an der Schmiede vorbei, interessiert sich für das Geschehen und startet 1954 eine Lehre als Huf- und Wagenschmied bei Stentrup.

Gegründet wurde die Schmiede übrigens auf Westerwinkel. Genauer: Im freistehenden Gebäude der Neuen Häuser. „1842 hat der Graf von Merveldt einen Wilhelm Stentrup aus Warendorf nach Westerwinkel geholt“, berichtet der gleichnamige Wilhelm Stentrup aus der Familiengeschichte. 1880 übernahm ein Bernhard Stentrup, der an der Münsterstraße in Herbern baute. Der Umzug hat in den Jahren 1885/1886 stattgefunden. Die nächste Generation, wieder ein Wilhelm, übernahm 1919. Später waren Hans und heute Josef Stentrup die Inhaber.

Abriss Münsterstraße

Abriss Münsterstraße Foto: Theo Heitbaum

Für Niesmann ging es aber an der Münsterstraße los. Die meisten Pferde, die beschlagen werden mussten, arbeiteten in der Landwirtschaft. Sie zogen Pflüge und Binder. „Die ersten Pferde kamen morgens um sieben Uhr, die letzten in der Hochsaison abends um acht Uhr“, berichtet Niesmann von ausgefüllten Arbeitstagen. Zu Beginn wurden die Hufeisen komplett geformt, später Rohlinge verwendet. „Man musste bei der Arbeit schon aufpassen. Besonders bei den jungen Pferden und den Reitpferden, die waren immer aufgeregter“, blickt Niesmann zurück: „Die Ackergäule dagegen waren meistens müde.“

Schmiede Stentrup 1950er Jahre

Schmiede Stentrup 1950er Jahre Foto: privat

Von den Hufeisen zu den Reifen: Ob Sturzkarre oder Ringstenwagen, außen schützte ein Stahlring, der Reifen, das aus Holz gefertigte Rad. Es sind Stücke, die heute in Museen zu finden sind.

Wenn Reifen hergestellt wurden, brannten beide Feuer der Esse. Und es packten mehrere Männer zu, um den Stahlring aufzuziehen: „Man musste gut aufpassen, dass mit dem Eisen das Holz nicht angezündet worden ist. Es standen immer Wassereimer dabei.“ Weil die Tätigkeiten heute exotisch anmuten, entsteht möglicherweise ein falscher Eindruck. Es kamen früher nicht ein Pferd pro Woche, ein Reifen pro Tag: „Wir haben manchmal 30 Reifen am Tag aufgezogen“, sagt Niesmann. An der Brügge-Mühle hat er von seinem Vater auch einen Reifentrick gesehen. Im Sommer hat sich das Holz zusammengezogen. Der Reifen schlackerte: „Mein Papa hat ihn in den Mühlteich geworfen. Dort hat sich das Holz voll Wasser gezogen und der Reifen passte wieder.“

Der Herberner hat 1959 zwischen Weihnachten und Neujahr noch den Umzug der Schmiede von der Münsterstraße zum Kirchplatz mitgemacht, um sich im folgenden Jahr zu einer Lehre als Landmaschinenschlosser nach Münster zu verabschieden. Denn sein erster Lehrberuf wird immer weniger gefragt: „In den 1950er Jahren kamen immer mehr Trecker, bald danach die ersten Mähdrescher“, berichtet Niesmann über einen Wandel in der Landwirtschaft, der ein Berufsbild verändert hat. Er selbst hat es noch mit dem Anfertigen von Gittern erlebt. Geblieben ist heute noch, dass weiter Pferde beschlagen werden. Aber einen Reifen aus Stahl aufziehen? Das gehört zur Geschichte. Die Schmiede wurde übrigens Ende des Jahres 1979, Anfang 1980 abgerissen. „Am 2. Mai 1980 haben wir angefangen für den Neubau auszuschachten“, erinnert sich Wilhelm Stentrup.

Schmiede Stentrup 1950er Jahre

Schmiede Stentrup 1950er Jahre Foto: privat

Nebenan betrieben die Schwestern des Schmieds ein Geschäft, ähnlich wie das oben im Dorf bei Bockel der Fall war. Lange blieb das Ladenlokal geöffnet, denn später war hier die Herberner Fundgrube, ein Second-Hand-Laden zu finden. Mit dem Verkauf an die Gemeinde Ascheberg wurde das Gebäude als Flüchtlingsunterkunft genutzt. Diese Woche hat es für den Bau einer Tagespflege Platz gemacht.

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