Havixbeck
Dunkelstes Deutschland

Dienstag, 11.09.2007, 23:09 Uhr

Von Dieter Klein

Havixbeck . Das Forum, eine Bühne im Dunkeln. Die Schauspieler mitten unter dem Publikum. Nur während ihrer Monologe wurden sie von einem Deckenspot grellweiß aus dem Schwarz geschnitten. Alles Andere blieb schwarz. Rabenschwarz wie auch der Inhalt des Stücks: „Der Kick“.

Das Drama – ähnlich einer Szene aus dem amerikanischen Film „American History X“ – war sicherlich das ungewöhnlichste Arrangement, an das sich die Havixbecker Theater-Gruppe „Das Törchen“ je herangewagt hat. Und, um es vorweg zu sagen, wirklich beeindruckend zu der Tragödie aufzubauen, wie es die „Fall-Doku“ von Andres Veiel und Gesine Schmidt verlangte. Die Geschichte dreier Jugendlicher, die im Sommer 2002 in einem kleinen Dorf in der Uckermark einen Vierten, erst quälen und dann unter ihren Springerstiefeln zu Tode treten.

Eine Pause gab es am Montagabend nicht. Zwei Stunden dauerte das Schauspiel – um die bunten Bilder einer blühenden Landschaft in stumpfer Schwärze untergehen zu lassen. Zwei Stunden nur Monologe, kleingeistiger Dörflichkeit, selbstgerechter Vergangenheits-Bewältigungs-Versuche. „Dunkeldeutschland“ in seiner dunkelsten Form. Zwei Stunden, die keinen Gedanken an Wärme, Freunde, Bier und Fröhlichkeit oder Müdigkeit aufkommen ließen.

Dabei kamen nicht nur die Mörder zu Wort. Da gab es ja auch noch die anklagende Mutter des jungen Opfers: „Dort sitzen die Bestien“, schleuderte sie den Verteidigern entgegen „richtet sie so, wie sie meinen Jungen umgebracht haben.“ Dann die monotonen Monologe der Eltern von den beiden Mörderbrüdern Marcel und Marco, hoffnungslos in den Versuchen, ihr eigenes Versagen der vermurksten Zeit zu zuschieben. Ein Dilemma, aus dem sich auch andere, nicht unmittelbar Betroffene, nicht befreien konnten: Dörfler, Pfarrer, Nachbarn – erschreckend in ängstlicher Hilflosigkeit. Zum Beispiel der „Verhörende“ – ein Staatsdiener, von der schrecklichen Qualität des Geschehens sichtlich überfordert. Ein Staatsanwalt, dessen infantiles Gedankengut in Geschwafel blubberte: „Die Täter Marco und Marcel Schönfeld sowie Sebastian Fink hatten ein dumpfes rechtsextremistisches Gedankengut und den unbedingten Willen, das in Gewaltform auszuleben. Am Tatabend war weder ein Asylbewerber oder irgendjemand, auf den ihr Feindbild zutraf, vorhanden. Deshalb musste hier ein Kumpel als Notopfer herhalten.“

Dass die Täter letztlich zu langjährigen Haftstrafen verurteilt wurden, war nichts mehr hinzuzufügen. Wie die Havixbecker Theaterleute vom „Törchen“ aber – ohne szenische Effekte – allein aufs Sprachliche angewiesen, diesen grausamen Mix von Vorurteilen, Hilflosigkeit und dumpfem Sumpf zerlegten, zeigte sich in einer beeindruckenden Kreativität.

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